| Jennifer Evans |
| 03.03.2026 07:00 Uhr |
Name-Letter-Effekt: Schon früh identifizieren wir uns mit dem eigenen Namen. Später neigen wir dazu, Dinge und Menschen mit denselben Initialen vorzuziehen. / © © PZ/generiert mit KI
Unser Name begleitet uns seit der Geburt – doch seine Wirkung wird oft unterschätzt. Ganz subtil beeinflusst er, welchen Beruf wir wählen, welche Menschen wir sympathisch finden und wo wir leben. Auch bei Konsumentscheidungen, Freundschaften oder Karrierechancen kann er eine Rolle spielen. Was zunächst nach Zufall klingt, zeigt sich in Studien als systematisches psychologisches Muster.
Das Gehirn bevorzugt Bekanntes und Vertrautes – und das gilt auch für den eigenen Namen und seine Buchstaben. Die Psychologie spricht vom Name-Letter-Effekt. Dahinter steckt unter anderem der Mechanismus des sogenannten »Implicit Egotism«. Diese Form des Egoismus beschreibt die Tendenz, sich selbst, die eigenen Interessen und Entscheidungen sowie den eigenen Charakter grundsätzlich wohlwollend zu betrachten – und Ähnliches zu bevorzugen. Frei nach dem Motto: Mir gefällt, was mir ähnelt.
Eine weitere Erklärung für den Name-Letter-Effekt ist, dass positive Erfahrungen stärker im Gedächtnis bleiben, weil wir sie intensiver wahrnehmen und insgesamt besser bewerten als negative. Da der eigene Name und seine Buchstaben positiv konnotiert sind, wird das gute Gefühl einfach auf andere Personen oder Dinge übertragen.
Der US-amerikanische Psychologieprofessor Dr. Brett Pelham vom Montgomery College hat über Jahrzehnte zahlreiche Studien zu diesem Thema durchgeführt. Dabei fand er unter anderem heraus: Menschen zieht es statistisch häufiger in Städte, deren Anfangsbuchstaben auch in ihrem eigenen Namen vorkommen. Eine Laura lebt also überdurchschnittlich oft in Los Angeles, ein Kevin in Kansas City – und Giorgia oder Virginia bevorzugen die gleichnamigen Bundesstaaten.
Die Partnerwahl bildet bei diesem Prinzip keine Ausnahme. Paare, deren Geburtsnamen mit denselben Anfangsbuchstaben beginnen, kommen etwas häufiger zusammen, wie die Analyse gängiger Familiennamen ergab. So heiraten zwei Smiths doppelt so oft einander wie ein Smith und eine Brown.
Bei der Berufswahl fand Pelham ebenfalls Hinweise. Ein Denny oder eine Dena entschieden sich überproportional häufig für die Zahnmedizin (dentist). Lawrence und Laura waren vermehrt in juristischen Berufen (lawyers) vertreten, und Geoffrey sowie George fanden sich mit höherer Wahrscheinlichkeit in den Geowissenschaften wieder.
Eine Analyse von mehr als 200.000 deutschen Profilen in einem Online-Berufsnetzwerk brachte einen weiteren Aspekt ins Spiel: Personen mit adelig klingenden Nachnamen wie König, Kaiser oder Fürst waren häufiger in Führungspositionen vertreten als Menschen mit Namen wie Becker, Koch oder Bauer. Die Forschenden heben jedoch hervor, dass es zum Glück noch andere Kriterien für beruflichen Erfolg gibt.
Auch Freundschaften scheinen vom Namen beeinflusst zu sein. Eine Social-Media-Analyse der Universität Süd-Kalifornien zeigte, dass Nutzerinnen und Nutzer mit denselben Namen häufiger miteinander vernetzt waren – Michaels also eher mit Michaels als mit Johns. Dieser Effekt trat unabhängig von Geschlecht, Nationalität, ethnischer Zugehörigkeit und Alter auf. Die Forschenden sahen darin einen weiteren Hinweis darauf, wie sich ein positives Selbstbild auf andere Bereiche überträgt.
Namen prägen zudem die Vorstellung, die wir von anderen Menschen haben. Häufig verbinden wir Persönlichkeitstypen oder Gesichtsformen mit laut-symbolischen Assoziationen. So stellt man sich eine Molly eher rundlich vor, während eine Karin kantiger wirkt. Auch Eigenschaften wie Alter, Attraktivität und Intelligenz bringen wir mit bestimmten Vornamen in Verbindung, wie Psychologen der Technischen Universität Chemnitz feststellten. Ihr Fazit: Je jünger ein Name klingt, desto attraktiver erscheint die Person – und je attraktiver, desto intelligenter.
Der Name-Letter-Effekt kann sogar Kaufentscheidungen beeinflussen. Eine Marketingstudie, an der Pelham ebenfalls beteiligt war, zeigte: Tonya griff zum Schokoriegel Twix. Wir bevorzugen also Produkte, die mit vertrauten Buchstaben beginnen.
All diesen unbewussten Entscheidungen liegt Vertrautheit zugrunde – und daraus entsteht Sympathie. Verbinden wir mit etwas oder jemandem positive Eigenschaften, fühlen wir uns angezogen und schenken schneller Vertrauen.
Der Effekt reicht jedoch noch weiter, wie eine Studie der Universität Köln verdeutlichte. Als die Teilnehmenden ihr virtuelles Geld einer anderen Person anvertrauen sollten, erhielt Tverdokhleb deutlich weniger als Flemming. Weniger Geld bedeutete weniger Vertrauen. Das Forschungsteam schloss daraus: Leicht auszusprechende Namen lassen sich mental flüssiger verarbeiten, erzeugen ein gutes Gefühl und fördern damit Zuversicht, auf jemanden bauen zu können.
In einem weiteren Experiment sollten Studierende Aktienempfehlungen abgeben. Wenig überraschend schlugen sie verstärkt jene Aktien vor, deren Initialen mit ihrem eigenen Vor- oder Nachnamen übereinstimmten.
Pelham fand zudem heraus, dass Amerikanerinnen und Amerikaner mit einem Nachnamen, der mit B beginnt, im Wahlkampf 2000 häufiger an George W. Bush spendeten – während Personen mit einem G am Anfang ihres Nachnamens eher Al Gore unterstützten.
Und noch eine Erkenntnis hat der Psychologe aus dem Name-Letter-Effekt ableiten können: Männer lassen sich etwas häufiger von ihrem Familiennamen beeinflussen, während bei Frauen der Vorname stärker wirkt. Das führt er darauf zurück, dass häufiger Frauen diejenigen sind, die ihren Nachnamen im Laufe ihres Lebens ändern.