| Angela Kalisch |
| 29.06.2026 12:30 Uhr |
Kunst spiegelt nicht die Wirklichkeit wider, sondern setzt sich mit ihr auseinander. Doch welche Auswirkungen haben die Bilderzeugung und -erkennung durch KI-Technologien auf die menschliche Wahrnehmung? / © Schirn Kunsthalle Frankfurt 2026, Foto: Norbert Miguletz
Nach der Erfindung des Buchdrucks, der Fotografie und des Internets hat erneut eine bahnbrechende Technologie den Alltag erobert: die künstliche Intelligenz (KI). Doch woher kommt sie, wohin führt sie – und brauchen wir sie überhaupt? Diese Fragen stellte Sebastian Baden, Direktor der Schirn, zur Eröffnung der Ausstellung »The World through AI« und ordnete ein, warum KI ein Thema für die Kunst ist.
»Werke der Kunstgeschichte sind immer auch Bilder der Macht, Bilder der Wahrheit oder auch der Verfremdung«, so Baden. Visuelle und schriftliche Kultur – letztlich eine Wissenskultur – prägen die menschliche Zivilisation. Die Fähigkeit, Schrift zu reproduzieren, Abbilder der Welt zu schaffen und Wissen kritisch zu reflektieren, definiert den Menschen als kulturelles Wesen.
Was aber geschieht, wenn nicht mehr der Mensch Texte schreibt oder Kunstwerke schafft, sondern das Werkzeug selbst das Denken übernimmt – sowohl bei der Produktion als auch bei der Rezeption und Bewertung? Überlässt der Mensch aus Bequemlichkeit der Maschine die Hoheit über die Bilder?
Die von Antonio Somaini kuratierte Ausstellung versammelt rund 40 Arbeiten – Videoinstallationen, Grafiken, Skulpturen und Fotografien – von mehr als 25 Künstlerinnen und Künstlern. Sie fragen nach den gesellschaftlichen Auswirkungen von KI und danach, was in jener »Blackbox« geschieht, deren intransparente Prozesse so erstaunliche Ergebnisse hervorbringen.
Zeitkapseln in Form von Vitrinen mit historischen Exponaten schlagen dabei Brücken zwischen digitalisierter Gegenwart und Vergangenheit und werfen Schlaglichter auf die Entwicklung von Reproduktion und Informationsverknüpfung.
»Wir machen es uns immer gerne leicht, der Mensch sucht nach Entlastung«, erklärt Baden das Bestreben, Arbeit zu automatisieren. Lästige Tätigkeiten lassen sich outsourcen, in der Erwartung, »irgendjemand wird es schon tun«. Wie verführerisch, dass die KI unermüdlich als Assistent zur Verfügung steht, an einem virtuellen Ort namens Cloud.
In der Wissenschaft zeigt der Einsatz von KI zur Auswertung großer Datenmengen bereits positive Effekte. Doch eine lange Liste negativer Aspekte überschattet das Versprechen der sauberen neuen Technologie, warnt Antonio Somaini. Denn die vermeintlich luftig-leichte Cloud erweist sich als ausgesprochen materieller Ort in Form von gigantischen Datenzentren, die Umwelt und Ressourcen belasten.
Hinzu kommen problematische Trainingspraktiken: Neben urheberrechtlich fragwürdiger Datensammlung basiert KI auch auf der schlecht bezahlten Arbeit von Clickworkern, die Objekte verschlagworten und markieren, um der KI die Welt zu erklären. Die Videoinstallation »Behind the Screens of Amazon Mechanical Turks« verweist auf diese prekären Bedingungen.
Ein weiteres Problem: KI wird weitgehend von den USA und China dominiert. Datensätze sind daher kein neutrales Archiv, sondern geprägt von westlicher Perspektive, englischer Sprache und bestimmten Wertesystemen. Diese Verzerrungen werden in KI-Modellen reproduziert und verstärken die Asymmetrie von Macht und Sichtbarkeit.
Ganze Kulturen werden auf diese Weise unsichtbar oder auf extreme Stereotype reduziert. Das Projekt »Salaf« hinterfragt die koloniale Wahrnehmung durch selbst erzeugte »abwesende Datensätze«, die sich der Logik entziehen, zum Trainingsmaterial zu werden.
KI ermöglicht die massenhafte Produktion von billigem Bild- und Filmmaterial, sogenannten Slops, die vor allem als unterhaltsame Memes in Social-Media-Kanälen zirkulieren, aber auch als politische Manipulation und Propaganda missbraucht werden können. Auf die Spitze getrieben wird diese Form der »Slopaganda« beispielsweise von US-Präsident Donald Trump, der sich selbst als Jesus inszeniert oder eine Vision von »Gaza als Riviera« entwirft, die einem biblischen Themenpark ähnelt.
Die Videoinstallation »Holy Slop« führt dies eindrücklich vor Augen. Die Prompts zur Erzeugung solcher Parallelwelten des modernen Kolonialismus werden zu dunklen, magischen Zaubersprüchen, die die Wirklichkeit durch eine Illusion ersetzen.
Wie problematisch es ist, wenn KI täuschend echte historische Bilder erzeugt, die so nie existiert haben, zeigt ein Raum, der den Ausstellungsort – die ehemalige Dondorf-Druckerei – einbezieht. Ein eigens produzierter Film hinterfragt, was aus der Vergangenheit wird, wenn sie von KI analysiert und neu visualisiert wird. Ob das Wissen anschaulich bereichert wird oder die Wahrheit verwischt und relativiert, ist entscheidend für das kognitive Verständnis von Geschichte.
Arbeitsprozesse sollen durch neue Technologien perfektioniert werden. Im Gegensatz dazu lebt Kunst von Irritationen und Fehlern, von der kritischen Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Durch eine Sprach- und Bildsprache ohne Ecken und Kanten, die nur das Bekannte und Gelernte reproduziert, würde Kunst verarmen.
Und auch die maschinelle Bilderkennung stößt spätestens an ihre Grenzen, wenn etwa im Stil von René Magritte die Darstellung eines Apfels überschrieben ist mit »Dies ist kein Apfel«. Ein Paradoxon, das den Menschen zum Nachdenken anregt, bei der Maschine aber eher eine Fehlermeldung produziert.
Die Ausstellung bleibt jedoch nicht bei Kritik stehen. Viele Arbeiten zeigen, dass eine andere KI möglich ist. Gegen Intransparenz und Kontrollverlust setzen sie auf neue Formen der kollektiven Schöpfung.
Die Ausstellung ist noch bis September 2026 zu sehen in der Kunsthalle Schirn, zurzeit in der ehemaligen Dondorf-Druckerei, Gabriel-Riesser-Weg 3, Frankfurt am Main.