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Magen-Darm-Beschwerden bei Kindern

Bauch macht Stimmung

Bauchschmerzen sind bei Kindern keine Seltenheit. Die Ursachen sind vielfältig, nicht immer haben sie mit dem Bauch zu tun. In jedem Fall sind Beschwerden mit der Körpermitte ernst zu nehmen und nicht als Bagatelle abzutun.
Elke Wolf
15.04.2019
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(Klein)Kinder neigen dazu, die Wahrnehmung von Schmerzen jeglicher Art auf ihren Bauch zu projizieren – auch wenn die Ursache ein eingeklemmter Finger oder eine Mittelohrentzündung ist. Vor allem den Kleineren fällt es schwer, den Schmerz zu lokalisieren. Ab dem Schulalter geben Kinder in der Regel genauere Auskunft über ihre Schmerzen.

Begleitsymptome und die Umstände können wertvolle Hinweise geben, wenn es darum geht, den Auslöser der Beschwerden ausfindig zu machen. So dürfte nach einem Kindergeburtstag mit einem Mix aus Schaumküssen und Gummibärchen klar sein, warum der Bauch zwickt. Akuter Durchfall (eventuell mit Erbrechen) ist ein deutlicher Hinweis auf einen Magen-Darm-Katarrh; kommt er in unregelmäßigen, aber häufigen Abständen immer mal wieder, könnte auch eine Unverträglichkeitsreaktion etwa gegen Gluten, Kuhmilch-Protein oder Laktose der Auslöser sein. Bauchschmerzen treten zudem häufig in Kombination mit grippalen Infekten, Lungen- oder Blinddarmentzündungen sowie bei Kinderkrankheiten wie Mumps auf.

Daneben können seelische Probleme auf den Magen schlagen. Dafür sorgt das Bauchhirn, das die gesamte Region von der Speiseröhre bis zum Enddarm wie einen Strumpf aus mehr als 100 Millionen Nervenzellen umspannt. Es steht in ständigem Austausch mit dem Kopfhirn und funkt kleinste Empfindlichkeiten hin und her. In diesem enterischen Nervensystem spielen sich die gleichen molekularen Vorgänge ab, die man im Kopfhirn für Denken, Fühlen und Erinnern verantwortlich macht. Neurotransmitter wie Serotonin, Dopamin oder endogene Opioide werden nicht nur im Schädel, sondern auch im Nervensystem des Gastrointestinaltrakts produziert.

Das Verdauungssystem ist nicht nur der Ort mit der größten Neuronen-Ansammlung außerhalb des Zentralnervensystems, sondern beherbergt auch die größte Anzahl von Immunzellen im Körper. Bei Kindern liegt annähernd das gesamte Immunsystem im Bauchraum, bei Erwachsenen sind es etwa 70 Prozent. Das ist der Grund, warum Kinder auf Infektionskrankheiten oft anders als Erwachsene reagieren und häufiger Allgemeinsymptome wie unspezifische Bauchschmerzen zeigen. Deren Immunsystem im Darm reagiert und muss sich gegen Krankheitserreger erst etablieren. Kinder mit einer Influenza antworten zwar auch mit hohem Fieber bis 41°C, Atemwegsbeschwerden und einem schweren Krankheitsgefühl, aber bei ihnen stehen vor allem Durchfall und Erbrechen im Mittelpunkt.

Zu viel Luft im Bauch?

Bestes Beispiel, dass ein allgemeines Unwohlsein mit dem Bauch assoziiert ist, sind die sogenannten Dreimonatskoliken, die Experten heute als Regulationsstörungen bezeichnen. Bis zu 16 Prozent der Babys sollen es laut dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) in Deutschland sein, die in einem Alter von etwa zwei Wochen mit ihrer »Schreikarriere « starten. Einst machte man die Luft im Bauch für das Schreien verantwortlich, weil sie Bauchschmerzen und Blähungen verursachen soll. Doch heute weiß man, dass die Luft nicht die Ursache, sondern die Folge des Luftschluckens während des Schreiens ist.

Nur einem Teil der Kinder bringen denn auch Entschäumer, ätherische Öle und Tees Linderung. Damit die Winde leichter abgehen, steht den Eltern als Entschäumer Simeticon (wie Sab simplex® Tropfen, Lefax® Pump Liquid) in flüssiger Form für Säuglinge zur Verfügung. Auch die ätherischen Öle von Anis, Fenchel und Kümmel wirken blähungstreibend; als Tee helfen sie schon den ganz kleinen Patienten. Kümmelextrakte in homöopathischer Form können auch in Zäpfchen-Form verabreicht werden (Wala, Weleda). Darüber hinaus kann eine sanfte Bauchmassage mit verdauungsfördernden ätherischen Ölen (wie Babybäuchleinöl Weleda) helfen, dass die kneifenden Blähungen den Weg nach draußen finden.

Was den Kindern zu schaffen macht, so vermuten Wissenschaftler heute, ist das Leben an sich: Die Neuankömmlinge müssen eine Menge lernen, sie müssen viele Reize verarbeiten und einen Rhythmus finden zwischen Wachen und Schlafen, also Dinge lernen, die Fachleute als Selbstregulation bezeichnen. Die meisten Kinder schaffen das sehr gut. In den Wachphasen sind sie aufmerksam und schalten ab, wenn zu viel auf sie einstürmt. Sie sind auch in der Lage, sich selbst zu beruhigen, wenn alles zu viel wird.

Die anderen haben diese Entwicklungsphase noch nicht bewältigt. Deshalb sehen Wissenschaftler das Schreien als Ausdruck einer verzögerten Verhaltensregulation. Dieser Theorie zufolge kann das Baby mit den Reizen, die aus seiner Umgebung oder seinem Körper kommen, etwa mit dem Grummeln im eigenen Bauch, noch nicht umgehen. Es ist noch nicht in der Lage, sich selbst zu beruhigen. Die Kinder lassen sich im Vergleich mit Altersgenossen weniger gut beruhigen. Ein Trost für betroffene Eltern: Diese Beschwerden wachsen sich aus und bleiben ohne Folgen.

Diagnose Durchfall

Eine akute Gastroenteritis gehört zu den häufigsten Erkrankungen im Kindesalter. Dann sorgen Rotaviren, Noroviren, verschiedene Adeno- oder Coranaviren oder auch Bakterien wie Salmonellen oder auf Reisen enterotoxische Escherichia coli für kräftigen Durchfall. Daneben können verdorbene Lebensmittel oder auch Medikamente wie Antibiotika für das Darmdilemma verantwortlich zeichnen.

Hierzulande sind Magen-Darm-Infekte oft selbstlimitierend und die Verdauung und der Stuhlgang regulieren sich nach einer gewissen Zeit von selbst. Dennoch ist bei Kindern Vorsicht geboten: Besonders kleine Patienten unter zwei Jahren können durch den Flüssigkeitsverlust leicht austrocknen, zu erkennen etwa durch Teilnahmslosigkeit oder eingefallene Wangen und Augen. Durchfall bei Kindern unter zwei Jahren ist deshalb immer ärztlich abzuklären.

Um eine lebensbedrohliche Dehydratation oder auch Entkräftung der kleinen Patienten zu verhindern, ist der ausreichende Flüssigkeits- und Elektrolytersatz mit standardisierten Glucose-Elektrolyt- Mischungen die wichtigste Maßnahme. Diese oralen Rehydratationslösungen (ORL) tragen auch dazu bei, die Epithelzellen der Darmschleimhaut, die sogenannten Enterozyten, zu regenerieren. Allerdings haben sie keinen Einfluss auf die Durchfalldauer.

Da sich die Durchfallätiologie in Europa von den Durchfallerkrankungen in Entwicklungsländern unterscheidet, sind die Präparate auf Glucosebasis auf europäische Verhältnisse adaptiert worden und hierzulande mit niedrigerer Gesamtmolarität auf dem Markt (wie Elotrans®, Oralpädon® 240, Saltadol® 331). Laut aktuellen Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation soll in den Industrieländern der Natriumgehalt der Lösung 45 bis 60 mmol/l betragen.

Die Granulate, die mit einer definierten Menge Wasser angerührt werden, mögen die Kinder meist nicht gern trinken. Tipp für das Beratungsgespräch: die Lösung kühl und löffelweise in kleinen Mengen verabreichen. Etwa 50 ml pro kg Körpergewicht sollten es über sechs Stunden sein.

Möglichst schnell wieder essen und trinken

Nach den Durchfallattacken ist möglichst schnell wieder mit der zuvor gewohnten Nahrung zu beginnen. So werden die atrophen Darmzotten wieder aufgebaut. Tee- oder Stillpausen sind heute obsolet, Heilnahrung ist nicht erforderlich. Gestillte Kinder sind möglichst bald wieder an die Brust anzulegen, nach Bedarf plus ORL-Substitution. Nicht gestillte Säuglinge bekommen ihre gewohnte Milchnahrung mit ORL, wobei die Rehydratationslösung ausschleichend dosiert werden sollte. So wird dem durch die Zottenatrophie auftretenden Laktase-Engpass Rechnung getragen. Ob in der Selbstmedikation auch andere Präparate sinnvoll sein können, ist vor allem vom Alter der kleinen Patienten abhängig. In jedem Fall sind Arzneimittel gegen Diarrhö bei Kindern nur als Ergänzung zu betrachten.

Die Einnahme von Probiotika (wie Lactobacillus acidophilus etwa in Darm Care Biotic und Lacteol®, Saccharomyces boulardii etwa in Perenterol® junior) erzielt eine Verkürzung der Krankheitsdauer um etwa einen Tag. Bei Kindern gelten Probiotika als gute Therapiemöglichkeit, bei Erwachsenen ist die derzeitige Datenlage weniger gut. Erschwert wird eine eindeutige Empfehlung durch die hohe Diversität der verschiedenen eingesetzten Bakterienstämme und Inhomogenität der Studien. Der genaue Wirkmechanismus von Probiotika ist noch ungeklärt. Hefepilze wie Saccharomyces boulardii sollen Toxine binden und auf den Schleimhautzellen des Darms einen Biofilm bilden können, der die Adhäsion pathogener Keime verhindert.

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