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Glosse
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Der Tag, an dem ChatGPT Dienst hatte

Künstliche Intelligenz schreibt Reden, komponiert Sinfonien und fasst Sitzungsprotokolle zusammen – die ohnehin niemand lesen wollte. Beeindruckend. Aber kann sie auch Apotheke? Wir machen die Probe aufs Exempel.
AutorKontaktSven Siebenand
Datum 30.06.2026  10:00 Uhr

Um zu testen, wie gut KI wirklich ist, hätte ich einen Vorschlag: Man nehme das leistungsfähigste KI-System der Welt und stelle es an einem ganz normalen Tag in eine Apotheke vor Ort. Nicht ins Silicon Valley, sondern nach Rödermark. Oder Wallenhorst. Oder Heringen.

Dort wartet schon die erste Kundin. »Ich brauche diese Tabletten. Die weißen. Runde. Die hatte ich schon mal. Die Packung war, glaube ich, blau. Oder grün. Mein Mann weiß das.« Die KI antwortet höflich: »Bitte nennen Sie mir den Namen des Arzneimittels.« Die Kundin antwortet ebenfalls höflich: »Ja, wenn ich den wüsste!« Der Prozessorlüfter springt an.

Es folgen vier wartende Kunden. Ein E-Rezept, das laut Arzt längst da sein müsste, aber offenbar noch eine spirituelle Reise durch den Datenraum macht. Zwei Lieferengpässe. Ein Telefonat. Drei Rückfragen der Arztpraxis. Und der Satz, vor dem sich jede Offizin fürchtet: »Ich hätte da nur mal ganz kurz eine Frage.« Jeder weiß, dass das Wort »kurz« in Apotheken ungefähr dieselbe Bedeutung hat wie »ruhig« in der Notaufnahme. Wenn die KI diese Schicht überlebt, bekommt sie keinen Nobelpreis, sondern eine Pause bis morgen.

Oft wirkt die KI erstaunlich souverän. Sie beantwortet Fragen mit beeindruckendem Selbstvertrauen. Dass die Antwort auch stimmt, ist aber eher ein optionales Feature.

»Kann ich mein Antibiotikum zusammen mit Grapefruitsaft einnehmen?« Die KI liefert vier elegant formulierte Absätze. Die Apotheke stellt erstmal eine wichtige Gegenfrage. »Welches Antibiotikum?«

Die KI verzweifelt ein wenig. Sie schreit nach sauber formulierten Prompts. In der Apotheke gibt es aber sowas wie: »Ich brauche was für Schwindel. Oder gegen meine Schwiegermutter. Mal sehen, was Sie zuerst finden.« Oder: »Mein Arzt hat gesagt, Sie wissen Bescheid.« Nein. Tun wir nicht. Noch nicht. Aber nach zwei Rückfragen, einem Blick auf die Kundenkarte und der Information, dass »die Packung letztes Mal anders aussah«, ist der Fall meistens gelöst. Sherlock Holmes hätte es auch nicht besser hinbekommen.

Seit Jahrzehnten verarbeitet die Apotheke unvollständige Informationen, widersprüchliche Aussagen und spontane Richtungswechsel. Die Informatik nennt das Machine Learning. Die Apotheke nennt das einen ganz normalen Arbeitstag.

Vielleicht wird KI irgendwann jede Leitlinie auswendig können, Wechselwirkungen in Millisekunden erkennen und Arzneimittelengpässe vorhersagen. Ich wünsche ihr viel Erfolg. Aber erst an dem Tag, an dem sie, ohne mit der Prozessorleistung zu zucken, versteht, was der Satz »Das besorge ich für einen Bekannten« wirklich bedeutet, nebenbei ein verschwundenes E-Rezept aufspürt und einen Kunden davon überzeugt, dass Antibiotika keine Homöopathie sind, reden wir weiter. Bis dahin bleibt die intelligenteste Technologie in der Apotheke immer noch der Mensch hinter dem HV-Tisch.

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