Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

Berliner Pharmagespräch
-
Bürokratie bremst Innovationen 

Beim »Berliner Pharmagespräch 2026« wurde über das Potenzial und die Probleme der Berliner Pharmaunternehmen gesprochen. Dabei wurde mehrfach Kritik an der örtlichen Bürokratie laut. Doch Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) betonte auch die Rolle Berlins als Start-up-Hauptstadt. 
AutorKontaktLukas Brockfeld
Datum 23.01.2026  10:00 Uhr

Am Mittwoch luden die »Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe Berlin« sowie der »Verband der Chemischen Industrie Nordost« (VCI) zum Berliner Pharmagespräch 2026 ein. Dabei tauschten sich Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Industrie, Verwaltung, Wissenschaft und Gewerkschaften über die Probleme und das Potenzial der Berliner Pharmaunternehmen aus. 

Die Veranstaltung wurde von Franziska Giffey, Bürgermeisterin von Berlin und Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe, eröffnet. »Die pharmazeutische Industrie ist systemrelevant für unsere Gesundheitsversorgung und darüber hinaus ein starker Wirtschaftsfaktor für die Hauptstadt«, sagte die Sozialdemokratin. »Unser Ziel ist es, Berlin als zukunftsweisenden Biotechnologie-, Pharma- und Gesundheitsstandort weiter auszubauen – mit verlässlichen politischen Rahmenbedingungen, gezielten Investitionen in die Produktion und einer starken Forschungsförderung. So sichern wir die internationale Wettbewerbsfähigkeit unserer Berliner Unternehmen, die für über 7.000 Menschen in unserer Stadt Arbeitsplätze schaffen.«

Giffey betonte mehrfach, dass sich Deutschland in einer schwierigen politischen und wirtschaftlichen Zeit befände und seine Resilienz stärken müsse. Dabei verwies sie auch auf den mutmaßlich von Linksextremisten ausgeführten Anschlag, der Anfang Januar in Teilen Berlins für einen tagelangen Stromausfall sorgte. Zur Resilienz gehöre auch die Pharmabranche. »Eine starke Gesundheitswirtschaft und gut aufgestellte pharmazeutische Unternehmen bedeuten Sicherheit und Resilienz gerade auch in Krisensituationen«, betonte die Politikerin. 

Bürokratie hemmt Innovationen 

In zwei darauffolgenden Podiumsdiskussionen wurde allerdings deutlich, dass sich die Berliner Pharmabranche durch Bürokratie und Regularien ausgebremst fühlt. So berichtete Alexander Leutner,

Co-CEO und Mitbegründer des Start-ups »Cellbricks«, vom schwierigen Umgang mit den oft langsamen deutschen Behörden. »Wir sind auf Förderungen und Investorengelder angewiesen. Jeder Monat in dem wir auf eine Rückmeldung der Behörden warten, ist ein Wettbewerbsnachteil«, berichtete der Gründer. 

Leutner erzählte von seinen schlechten Erfahrungen, die er bei der Genehmigung eines Tierversuchs mit Mäusen machen musste. »Zweimal mussten wir zwischen sechs und zwölf Monate auf die Genehmigung warten. In Boston waren es sechs Wochen. Deswegen haben wir uns dazu entschlossen, das in Boston zu machen«, sagte Leutner. 

»Trotzdem haben wir im globalen Vergleich eine sehr gute Ausgangslage in Berlin. Wir haben eine wunderbare Universitätslandschaft, wir haben die Charité direkt vor der Tür und hervorragende Kooperationsprojekte. Das Problem ist, dass wir die PS nicht auf die Straße kriegen«, klagte der Unternehmer. Im internationalen Vergleich ließe sich in Deutschland zwar gute Grundlagenforschung betreiben, doch sobald es in die konkrete Umsetzung gehe, sei die amerikanische FDA ein deutlich angenehmerer Partner als die deutschen Behörden. 

Alle 14 Stunden ein neues Start-up 

Im Laufe der Veranstaltung berichteten mehrere Vertreter der Pharmabranche von ähnlichen schlechten Erfahrungen. Franziska Giffey ärgerte sich über diese einseitige Sichtweise: »Alle finden Regulierung doof, wenn sie davon betroffen sind. Und alle sagen, dass Bürokratieabbau und vertrauensbildende Maßnahmen irgendwie gut sind. Doch wir müssen am Konkreten arbeiten«. Die Sozialdemokratin verwies auf die AMBER (Additive Manufacturing Berlin-Brandenburg) Initative und zahlreiche andere Aktionen, mit denen die Hauptstadt innovative Unternehmen unterstütze. 

Berlin sei auch aufgrund der umfangreichen Förderung durch die Landesregierung der attraktivste Start-up-Standort in Deutschland. »Wenn Sie morgen früh aufwachen, wurde in Berlin schon wieder ein neues Start-up gegründet. Wir hatten im letzten Jahr über 600 Neugründungen im Start-up Bereich, alle 14 Stunden ein neues Unternehmen. Und die arbeiten vor allem in den Bereichen IT-Tech, Fin-Tech und Health-Tech. Das sind die großen Wachstumsbereiche. Deswegen lasst uns gemeinsam überlegen, was wir konkret verbessern können«, sagte Giffey. 

»Pharma-Bär« für Heyl

Das Pharmagesprächs endete mit der Verleihung des ersten »Berliner Pharma-Bärens«. Die Auszeichnung ging an die »Heyl Chemisch-pharmazeutische Fabrik« und wurde von Eduard Heyl und seinem Sohn Alexander entgegengenommen. Das Berliner Familienunternehmen ist auf hochspezialisierte, lebensrettende Arzneimittel für seltene Erkrankungen und Notfallsituationen spezialisiert. 

Nora Schmidt-Kesseler, Hauptgeschäftsführerin des VCI Nordost, erklärte in ihrer Laudatio: »Heute ehren wir nicht nur eine außergewöhnliche Unternehmensgeschichte. Wir ehren vor allem eine Haltung: Verantwortung für Patientinnen und Patienten. Verantwortung für unsere Branche. Und Verantwortung für den Standort Berlin.« Das Engagement des Unternehmens habe sich unter anderem 2011 gezeigt. Nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima seien Eduard und Alexander Heyl nach Japan geflogen und hätten den Arbeitern das Medikament »Preußisch Blau« zur Verfügung gestellt, das radioaktive Stoffe im Körper bindet. 

Eduard Heyl freute sich sehr über die Auszeichnung und dankte den Anwesenden: »Wir wollen Berlin treu bleiben. Ich liebe den Bären und ganz besonders den Pharma-Bären. Ich wünsche uns allen eine erfolgreiche Zukunft in der Pharma- und Chemieindustrie und hoffentlich weiter eine gute Zusammenarbeit, die ich einfach toll finde.«

Mehr von Avoxa