| Theo Dingermann |
| 28.08.2026 13:30 Uhr |
Gerade in der Onkologie könnte es problematisch sein, funktionell erhaltenes Thymusgewebe während einer Bestrahlung unbeabsichtigt zu schädigen. / © Getty Images/Vladislav Stepanov
Der Thymus ist der zentrale Ort für Entwicklung und Selektion von T-Zellen. Zwar wird funktionelles Thymusgewebe mit zunehmendem Alter teilweise durch Fettgewebe ersetzt, doch die Vorstellung, das Organ verliere deshalb beim Erwachsenen weitgehend seine immunologische Bedeutung, gilt zunehmend als überholt. Gerade in der Onkologie könnte es problematisch sein, funktionell erhaltenes Thymusgewebe während einer Bestrahlung unbeabsichtigt zu schädigen.
Dies ist eines der Schlüsselergebnisse einer aktuellen Studie, die ein Team um Professor Dr. Vasco Prudente im Rahmen des Artificial Intelligence in Medicine (AIM) Program am Mass General Brigham der Harvard Medical School in Boston und Dr. Simon Bernatz von der Klinik für Radiologie und Nuklearmedizin an der Goethe-Universität Frankfurt im Fachjournal »Annals of Oncology« publiziert hat.
Prudente und Kollegen untersuchten 1107 Patienten mit lokal fortgeschrittenem nicht kleinzelligem Lungenkarzinom (NSCLC) aus drei voneinander unabhängigen Kohorten. Dazu gehörten 460 Teilnehmer der randomisierten Phase-III-Studie RTOG-0617 sowie zwei Real-World-Kohorten: 422 Patienten nach Chemoradiotherapie und 225 Patienten, die anschließend zusätzlich eine Konsolidierungstherapie mit Durvalumab erhielten.
Die mittlere Strahlendosis im Thymus (MTD) wurde aus den Bestrahlungsplänen rekonstruiert. Gleichzeitig bestimmte ein zuvor validiertes Deep-Learning-Modell anhand der CT-Aufnahmen einen als »Thymic Health« (TH) bezeichneten Bildgebungsmarker für die funktionelle Integrität des Organs.
Die Ergebnisse waren über die drei Kohorten bemerkenswert konsistent. In RTOG-0617 war jedes zusätzliche Gray(Gy) mittlerer Thymusdosis rechnerisch mit einem um 1,57 Prozent höheren Risiko für Fernmetastasen verbunden. Der Zusammenhang blieb auch nach Adjustierung unter anderem für Tumorstadium, Tumorvolumen, Raucherstatus sowie die Strahlenbelastung von Herz und Lunge bestehen. Eine höhere Thymusdosis war zudem mit einem erhöhten Sterberisiko assoziiert.
Ähnliche Ergebnisse zeigten sich in der Real-World-Kohorte mit alleiniger Chemoradiotherapie: Hier stieg das Risiko für Fernmetastasen rechnerisch um 1,76 Prozent je zusätzlichem Gy. Besonders auffällig waren die Daten bei den mit Durvalumab behandelten Patienten mit erhaltener Thymusfunktion. Dort war jedes zusätzliche Gy mit einem um 4,21 Prozent höheren Metastasierungsrisiko verbunden.