| Angela Kalisch |
| 29.06.2026 12:30 Uhr |
Ein weiteres Problem: KI wird weitgehend von den USA und China dominiert. Datensätze sind daher kein neutrales Archiv, sondern geprägt von westlicher Perspektive, englischer Sprache und bestimmten Wertesystemen. Diese Verzerrungen werden in KI-Modellen reproduziert und verstärken die Asymmetrie von Macht und Sichtbarkeit.
Ganze Kulturen werden auf diese Weise unsichtbar oder auf extreme Stereotype reduziert. Das Projekt »Salaf« hinterfragt die koloniale Wahrnehmung durch selbst erzeugte »abwesende Datensätze«, die sich der Logik entziehen, zum Trainingsmaterial zu werden.
KI ermöglicht die massenhafte Produktion von billigem Bild- und Filmmaterial, sogenannten Slops, die vor allem als unterhaltsame Memes in Social-Media-Kanälen zirkulieren, aber auch als politische Manipulation und Propaganda missbraucht werden können. Auf die Spitze getrieben wird diese Form der »Slopaganda« beispielsweise von US-Präsident Donald Trump, der sich selbst als Jesus inszeniert oder eine Vision von »Gaza als Riviera« entwirft, die einem biblischen Themenpark ähnelt.
Die Videoinstallation »Holy Slop« führt dies eindrücklich vor Augen. Die Prompts zur Erzeugung solcher Parallelwelten des modernen Kolonialismus werden zu dunklen, magischen Zaubersprüchen, die die Wirklichkeit durch eine Illusion ersetzen.
Wie problematisch es ist, wenn KI täuschend echte historische Bilder erzeugt, die so nie existiert haben, zeigt ein Raum, der den Ausstellungsort – die ehemalige Dondorf-Druckerei – einbezieht. Ein eigens produzierter Film hinterfragt, was aus der Vergangenheit wird, wenn sie von KI analysiert und neu visualisiert wird. Ob das Wissen anschaulich bereichert wird oder die Wahrheit verwischt und relativiert, ist entscheidend für das kognitive Verständnis von Geschichte.
Arbeitsprozesse sollen durch neue Technologien perfektioniert werden. Im Gegensatz dazu lebt Kunst von Irritationen und Fehlern, von der kritischen Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Durch eine Sprach- und Bildsprache ohne Ecken und Kanten, die nur das Bekannte und Gelernte reproduziert, würde Kunst verarmen.
Und auch die maschinelle Bilderkennung stößt spätestens an ihre Grenzen, wenn etwa im Stil von René Magritte die Darstellung eines Apfels überschrieben ist mit »Dies ist kein Apfel«. Ein Paradoxon, das den Menschen zum Nachdenken anregt, bei der Maschine aber eher eine Fehlermeldung produziert.
Die Ausstellung bleibt jedoch nicht bei Kritik stehen. Viele Arbeiten zeigen, dass eine andere KI möglich ist. Gegen Intransparenz und Kontrollverlust setzen sie auf neue Formen der kollektiven Schöpfung.
Die Ausstellung ist noch bis September 2026 zu sehen in der Kunsthalle Schirn, zurzeit in der ehemaligen Dondorf-Druckerei, Gabriel-Riesser-Weg 3, Frankfurt am Main.