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Forschung

Breit neutralisierender HIV-Antikörper gefunden

Forscher haben einen Antikörper gegen HIV entwickelt, der auch bei mutierten Erregern noch andocken und das Virus neutralisieren kann. Nach solchen Antikörpern für die Prophylaxe und Behandlung von HIV wird intensiv gesucht.
Theo Dingermann
03.02.2020  09:32 Uhr

In einer aktuellen Publikation, die eben in dem sehr renommierten Journal »Cell« erschienen ist, beschreiben Wissenschaftler des Instituts für Virologie der Uniklinik Köln und des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) einen hochwirksamen breit neutralisierende Antikörper gegen das humane Immundefizienz-Virus (HIV). Nach solchen Antikörpern (broadly Neutralizing Antibodies = bNAb) gegen HIV wird weltweit intensiv gesucht. Sie gelten als vielversprechende Option zur Prävention und Behandlung von HIV-1-Infektionen, zumal nachhaltige Impfstrategien bisher nicht in Sicht sind.

Der Antikörper, den das deutsche Forscher-Team zusammen mit einer Gruppe internationaler Wissenschaftler isoliert und charakterisiert hat, trägt die Entwicklungsbezeichnung 1-18 und ist gegen die CD4-Bindungsstelle des HI-Virus gerichtet. Der 1-18-Antikörper ist einmalig dahingehend, dass er auch, wenn Mutationen im Bereich der CD4-Bindungsstelle vorliegen, trotzdem noch an das Virus andocken kann. Das ist eine Schwäche anderer, bisher beschriebener Antikörper gegen die CD4-Binderegion, die bei Vorliegen solcher Mutationen das Virus nicht mehr neutralisieren können.

Bei infizierten humanisierten Mäusen war der 1-18-Antikörper in der Lage, ohne weitere Zusätze eine Virämie zu unterdrücken, wobei keine Selektion für resistente Virusvarianten beobachtet wurde. Der Antikörper zeigte bereits bei geringen Konzentrationen eine große Wirkung und war gegen 97 Prozent der getesteten HIV-Varianten aktiv. »1-18 zählt somit zu den besten bislang beschriebenen Antikörpern, die HIV neutralisieren können«, erläutert Dr. Philipp Schommers, Assistenzarzt an der Klinik I für Innere Medizin der Uniklinik Köln und einer der Erstautoren der Studie.

Eine Strukturanalyse durch hochauflösende Kryoelektronenmikroskopie (Kryo-EM) ergab, dass durch eine Insertion von sechs Aminosäuren in die erste hypervariable Region der schweren Kette der Komplex zwischen Antikörper und der CD4-Bindungsstelle besonders stabilisiert wird. Diese Insertion resultiert in einem negativ geladenen Sequenzmotiv, das mit einer benachbarten Teilstruktur des gp120-Proteins interagiert.

Sollten sich alle diese Eigenschaften auch beim Menschen bestätigen lassen, ist die Entdeckung dieses Antikörpers von besonderer Relevanz. Mit 1-18 stünde dann ein Antikörper zur Verfügung, der bekannte und gefürchtete HIV-1-Fluchtwege gegenüber wirksamen Therapien versperren würde. Dann würde sich dieser Antikörper nicht nur zur Therapie einer HIV-Infektion anbieten, sondern wäre auch ideal einsetzbar im Rahmen einer Präexpositionsprophylaxe (PrEP), wo Resistenzerwägungen eine besondere Rolle spielen.

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