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60 Jahre Marktrücknahme

Contergan-Betroffene kämpfen um selbstständiges Altern

Vor 60 Jahren, am 27. November 1961, nahm das Pharma-Unternehmen Grünenthal das Medikament Contergan mit dem Wirkstoff Thalidomid vom Markt. Die Betroffenen kommen nun ins Rentenalter und leiden unter jahrelanger Überlastung ihrer Gelenke.
dpa
PZ
26.11.2021  16:30 Uhr

Contergan war ab 1957 als gut verträgliches Schlaf- und Beruhigungsmittel vertrieben worden und auch von vielen Schwangeren eingenommen worden. Nach immer breiter diskutierten Verdachtsfällen hatten zwei Ärzte aus Deutschland und Australien über einen Zusammenhang zwischen Contergan und Fehlbildungen von Kindern geschrieben.

Es kamen etwa 5000 durch Contergan missgebildete Kinder in Deutschland zur Welt, von denen rund 40 Prozent kurz nach der Geburt oder im Säuglingsalter gestorben sind. Heute leben laut Bundesverband Contergan-Geschädigter noch rund 2400 Betroffene. Die einstigen «Contergan-Kinder» sind heute im Rentenalter. Sie haben kaputte Gelenke und andere Schäden durch die jahrzehntelange Überlastung.

«Durch die Marktrücknahme ist Zehntausenden das Schicksal erspart geblieben», sagt Udo Herterich, der Vorsitzende des Bundesverbands der Contergan-Geschädigten. Der Fall wurde einer der schlimmsten Skandale der Bundesrepublik. Viele «Contergan-Kinder» kamen mit verkürzten Armen oder Beinen oder beidem zur Welt. Doch während sie einst mit geübter Gelenkigkeit manches ausgleichen konnten, macht sich jetzt die Überlastung bemerkbar. «Neben den körperlichen Beeinträchtigungen leiden die Betroffenen inzwischen auch an altersüblichen Beschwerden, aber auch an Schädigungen infolge von Fehlbelastungen», berichtet die Contergan-Stiftung. Sie zahlt die Renten aus, berät und fördert.

«Keiner hat damit gerechnet, dass wir so alt werden würden», heißt es beim Bundesverband in Köln. Die Lebensqualität sei die von 80-Jährigen, sagt der Vorsitzende Herterich. Der Grafiker hat kurze Beine und ist Rollstuhlfahrer. Die Contergan-Geschädigten hätten sich «Stück für Stück diese Welt erkämpft», sagt er und meint: Schule und Beruf, das Teilnehmen am Leben trotz verkürzter oder fehlender Extremitäten. Und das Aushalten der Blicke. Doch mit dem Alter wird es schwieriger.

«Früher konnte ich ganz, ganz viel. Das ist immer weiter ein Stück zurückgegangen», berichtet eine Betroffene, die heute 59 Jahre alt ist. Etwas vom Boden aufzuheben ist schwer. Das Öffnen von Getränkeflaschen oder Dosen schaffen die je vier Finger ihrer zarten Hände nicht. Auch eingeschweißte Käsepackungen sind ein Problem. Aber sie hat Unterstützung im Alltag. An 30 Stunden in der Woche kommt eine Assistentin, die im selben Haus wohnt: Sie hilft beim An- und Ausziehen oder beim Duschen.

Vielen «Contis», wie sich einige Betroffene selbst nennen, habe die schwindende Selbstständigkeit Depressionen eingebracht, berichtet die 59-Jährige, die seit rund acht Jahren in Rente ist. Sie tut viel, damit sie fit bleibt. Fast jeden Tag in der Woche geht sie zu Therapien: Krankengymnastik mit Muskel-Stimulation, Schwimmen, Massage und Sauna. «Würde ich das nicht machen, bräuchte ich Schmerzmittel», sagt sie. Hilfe nimmt sie auch aus Verantwortung sich selbst gegenüber an: «Ich möchte mit 70 nicht so kaputt sein, dass nichts mehr geht».

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