In Berlin angekommen, gelang es Doyle trotz der Empfehlungsschreiben nicht, eine Eintrittskarte zu Kochs Event zu ergattern. »Ich hatte den tollkühnen Einfall, mir eine von Koch höchstpersönlich geben zu lassen und machte mich auf den Weg zu seinem Haus«, schrieb er. »Dort wurde ich Zeuge eines wunderlichen Geschehnisses – der Ankunft seiner Post. Im Flur wurde der Inhalt eines großen Sacks auf den Boden geleert, eine Unmenge Briefe, frankiert mit Marken aus allen möglichen Ländern Europas. Sie waren traurige Zeugen der vielen gebrochenen Existenzen und schweren Herzen, deren ganze Hoffnung auf Berlin ruhte. Koch gefiel sich jedoch in der Rolle des verborgenen Propheten und empfing weder mich noch irgendeinen anderen Besucher.«
Professor Dr. Heiner Barz ist Bildungsforscher und leitete bis zu seinem Ruhestand die Abteilung für Bildungsforschung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Seine Schwerpunktthemen liegen an der Schnittstelle von Bildung, Gesundheit und Medizin
Auf dem Weg zur Tuberkulin-Demonstration schaffte es Doyle, zumindest am Klinikgebäude vorbeizukommen, nachdem er den Pförtner bestochen hatte. Am eigentlichen Veranstaltungssaal war jedoch Endstation. Und Professor Bergmann, dem er sich in den Weg stellte, wies ihn als lästigen »Engländer« ab. »‘Meine Vorlesungen sind ohnehin schon voller Engländer.‘ Er spuckte das Wort ‚Engländer‘ förmlich aus«, erinnert sich Doyle.
Ein amerikanischer Arzt aus Bergmanns Gefolge hatte die Szene beobachtet und wandte sich an Doyle mit den Worten. »Das war schlechtes Benehmen« und machte ihm einen Vorschlag. »Sie treffen mich heute Nachmittag um vier, und ich zeige Ihnen all meine Notizen zur Vorlesung. Und ich kenne die Fälle, über die er sprechen wird. Wir können sie uns morgen zusammen ansehen.«
Doyle war nach wie vor nicht überzeugt von der Wirksamkeit von Kochs Heilmittel. In seinem Brief an den »Daily Telegraph« betonte er daher, dass Tuberkulin nicht das Bakterium selbst bekämpfe, sondern lediglich Spuren infizierten Gewebes entferne. Das veranschaulichte er am 20. November 1890 in der Zeitung so: »Es ist, als würde ein Mann, dessen Haus von Ratten befallen ist, jeden Morgen die Spuren der Tiere entfernen und erwarten, sie so loszuwerden. Professor Koch selbst räumt ein, dass der Erreger unberührt bleibt …«
In seinen Memoiren kam Doyle auf die Berlin-Reise und den Brief an den Telegraph-Herausgeber zurück: »Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieser Brief der allererste war, der diesbezüglich Zweifel äußerte und zur Vorsicht mahnte. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass ich mit meiner Warnung recht behalten sollte.«
Koch selbst war angesichts der tatsächlich ausbleibenden Heilerfolge und der umkippenden öffentlichen Meinung Anfang des Jahres 1891 in einen mehrmonatigen »Erholungsurlaub« nach Ägypten verschwunden. Dort wartete er ab, bis sich die Wogen geglättet hatten. Sherlock Holmes, alias Sir Conan Doyle, hatte offenbar den richtigen Spürsinn gehabt.