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Impfen in der Apotheke
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»Der Prozess muss sitzen«

Wer mit dem Impfen anfangen will, braucht nicht nur die entsprechende Fortbildung, sondern auch einen gut durchdachten Prozess, der das gesamte Apothekenteam einbindet.
AutorKontaktDaniela Hüttemann
Datum 13.03.2026  16:20 Uhr

Aktuell dürfen Apotheken in Deutschland Schutzimpfungen gegen Influenza (für Personen ab 18 Jahren) und Covid-19 (ab zwölf Jahren) durchführen. 2025 haben das nach Angaben der ABDA bundesweit 1682 Apotheken, also in etwa jede zehnte, auch getan.

Um impfen zu dürfen, muss mindestens eine Apothekerin oder ein Apotheker im Team die entsprechende Qualifikation erwerben – sie oder er muss ärztlich geschult sein, was auch im Rahmen der Regelversorgung erfolgen kann. Die meisten dürften ihre Qualifikation über entsprechende Fortbildungen der Apothekerkammern erreichen. Das aktuelle Curriculum hat einen zeitlichen Gesamtumfang von 14 Fortbildungsstunden à 45 Minuten, davon mindestens vier Einheiten mit praktischen Übungen und mindestens zwei zur Ersten Hilfe bei Impfreaktionen.

Haftpflicht, Hygiene und Terminbuchungstool

Der Betriebserlaubnisinhaber muss eine entsprechende Haftpflichtversicherung abschließen, das Impfen der zuständigen Behörde melden und die betrieblichen Abläufe im QMS festlegen. Es braucht einen Hygieneplan, Arbeitsschutzmaßnahmen und das nötige Material. Dann kann es losgehen.

In der Alten Apotheke 1691 in Bochum impft Inhaberin Dr. Inka Krude gemeinsam mit sechs angestellten Apothekerinnen und Apothekern bereits in der fünften Saison. Rund 3000 Grippe- und Covid-19-Impfungen hätten sie in dieser Saison geschafft, davon den Großteil im Oktober an sechs Tagen die Woche, berichtet sie der PZ. Dafür ist der Beratungsraum den ganzen Tag belegt, denn ein geeigneter Raum mit entsprechender Ausstattung und Wahrung der Privatsphäre ist vorgeschrieben.

Jeder im Team weiß Bescheid

»Damit das funktioniert, muss der Prozess komplett durchstrukturiert sein und alle im Team müssen Bescheid wissen und sich beteiligen«, erklärt Krude. Essenziell ist ein Terminbuchungstool, in dem die Apotheke ihre möglichen Slots freischaltet. Eine Liege ist übrigens nicht vorgeschrieben. Sie wäre nur dann Pflicht, wenn ein Patient im Anamnesegespräch angibt, dass er schon einmal bei einer Impfung ohnmächtig geworden sei. In diesem Fall kann die Apotheke den Patienten an eine andere Impfstelle verweisen.

Betritt jemand mit Impftermin die Alte Apotheke 1691 in Bochum, sieht das Procedere wie folgt aus: Der nächste freie Mitarbeitende hinter dem HV begrüßt die Person und bedankt sich, dass sie sich für die Impfung in der Apotheke entschieden habe. Es wird gefragt, welche Impfung gewünscht sei und ob die andere auch infrage komme. Die GKV-Karte wird eingelesen beziehungsweise bei Privatversicherten werden die Daten aufgenommen. »Oft stellen wir fest, dass noch ein E-Rezept vorliegt, was dann gleich eingelöst werden kann«, erzählt Krude.

STIKO-Indikation und Gegenanzeigen klären

Dann wird der Impfling mit dem Anamnesebogen in den Beratungsraum geschickt. Die impfende Apothekerin klärt ab, ob die Impfung gemäß STIKO-Empfehlung möglich ist und ob keine Kontraindikation vorliegt. Dann erfolgen das Aufklärungsgespräch und die eigentliche Impfung. Dafür hält der Leitfaden ein Fließdiagramm mit Schritt-für-Schritt-Anleitung bereit.

Abschließend wird alles im Impfpass und der Patientenakte dokumentiert, die Impfung an die Gedisa gemeldet und elektronisch mit der GKV abgerechnet. Privatversicherte müssen derzeit noch selbst zahlen und erhalten einen entsprechenden Beleg.

»Durch die Skalierung lohnt es sich auch wirtschaftlich«

Es brauche ein bisschen Übung, aber mittlerweile komme ihr Team gut mit den vorgesehenen 15 Minuten hin. »Durch die Skalierung lohnt es sich auch wirtschaftlich«, so Krude. »Da die Leute freiwillig und aktiv zu uns kommen, müssen wir sie nicht mehr überzeugen wie vielleicht in der Arztpraxis, was Zeit erspart. Wir könnten auch doppelt so viele impfen, wenn wir die räumlichen Kapazitäten hätten.«

Werbung habe sie kaum gemacht bis auf einen Hinweis im Schaufenster und ein paar Social-Media-Posts. »Es hat sich mittlerweile herumgesprochen in Bochum, dass man sich bei uns impfen lassen kann. Viele, die zu uns kommen, haben keinen Hausarzt oder bekommen keinen Termin. Bei uns können sie online buchen. Das empfinden alle als schnell und unkompliziert.«

Krude bedauert, dass bislang nur eine weitere Apotheke in der 375.000-Einwohner-Stadt ebenfalls impft. Als Kreisvertrauensapothekerin will sie mehr Apotheken überzeugen und stellt dafür auch gern ihre Prozesse zur Verfügung. »Meine Nachbarapotheke fängt jetzt auch an zu impfen und ein weiterer Kollege aus Bochum ist ebenfalls dran – es geht langsam aufwärts. Ich freue mich sehr, dass ich andere motivieren kann, auch zu impfen.«

Der Bedarf sei riesig und die Patienten dankbar. Konflikte mit den Ärzten gebe es keine. Krude war während der Corona-Pandemie pharmazeutische Leiterin des Bochumer Impfzentrums. Daher seien der Zusammenhalt und die Vernetzung sehr gut.

Impfstoffbestellung kalkulieren

Für die nächste Saison peilt ihr Team 3500 Grippe- und Covid-19-Impfungen an. Grippeimpfstoffe hat Krude bereits entsprechend bestellt. Covid-19-Impfstoffe sollen nun ohne langfristige Vorbestellung nach Bedarf erhältlich sein, da sie nicht mehr zentral vom Bund organisiert werden.

Die Covid-19-Impfstoffhersteller haben schon angekündigt, auch Fertigspritzen zur Verfügung zu stellen, was die Flexibilität erhöht. »Wir haben bereits ganzjährig einige Einzelspritzen des proteinbasierten Impfstoffs Nuvaxovid da, falls Bedarf besteht«, so Krude. Bei den Corona-Impfstoffen sei die im Vergleich zu Grippeimpfstoffen kürzere Haltbarkeit zu beachten.

Im Team der Alten Apotheke 1691 werden vor dem Herbst die Prozesse noch einmal durchgesprochen und gegebenenfalls angepasst. Die Impfschemata sollen die Mitarbeitenden auswendig können und sicher im Umgang mit den Impfstoffen sein. »Der Prozess muss sitzen, dann fluppt es auch.«

Einen echten Notfall nach einer Impfung gab es bislang nicht. »Einmal ist jemand in Ohnmacht gefallen, aber das war eine reine Nervensache und es ging auch ohne die 112«, berichtet Krude. Die Person habe sich sogar für den professionellen Umgang bedankt. Eine regelmäßige Auffrischung der Ersten Hilfe gibt hier Sicherheit.

Viele Lücken in den Impfpässen

Mit dem Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG) sollen künftig alle weiteren Impfungen mit Totimpfstoffen hinzukommen. Krude freut sich darauf und will sich mit ihrem Team bereits jetzt entsprechend fit machen.

»Wir sehen ständig Lücken in den Impfpässen – schon bei den Standardimpfungen für alle wie Tetanus, aber vor allem auch bei HPV bei den Jugendlichen und bei den älteren Patienten neben Grippe und Covid-19 auch bei Gürtelrose, RSV und Pneumokokken.« Für viele Apotheken könnte die ganzjährige Planung einfacher sein als das bisherige Saisongeschäft.

Krude will das Impfen auch gern in die Reiseberatung miteinbeziehen. »Wir haben ohnehin alle entsprechenden Impfstoffe da, das wird einfach für uns. Viele denken zu spät an Reiseimpfungen und wären sicher froh, bei uns eine weitere, zuverlässige Anlaufstelle zu bekommen.«

Für die Apothekerinnen der Alten Apotheke 1691 gehöre das Impfen mittlerweile zu den Lieblingsaufgaben. »Ich habe in 23 Jahren Selbstständigkeit nie so viel Dankbarkeit und positives Feedback erlebt, wie für diese Dienstleistung. Wir tun nicht nur Gutes – das tut auch uns gut.«

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