| Melanie Höhn |
| 13.03.2026 10:00 Uhr |
Mithilfe vieler hochqualifizierter Fachkräfte baut China seine Rolle als globale Pharma-Nation immer weiter aus. / © Adobe Stock/Ming
Der chinesische Pharmamarkt gewinnt global gesehen immer mehr an Bedeutung. Inzwischen beträgt Chinas weltweiter Anteil an innovativen Medikamenten 30 Prozent, wie ein Bericht des Beratungsunternehmens McKinsey zeigt. Asien sei das »Epizentrum des globalen biopharmazeutischen Fortschritts«: Es übertreffe die Vereinigten Staaten und Europa in Bezug auf das Wachstum der Entwicklungspipeline, Patente und Therapien der nächsten Generation.
Staatliche Unterstützung und gut qualifizierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler tun hier ihr Übriges. Neben China expandiere auch Südkorea rasant, erziele hohe FDA-Zulassungen, schließe Lizenzvereinbarungen ab und treibe regulatorische Reformen voran, um das Wachstum weiter anzukurbeln. Singapur habe sich als Zentrum für biomedizinische Forschung und Entwicklung etabliert und auch Indien beschleunige die Entwicklung neuartiger Medikamente. Jeder dieser Märkte befinde sich in einer anderen Entwicklungsphase, doch alle befänden sich auf einem klaren Innovationskurs, so McKinsey.
Innerhalb Asiens sticht China als Vorreiter hervor. Laut eines Artikels des Onlinemagazins »Telepolis«, das das Unternehmen »Bloomberg« zitiert, gingen in China im Jahr 2024 über 1.250 neue Medikamente in die Entwicklung. Dies übertreffe die EU bei Weitem und reiche fast an die USA heran – dort starteten 1.440 Medikamente im Jahr 2024 in die Entwicklungsphase. Das Innovationstempo in China sei ebenso dynamisch wie in den Bereichen Künstliche Intelligenz (KI) und Elektrofahrzeuge.
Die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) und die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) betrachten chinesische Medikamente zunehmend als vielversprechende Wirkstoffe und stellen zusätzliche Ressourcen für deren beschleunigte Prüfung bereit, berichtet »Telepolis«.
Wie eine Reportage des Senders 3sat zeigt, baut China auch mithilfe vieler hochqualifizierter Fachkräfte seine Rolle als globale Pharmagroßmacht immer weiter aus. Beispielsweise stehen zwei der innovativen Krebs-Immuntherapien des chinesischen Unternehmens »CARsgen« in der letzten Entwicklungsphase. Dessen Mitgründer Laut Li Zhongai sagte dem Schweizer Radio und Fernsehen (SRF), dass inzwischen 39 Prozent aller klinischen Studien zu Krebsmedikamenten in China stattfinden. Es gebe sowohl eine große Nachfrage chinesischer Patienten als auch effiziente behördliche Verfahren in dem Land; zudem werde dort die Unternehmensgründung erleichtert.
Probleme entstehen jedoch, wenn chinesische Firmen ihre Medikamente im Ausland zulassen wollen. Chinesische Biotechunternehmen müssen für den Verkauf ihrer Medikamente in den USA und Europa komplexe internationale Studien durchlaufen – eine Expertin erklärte dem SRF, dass es Unterschiede gebe »zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen, wie Medikamente wirken und welches die Nebenwirkungen sind«. Westliche Pharmaunternehmen wie Novartis oder Roche sicherten sich oft Lizenzen für chinesische Wirkstoffe, um die klinische Entwicklung im Westen fortzuführen.
Doch es gibt immer mehr Erfolgsgeschichten aus China: Das Shanghaier Unternehmen Henlius beispielsweise brachte einen dort entwickelten Antikörper gegen Lungenkrebs bereits Ende November 2025 in der Schweiz auf den Markt.
»Es ist an der Zeit, dass die Pharmaindustrie durch neue Firmen wie die unseren aufgerüttelt wird«, sagt Rao Yi, Professor für Neurobiologie an der Peking University, in dem SRF-Bericht. Er glaubt, dass »die ganze Welt« von der chinesischen Biotechindustrie profitieren könne, »damit wir in Zukunft sichere, effektivere, aber auch günstigere Medikamente produzieren«.
Auch was die Patentanmeldungen angeht, holt China immer weiter auf. Dortige Pharmaunternehmen melden mittlerweile mehr Patente für chemisch-basierte pharmazeutische und biopharmazeutische Neuentwicklungen an als Pharmakonzerne in Deutschland, berichtet das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW).
Insbesondere der biopharmazeutische Sektor habe in China zuletzt deutlich an Bedeutung gewonnen. Die Patentanmeldungen chinesischer Pharmakonzerne hätten sich in diesem Bereich seit etwa zehn Jahren sogar dynamischer als jene der USA entwickelt, so das Institut. »Europa kann hier weder mit China noch mit den USA mithalten. Das Ergebnis: Pharmazeutische Unternehmen in China sind immer seltener reine Generikahersteller, sondern entwickeln sich zunehmend zu globalen Innovationsführern. Hierauf muss Europa eine Antwort finden«, schlussfolgern die Autoren des IW-Gutachtens.
Das Institut fordert »dringend« eine zielgerichtete politische Strategie zur Stärkung des europäischen (bio)pharmazeutischen Innovations- und Produktionsstandorts. Grundlegendes Ziel müsse die nachhaltige Versorgungssicherheit der Bevölkerung sein, auch im Krisen- und Konfliktfall.
Auch die Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing (GTAI) berichtet, dass der chinesische Pharmamarkt, unter anderem angetrieben durch technologische Fortschritte, expandiert. Firmen wie Sinopharm, Jiangsu Hengrui Medicine und CSPC Pharmaceutical Group würden die Produktion von Generika dominieren, aber auch Wettbewerbsstärke bei innovativen Medikamenten, etwa in Onkologie, Immunologie und Biologika, gewinnen.
Mittlerweile habe die chinesische Regierung Anreize durch einen erweiterten Patentschutz oder eine beschleunigte Produktzulassung für den Aufbau einer modernen Pharmaindustrie mit eigenständiger Medikamentenentwicklung geschaffen, so die GTAI.
Auch was die Breitenversorgung wichtiger generischer Medikamente angeht, hänge Europa noch immer in hohem Maße von Importen aus China ab. Das Land sei in zahlreichen strategischen Lieferketten mittlerweile unverzichtbar, verdeutlichte das Institut der deutschen Wirtschaft in seinem Gutachten: »China ist heute in der Lage, kritische Abhängigkeiten zur offensiven Durchsetzung eigener Interessen zu nutzen. Dies gilt auch für pharmazeutische Lieferketten. Bereits vor mehr als zwanzig Jahren hat China den gezielten Aufbau der eigenen Pharmaindustrie beschlossen und seither konsequent umgesetzt.«