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Das sollten MS-Patienten über das Coronavirus wissen

Ob schub- oder verlaufsmodifizierende Therapieoptionen: Auf der Website der Deutschen Multiple Sklerose-Gesellschaft gibt es Empfehlungen für Therapeuten und MS-Patienten angesichts der Covid-19-Krise.
Christiane Berg
18.03.2020
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Professor Dr. Ralf Gold und Professor Dr. Judith Haas vom Vorstand des Ärztlichen Beirates der DMSG betonen auf der Website der Fachgesellschaft, dass MS-Erkrankte, die keine immunmodulierende Therapie erhalten oder aber mit Interferon beta oder Glatirameracetat behandelt werden, grundsätzlich nicht stärker gefährdet seien als gleichartige gesunde Personen. Bestehe allerdings eine stärkere Behinderung (Rollstuhl, Bettlägerigkeit) sei generell das Risiko für Atemwegsinfektionen erhöht, da die Belüftung der Lunge weniger gut sei. »Das bedeutet zwar nicht, dass das Infektionsrisiko höher ist als bei Gesunden, aber das Risiko, bei einem Kontakt mit dem Corona-Virus schwer zu erkranken, ist höher«, so die Neurologen. Die DMSG weist darauf hin, dass die derzeitigen Informationen zur MS-Therapie und Covid-19 gegebenenfalls kurzfristig jederzeit an den aktuellen Stand angepasst werden müssen.

Eine Cortison-Pulstherapie könne das Infektionsrisiko kurzfristig erhöhen. Daher müsse bei leichten Schüben eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung seitens des behandelnden Arztes vorgenommen werden. Mit regelmäßigen, in Intervallen verabreichten Cortison-Therapien sollte nach Einschätzung von Gold und Haas zunächst pausiert werden. Ist eine Schubtherapie unumgänglich, so müsse anschließend der erhöhte Schutz vor einer möglichen Covid-19-Infektion gewährleistet sein. Hilfreich und sinnvoll könne es sein, bei Berufstätigkeit gegebenenfalls eine begrenzte Arbeitsunfähigkeit in Anspruch zu nehmen.

Gold und Haas heben hervor, dass Dimethylfumarat bei normalen Lymphozytenzahlen nach derzeitigem Erkenntnisstand das Infektionsrisiko nicht erhöht. Auch bei Teriflunomid sei bei den in der MS-Therapie eingesetzten Dosierungen ein erhöhtes Infektionsrisiko nicht anzunehmen. Gleichermaßen könne die Behandlung mit dem humanisierten monoklonalen Antikörper und Integrin-Rezeptor-Antagonisten Natalizumab nach bisherigen Einschätzungen uneingeschränkt weiter fortgeführt werden. Ein gesteigertes Risiko für Atemwegsinfektionen sei nicht gegeben.

Zwar existiere dieses Risiko bei der Therapie mit den Sphingosin-1-Phosphat-Rezeptor-Modulatoren Fingolimod und Siponimod. MS-Erkrankte, die auf diese Therapien eingestellt sind, sollten sie trotzdem fortführen, da bei Absetzen die Gefahr der Krankheitsaktivierung besteht. Therapeutische Neueinstellungen jedoch sollten zum jetzigen Zeitpunkt sorgfältig überlegt werden.

Besondere hygienische Vorkehrungen treffen

Zu den depletierenden Immuntherapien gehören Ocrelizumab, Rituximab (off label), Cladribin, Alemtuzumab und Mitoxantron. Diese sorgen gewissermaßen für ein Reset des Immunsystems. Insbesondere unmittelbar nach der Applikation könne das Infektionsrisiko zunehmen, unterstreichen die Neurologen. Da es sich bei Ocrelizumab und Rituximab um Intervalltherapien handle, sei auch eine Verlängerung des Intervalls individuell zu diskutieren, ohne dass die Gefahr einer Aktivierung der MS bestehe.

Cladribin wirkt immunsuppressiv und antineoplastisch und geht unter anderem mit einer Minderung der Leukozyten-Zahl einher. Dieser Effekt, so die Neurologen, sei unmittelbar nach der jährlichen Gabe mit jeweils zwei Behandlungszyklen im Abstand von vier Wochen sowohl im ersten als auch im zweiten Jahr am stärksten und halte individuell unterschiedlich lange an. Auch hier sei somit das Infektionsrisiko individuell einzuschätzen. Die Therapeuten von MS-Patienten, bei denen der zweite Therapie-Zyklus von Cladribin nach zwölf Monaten ansteht, sollten erwägen, diesen hinauszuschieben. Anderenfalls müssten gleichermaßen intensivierte Schutz-Vorkehrungen getroffen werden. Das Infektionsrisiko sei in den ersten vier Wochen nach der letzten Gabe am höchsten. Außenkontakte sollten dann ohnehin gemieden werden.

Bei der Immuntherapie mit Alemtuzumab komme es im Anschluss an die ebenfalls jährliche Gabe gleichermaßen zu einer langanhaltenden Leukozyten-Modifikation mit einem erhöhten Infektionsrisiko. Auch hier sei die Notwendigkeit der gegebenenfalls anstehenden Therapie-Wiederholung sorgfältig zu prüfen. Unter Berücksichtigung der Zulassungsänderung seien Neueinstellungen zum jetzigen Zeitpunkt nur bei hochaktiver MS und dem Fehlen anderer therapeutischer Möglichkeiten angezeigt.

An der autoimmunen-chronisch entzündlichen Entmarkungs-Erkrankung multiple Sklerose mit schubförmig remittierenden oder primär- oder sekundär-progredienten Verlaufsformen leiden weltweit circa 2,5 Millionen Menschen. In Deutschland leben nach Zahlen des Bundesversicherungsamts mehr als 240.000 MS-Erkrankte. Jährlich wird bei mehr als 10.000 Menschen hierzulande MS neu diagnostiziert.

Die Erkrankung wird in der Regel zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr festgestellt – mit geringerer Häufigkeit tritt sie aber auch schon im Kindes- und Jugendalter auf. Erstdiagnosen nach dem 60. Lebensjahr sind selten. Frauen erkranken etwa doppelt so häufig wie Männer. 

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