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EU-Zulassung

Crizanlizumab schützt Patienten mit Sichelzellkrankheit

Die Europäische Kommission hat den Antikörper Crizanlizumab (Adakveo®, Novartis) zugelassen. Er wird angewendet zur Prävention wiederkehrender vasookklusiver Krisen bei Patienten ab 16 Jahren mit Sichelzellkrankheit. Der Wirkmechanismus ist sehr innovativ.
Sven Siebenand
09.11.2020  06:54 Uhr

Bei der Sichelzellkrankheit ist die β-Hämoglobinkette durch eine Punktmutation verändert. Im deoxygenierten Zustand verändert das Hämoglobin seine Form und in der Folge besitzen auch die Erythrozyten eine andere Form, die typische Sichelform, die der Krankheit den Namen gibt. Vor allem in Afrika gibt es viele Betroffene, aber auch in Deutschland leben schätzungsweise bis zu 5000 Patienten. Eine schwere Komplikation der Sichelzellkrankheit sind vasooklusive Krisen (VOC), die mit starken Schmerzen einhergehen und zu Organschädigungen oder einem Schlaganfall führen können. Daten zeigen, dass der Großteil der Patienten an mindestens einer VOC pro Jahr leidet, wobei ein Drittel dieser Krisen zu einem Krankenhausaufenthalt führt.

Crizanlizumab kann als Zusatztherapie zu Hydroxyurea/Hydroxycarbamid (HU/HC) gegeben werden oder als Monotherapie bei Patienten, bei denen die Anwendung von HU/HC nicht geeignet oder unzureichend ist. Die empfohlene Dosis beträgt 5 mg/kg Körpergewicht, verabreicht über einen Zeitraum von 30 Minuten als intravenöse Infusion in Woche 0, Woche 2 und danach alle vier Wochen. Die Behandlung mit Crizanlizumab führte in der Phase-II-Studie SUSTAIN zu einer im Median gut 45 Prozent niedrigeren jährlichen Rate von VOC im Vergleich zu Placebo (1,63 versus 2,98). Die am häufigsten berichteten Nebenwirkungen waren Arthralgie, Übelkeit, Rückenschmerzen, Fieber und Abdominalschmerz. Auch infusionsbedingte Reaktionen sind möglich.

Wie wirkt Crizanlizumab? P-Selektin ist ein Adhäsionsmolekül, das auf aktivierten Endothelzellen und Thrombozyten exprimiert wird. Es spielt eine wichtige Rolle bei der initialen Rekrutierung von Leukozyten und der Aggregation von Thrombozyten am Ort einer Gefäßverletzung während einer Entzündung. Im chronisch entzündungsfördernden Zustand, der mit der Sichelzellkrankheit einhergeht, wird P-Selektin überexprimiert. Die durch P-Selektin vermittelte multizelluläre Adhäsion ist ein Schlüsselfaktor in der Pathogenese einer VOC. Bei Patienten mit Sichelzellkrankheit wurden erhöhte Spiegel von P-Selektin nachgewiesen.

Crizanlizumab ist ein monoklonaler Antikörper, der mit hoher Affinität an P-Selektin bindet. Es hat sich gezeigt, dass die Bindung von P-Selektin auf der Oberfläche des aktivierten Endothels und der Thrombozyten die Interaktionen zwischen Endothelzellen, Thrombozyten, Erythrozyten und Leukozyten wirksam blockiert und so eine Vasookklusion verhindert.

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