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Tecartus

CAR-T-Zelltherapie beim Mantelzell-Lymphom

Das Gentherapeutikum Tecartus® ist eine neue Option für Patienten mit einer besonders aggressiven Form des Mantelzell-Lymphoms. In der Zulassungsstudie sprachen 93 Prozent der Patienten auf die CAR-T-Zelltherapie an, 67 erreichten sogar eine komplette Remission.
Kerstin A. Gräfe
04.04.2021  14:00 Uhr

Mantelzell-Lymphome (MCL) sind eine seltene, aggressive Form der Non-Hodgkin-Lymphome. Sie entstehen infolge einer Mutation reifer B-Zellen in der Mantelzone der Lymphknoten. In Deutschland erkranken rund 1000 Menschen pro Jahr. Das durchschnittliche Erkrankungsalter liegt bei 65 Jahren. Männer sind etwa dreimal so häufig betroffen wie Frauen.

Die Erkrankung gilt derzeit als nicht heilbar. Fünf Jahre nach der Diagnose ist nur noch die Hälfte der Patienten am Leben. Auch mit neuen Therapieoptionen wie den Bruton-Tyrosinkinase-(BTK-) Inhibitoren kann in der rezidivierten Therapiesituation bisher kein dauerhaftes Ansprechen erreicht werden.

Mit Tecartus ((autologe Anti-CD19-transduzierte CD3-positive Zellen, Kite Pharma EU B.V) ist seit März eine weitere Therapieoption zur Behandlung von Patienten mit MCL auf dem Markt. Das Orphan Drug wird angewendet zur Behandlung erwachsener Patienten mit rezidiviertem oder refraktärem MCL nach zwei oder mehr systemischen Therapien, die einen BTK-Inhibitor einschließen.

Patientenindividuelle Herstellung

Tecartus ist ein CAR-T-Zelltherapeutikum. Bei seiner Anwendung werden patienteneigene T-Zellen durch Genmodifikation derart verändert, dass sie einen chimären Antigenrezeptor (CAR) exprimieren. Im Fall von Tecartus richtet sich dieser Rezeptor gegen das Oberflächenantigen CD19 auf B-Zellen. Auch die beiden anderen bereits zugelassenen CAR-T-Zelltherapeutika Kymriah® und Yescarta® haben CD19 als Ziel. Bindet eine den CAR tragende T-Zelle an eine CD19-exprimierende Zelle, aktivieren die kostimulierenden Domänen CD28 und CD3-z nachgeschaltete Signalkaskaden, die bei den T-Zellen zum Beispiel zu Aktivierung, Proliferation und Sekretion von inflammatorischen Zytokinen und Chemokinen führen. Diese Abfolge von Ereignissen führt zur Apoptose und Nekrose der CD19-exprimierenden Zielzellen. Dem Immunsystem wird sozusagen beigebracht, den Tumor zu bekämpfen.

Es wird empfohlen, die Infusion mit Tecartus drei bis 14 Tage nach Abschluss einer Chemotherapie zur Lymphodepletion (Cyclophosphamid 500 mg/m2 und Fludarabin 30 mg/m2) durchzuführen. Das Gentherapeutikum wird einmalig als Tropfinfusion in eine Vene verabreicht. Vor der Infusion und während der Nachbeobachtung muss mindestens eine Dosis Tocilizumab sowie Notfallausrüstung für den Fall eines Zytokin-Freisetzungssyndroms (CRS) zur Anwendung bereitstehen. Zur Verminderung potenzieller akuter Infusionsreaktionen sollen die Patienten circa eine Stunde vor der Infusion als Prämedikation Paracetamol und Diphenhydramin erhalten.

Zytokinsturm häufige Nebenwirkung

Unter Tecartus trat in der Zulassungsstudie bei 91 Prozent der Patienten ein CRS auf. Bei 15 Prozent handelte es sich um ein CRS dritten oder höheren Grades (schwer oder lebensbedrohlich). Die durchschnittliche Zeit bis zum Einsetzen betrug drei Tage, die mediane Dauer zehn Tage. Die Fachinformation enthält zur Einstufung und Behandlung einen detaillierten Leitfaden. Die Patienten sind in den ersten zehn Tagen nach der Infusion täglich, danach nach Ermessen des Arztes auf Anzeichen und Symptome eines potenziellen CRS, neurologischer Ereignisse und anderer Toxizitäten zu überwachen. Danach sollen sich die Patienten mindestens vier Wochen lang in der Nähe eines qualifizierten Behandlungszentrums aufhalten.

Bei 68 Prozent der Patienten wurden neurologische Nebenwirkungen wie Enzephalopathie, Tremor, Aphasie und Delir beobachtet. Bei Patienten mit neurologischen Toxizitäten vom Schweregrad 2 oder höher sollen Herz und Pulsoximetrie kontinuierlich überwacht werden. Bei schweren oder lebensbedrohlichen neurologischen Toxizitäten ist eine intensivmedizinische supportive Behandlung anzuwenden. Je nach klinischer Indikation sind nicht sedierende Antikonvulsiva bei Nebenwirkungen zweiten oder höheren Grades in Erwägung zu ziehen. Die Fachinformation beinhaltet zur Linderung der neurologischen Nebenwirkungen Behandlungsalgorithmen. Diese schließen die Gabe von Tocilizumab (bei gleichzeitig auftretendem CRS) und/oder Corticosteroiden für mittelgradige, schwere oder lebensbedrohliche

neurologische Nebenwirkungen ein.

Zudem kam es in der Zulassungsstudie bei 56 Prozent der Patienten zu Infektionen. Infektionen dritten oder höheren Grades (schwerwiegend, lebensbedrohlich oder tödlich) traten bei 32 Prozent der Patienten auf. Die Patienten sind vor, während und nach der Infusion auf Anzeichen und Symptome einer Infektion zu überwachen und entsprechend zu behandeln. Prophylaktische Antibiotika sind gemäß den Standardleitlinien der Einrichtung anzuwenden.

Hohe Ansprechrate

Die bedingte Zulassung basiert auf den Daten der noch laufenden offenen, einarmigen Phase-II-Studie ZUMA-2. An der Studie nehmen 74 Probanden mit einem rezidivierten/refraktären MCL teil, die ein bis fünf Vortherapien, darunter einen BTK-Inhibitor, erhalten hatten. 68 von ihnen wurden mit Tecartus behandelt. Der primäre Endpunkt war die objektive Ansprechrate gemäß der Lugano-Klassifikation (2014), die von einem unabhängigen radiologischen Überprüfungsgremium bewertet wurde.

Es wurde ein Analyseset a priori definiert, das die ersten 60 mit Tecartus behandelten Patienten umfasste, die sechs Monate nach der Krankheitsbeurteilung in Woche vier nach der Tecartus-Infusion bezüglich ihres Ansprechens ausgewertet wurden. In diesem Analyseset betrug die objektive Ansprechrate 93 Prozent bei einer Rate der vollständigen Remission von 67 Prozent. Nach einem medianen Follow-up von 17,5 Monaten waren 48 Prozent der Patienten weiterhin in Remission.

Die häufigsten Nebenwirkungen waren ein CRS, Infektionen und Enzephalopathie.

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