| Jennifer Evans |
| 25.03.2026 07:00 Uhr |
Wälder lernen aus Krisen: Wie Bäume auf Stress reagieren, hängt auch von der Umweltgeschichte ihrer Eltern ab. / © Adobe Stock/RalfenByte
Lange Zeit wusste die Wissenschaft wenig darüber, wie Bäume Erfahrungen speichern und Erinnerungen weitergeben. Dabei halten diese Organismen oft jahrhundertelang wechselnden Umweltbelastungen stand. Im Zuge des Projekts »Membra« (Understanding Memory of UK Treescapes for Better Resilience and Adaptation) haben Forschende mehrere Baumarten in Großbritannien analysiert, darunter Eiche, Esche, Hasel, Buche und Birke.
Es ging darum zu klären, wie Bäume Umweltstress registrieren und wie diese Informationen ihr späteres Verhalten beeinflussen. Ein Team um Dr. Estrella Luna-Diez, Außerordentliche Professorin für Pflanzenpathologie an der Universität Birmingham, berichtet auf der Wissenschaftsplattform »The Conversation« darüber.
Im Zentrum der epigenetischen Erinnerung steht die DNA-Methylierung, bei der sich im Laufe der Zeit chemische Signaturen, sogenannte Methylgruppen, an die DNA des Baumes koppeln. Diese verändern zwar nicht den genetischen Code der Pflanze, aber die Art, wie dieser gelesen wird.
Die Signaturen können Gene aus- oder einschalten, Reaktionen verstärken oder abschwächen. Bei Eichen zeigen Untersuchungen dem Autorenteam zufolge einen Zusammenhang zwischen lang anhaltender Dürre und Veränderungen der DNA-Methylierung. Die Bäume können also ihre Genexpression an wiederkehrenden Stress anpassen und geben zudem ihre Erfahrung an die nächste Generation weiter.
Diese Prägungen wirken sogar über das einzelne Ereignis hinaus. Trockenheit oder erhöhte CO₂-Konzentrationen können Veränderungen im Wachstum und in der inneren Chemie eines Baumes hinterlassen. Und die Stärke dieses Gedächtnisses hängt demnach vom Stress selbst ab. Krankheiten oder längere Trockenzeiten lassen deutlichere Signaturen zurück als kurzfristige Belastungen.
Bei Eichen ließ sich außerdem eine saisonale Veränderung der DNA-Methylierung feststellen. So waren die Werte im Frühjahr niedrig und stiegen im Verlauf der Vegetationsperiode. Das deutet laut den Forschenden darauf hin, dass sich das Gedächtnis der Bäume weitaus dynamischer manifestiert als bisher angenommen. Auch könnte damit der Zeitpunkt des Stressereignisses innerhalb eines Jahres Einfluss darauf haben, wie stark es abgespeichert wird.
Auch junge Bäume zeigen solche Anpassungseffekte. Das Autorenteam verweist auf britische Studien, die von steigenden Sterblichkeitsraten bei Sämlingen und Jungbäumen berichten, offenbar ist die Generation schon geprägt. In einem Experiment des Birmingham Institute of Forest Research wuchsen Eichen und Haseln unter erhöhten CO₂-Konzentrationen. Die Nachkommen bildeten größere Eicheln und gediehen schneller. Sie reagierten zudem robuster auf Krankheitserreger wie Mehltau.
Bei Haseln zeigten sich dagegen kleinere Nüsse. Und die schwächeren Sämlinge schafften es oft nicht. Übrigens vererbten die Bäume ihr »Wissen« besonders erfolgreich in extrem guten Erntejahren. Stressadaptive Merkmale aufzuzeichnen, hänge also womöglich ebenso von den Ressourcen ab, heißt es in dem Beitrag.
Ein Wald voller schnell wachsender, kurzlebiger Bäume kann eine ganz andere Wirkung auf ein lokales Ökosystem haben als ein Wald mit langlebigen, gedächtnisstarken Individuen. Im schlimmsten Fall können junge Wälder sich nicht regenerieren und sterben ab. Die Forschenden rufen dazu auf, künftig altes Wissen mit moderner Wissenschaft zu kombinieren sowie genetische Vielfalt, Umweltgedächtnis und gemeinschaftliche Bewirtschaftung zu verbinden.