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Armut
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Der Geldbeutel als Krankheitsrisiko

Armut macht in einer Industrienation wie Deutschland nicht unmittelbar krank, aber sie hat gravierende Auswirkungen auf die Gesundheit und die Lebenserwartung. Das gilt quer durch fast das gesamte Erkrankungsspektrum.
AutorKontaktClara Wildenrath
Datum 19.12.2024  09:00 Uhr

Deutschland ist eines der reichsten Länder der Erde, hat ein gut entwickeltes Gesundheits- und Sozialsystem und eine gesetzliche Krankenversicherungspflicht. Trotzdem bestimmt die Höhe des Einkommens auch hierzulande über Gesundheit, Krankheit und Lebensdauer. Studien zufolge beeinflusst Armut weltweit die Lebenserwartung in wirtschaftsstarken Nationen stärker als Adipositas, Bluthochdruck oder Alkoholkonsum. Geringverdiener sterben in Deutschland im Schnitt 8,6 Jahre früher als Männer aus höheren Gehaltsgruppen; bei Frauen beträgt der Unterschied 4,4 Jahre.

Gut 17,7 Millionen Menschen waren im Jahr 2023 laut Statistischem Bundesamt von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Das sind 21,2 Prozent der deutschen Bevölkerung. Gegenüber dem Vorjahr blieb der Wert nahezu unverändert. Besonders hoch ist das Armutsrisiko für Alleinerziehende: Hier ist fast jeder zweite Haushalt betroffen. Familien mit drei oder mehr Kindern sind ebenfalls überproportional häufig armutsgefährdet. Die Altersverteilung zeigt bei jungen Erwachsenen zwischen 18 und 24 Jahren mit einer Quote von 25 Prozent ihr Maximum. In allen Altersgruppen leben mehr Frauen als Männer unterhalb der Armutsgrenze; im Rentenalter geht die Schere mit 23 versus 18,1 Prozent am stärksten auseinander. Menschen mit Migrationshintergrund oder ohne deutsche Staatsangehörigkeit trifft Armut überdurchschnittlich oft, ebenso wie Personen mit einem niedrigen Bildungsniveau.

Auch regional zeigt die Statistik erhebliche Unterschiede: Im Stadtstaat Bremen ist fast jeder Dritte armutsgefährdet, in Bayern nur jeder Achte. Mehr als die Hälfte der einkommensschwachen Personen sind dem Paritätischen Wohlfahrtsverband zufolge erwerbstätig oder in Rente; mehr als ein Fünftel sind Kinder.

Je niedriger das Einkommens- und Bildungsniveau, desto schlechter beurteilen Menschen ihren allgemeinen Gesundheitszustand. Diese Selbsteinschätzung hat sich in Studien als wichtiger Indikator für die tatsächliche Morbidität und Mortalität erwiesen. Im mittleren Lebensalter geben fast 90 Prozent der Frauen mit einem hohen sozioökonomischen Status an, sich guter bis sehr guter Gesundheit zu erfreuen, aber nur 53 Prozent mit einem niedrigen sozioökonomischen Status. Männer fühlen sich im Schnitt etwas gesünder, die Unterschiede zwischen Arm und Reich sind jedoch vergleichbar.

Das soziale Gefälle zeigt sich über ein breites Erkrankungsspektrum hinweg. Und wie die Statistiken der letzten 30 Jahre zeigen, wird es immer größer.

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