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Internetsucht

»Schalt mich ein«

13.12.2017
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Von Ulrike Abel-Wanek / Wann waren Sie zuletzt offline? Rund 600 000 Jugendliche und junge Erwachsene gelten laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung als internetabhängig. Und es werden immer mehr. Doch ist nicht jeder gleich süchtig, der mal drei Stunden League of Legends spielt.

Jonas ist 27 Jahre alt und studiert BWL. Besser gesagt: studierte. Statt Klausuren zu schreiben und Prüfungen abzulegen, verließ der Student seine Wohnung fast zwei Jahre lang nur, um das Nötigste einzukaufen. Tage- und nächtelang spielte er Computerspiele – bis zur Exmatrikulation – und die Eltern nicht mehr zahlten.

»Etwa 40 Prozent unserer Klienten sind Studierende oder haben mal studiert«, sagt Gordon Schmid, Leiter der Beratungsstelle »Lost in Space« in Berlin, wo Computer- und Internetsüchtige und deren Angehörige Hilfe finden (internetsucht-berlin.de). Die meisten Onlinesüchtigen, die hierher kommen, sind Mitte bis Ende 20, männlich und haben einen höheren Bildungsabschluss. 280 Betroffene kamen im letzten Jahr. Und noch einmal genauso viele Eltern, die sich um den Medienkonsum ihrer Kinder sorgten.

 

Die Beratungsstelle der Caritas ging 2006 aus dem früheren »Café Beispiellos« hervor, einer Beratungsstelle für Glücksspielsüchtige. Anfang der 2000er-Jahre häuften sich hier die Anrufe von Spielern, die nicht nur Rat suchten wegen Automatenspielsucht oder der Abhängigkeit von Sportwetten, sondern weil sie es nicht mehr schafften, offline zu gehen.

 

Die Suchtlandschaft hat sich laut Schmid in den letzten 10 Jahren stark verändert. »Ungesundes Internetverhalten hat zugenommen, weil jeder überall und jederzeit online sein kann«, sagt der Sozialarbeiter. Das könne das Spielen sein oder auch der Bereich Online-Pornografie, der sehr zugenommen hätte. Ein neues Phänomen ist das unkontrollierte Serienschauen, bei dem alle Staffeln hintereinander weggeguckt werden. Sogar Suchttendenzen beim Recherchieren im Online-Lexikon Wikipedia beobachtet Schmid. Es gebe mittlerweile viele Nutzer, die die Einträge des Lexikons über Monate und Jahre hinweg immer wieder auf Fehler durchsuchten, korrigierten und neu schrieben.

 

Was ist noch normal?

 

Doch wo beginnt die Sucht und was ist noch normal im Umgang mit Tablet, Smartphone und Computer? »Wenn ich höre, dass jemand nicht nur Tag und Nacht am PC sitzt, sondern sich auch aus dem sozialen Leben verabschiedet hat, läuten bei mir die Alarmglocken«, sagt Schmid.

 

In der Regel haben die Klienten von Lost in Space vier bis fünf Jahre Sucht hinter sich, bis sie in der Beratungsstelle Hilfe suchen. Wie Jonas, haben sie Studium und Beruf schon hingeschmissen und kaum soziale Kontakte. Viele leiden unter Depressionen und Angsterkrankungen oder haben eine Selbstwertproblematik. Was aber nicht bedeute, dass jeder, der Depressionen habe, automatisch auch suchtgefährdet sei, betont Schmid. Dennoch sei das Risiko, eine Sucht zu entwickeln, für Menschen mit Depressionen deutlich höher. Viele seiner Klienten hätten schon als Jugendliche eher zurückgezogen gelebt und waren ängstlich und unsicher im Kontakt mit anderen Menschen. Nur in der virtuellen Welt fühlten sie sich sicher.

 

Ohne hohen Leidensdruck kommt niemand zur Beratungsstelle. »Sie kommen erst, wenn das Leben aus den Fugen gerät, die Miete nicht mehr bezahlt werden kann, eine Räumungsklage droht oder das Ausbildungsjahr nicht geschafft wird«, so der Sozialarbeiter.

 

Aber wovon hängt es ab, ob ein Mensch süchtig wird? »Wir sprechen von einem Suchtdreieck mit drei Faktoren, die auch die Internetabhängigkeit begünstigen«, so der Leiter der Beratungsstelle. Neben dem Suchtmittel selbst spielen Umweltfaktoren und Persönlichkeitsmerkmale eine Rolle. Die Berliner Berater forschen mit den Internetabhängigen in mehrmonatigen Einzel- und Gruppensitzungen nach den individuellen Ursachen für ihre Sucht. Liegt eine Angsterkrankung oder Depression vor? Gibt es belastende Lebensereignisse, die das Suchtverhalten gefördert haben?

 

Viele Online-Junkies, die zu Lost in Space kommen, wollen eigentlich weiterspielen – jedoch kontrolliert. »Manche schaffen das auch«, weiß Schmid. »Aber ein Großteil entscheidet sich dann doch für die Abstinenz.« Wie der spielsüchtige Student, der den Rechner abschaffte und seine Masterarbeit an der Uni schrieb, weil er mit PC zu Hause immer wieder rückfällig wurde.

Wie andere Suchterkrankungen, ruft Online-Sucht Entzugserscheinungen hervor, wenn das Suchtmittel entzogen wird. »Es gibt eine neue Studie dazu, die besagt, dass die Entzugssymptome denen bei Cannabis-Abhängigkeit sehr ähneln«, sagt Schmid. Also zum Beispiel Schlaflosigkeit, Stimmungsschwankungen, Schwitzen, Depressionen. Als anerkannte Krankheit gilt die Internetabhängigkeit jedoch nicht. Im DSM-5 (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) steht sie als Forschungsdiagnose, und Fachleute wie Schmid hoffen für 2018 auf die Anerkennung der Erkrankung im neuen ICD 11.

 

Kein Handy für Kinder

 

Mit dem Argument, Kinder möglichst früh mit neuen Techniken vertraut zu machen, halten nicht nur in den USA, sondern auch hierzulande Tablets bereits Einzug in Kindergärten und Grundschulen. »Viel zu früh«, ist nicht nur Schmid überzeugt, sondern mit ihm viele Kinderärzte, Psychologen und Pädagogen. Das noch unreife kindliche Belohnungszentrum im Gehirn gewöhnt sich allzu schnell an die prompten Erfolge im Spiel. Und hier beginnt bereits die Suchtentwicklung. »Wenn ich als kleines Kind Zahlen und Buchstaben schreiben lerne, ist das nicht in einer halben Stunde erledigt. Das Internet gaukelt mir das aber vor«, warnt der Sozialarbeiter. Dass die Kleinen dann wenig Frustrationstoleranz haben, wenn es mit dem handschriftlichen Schreiben nicht so klappt, liegt nahe. Frustrationen und Misserfolge aushalten zu können, gehört zu einer gesunden Entwicklung aber dazu.

 

Computer, Handy und Tablet nicht verbieten, aber die Nutzung kritisch hinterfragen und Regeln vereinbaren: Das raten Schmid und seine Kollegen besorgten Eltern Heranwachsender, die in die Beratungsstelle kommen. Spielen und Zocken sei auch Teil der heutigen Jugendkultur. »Aber zum Beispiel nachts den Flugmodus am Handy einzuschalten oder es beim Familienessen vom Tisch zu verbannen, sollte möglich sein«, fordert der Sozialpädagoge.

 

»Der ist doch süchtig«, fürchten viele Eltern, wenn der Nachwuchs am Wochenende fünf Stunden Zelda oder World of Warcraft spielt. Hier rät Schmid zur Gelassenheit. Nicht nur die Zeit, die der Jugendliche vor dem Bildschirm sitze, sondern auch das soziale »Drumherum«, gebe Hinweise auf eine mögliche Suchtentwicklung. Hat das Kind Freunde, mit denen es sich regelmäßig trifft, kommt es in der Schule klar, geht es seinem Sport nach und hat es Interessen auch außerhalb der virtuellen Welt, sollte man als Eltern nicht gleich den Stecker ziehen.

 

Wir sind alle abhängig

 

Was macht Medien wie das Handy so attraktiv für Jugendliche? Was bekommen Kinder hier, was sie woanders nicht bekommen?

 

Buchautor und Medienexperte Thomas Feibel gibt in Seminaren und seinem neuen Buch »Jetzt pack doch mal das Handy weg«, Vätern und Müttern unter anderem Technik-Tipps. Damit sie verstehen, wie Whats-App, Facebook, Instagram oder App-Spiele funktionieren. Und welche Faszination für Kinder und Jugendliche von diesen Angeboten ausgeht, welche Gefühle und Bindungsfaktoren hier wirken. »Schalt mich ein – dein Dorf braucht einen Anführer«. Dass der Nachwuchs solche Nachrichten von sogenannten Free-to-Play-Games zugeschickt bekommt, um ihn zurück ins Spiel zu locken, wissen nur wenige Eltern. Auch, dass diese »Kostenlos-Spiele« alles andere als gratis sind. Denn das Guthaben ist schnell verzockt, und dann wird es teuer.

Der Medienexperte sieht Eltern angesichts des allgegenwärtigen Smartphones vor einer riesigen Erziehungsaufgabe. Wissen, Aufklärung und Verständnis helfen, sie zu bewältigen. Und Selbstkritik. »Wir erwarten von unseren Kindern, dass sie sich kritisch mit ihrer Handynutzung auseinandersetzen – was die meisten Erwachsenen jedoch selbst nicht tun«, so Feibel.

 

Das Internet in der Hosentasche hat bereits die ganze Gesellschaft erfasst. Das Handy ständig griffbereit, bezahlen und shoppen wir rund um die Uhr. Das Smartphone ist Büro, Briefkasten, Lexikon, Navigation, Musik- und Kommunikationsplattform – Systeme, von denen die meisten von uns längst abhängig sind – mehr oder weniger.

 

Zwei Milliarden Menschen sind allein bei Facebook unterwegs. Dahinter steckt nach Aussage des Kindheitsforschers Remo Largo eigentlich nur eins: das urmenschliche Grundbedürfnis nach Beziehung, Vertrauen und gemeinsamen sozialen Werten.

 

Diesem Bedürfnis nach Gemeinschaft und Zugehörigkeit vor allem von Jugendlichen kommt Island schon seit Ende der 1990er-Jahre nach. Mit der Einführung des Präventionsprogramms »Jugendliche in Island« schaffte es das Land, den massiven Alkohol- und Drogenkonsum Jugendlicher erfolgreich einzudämmen. Bis dahin gehörten isländische Teenager zu den trinkfreudigsten Europas. Die Idee hinter dem Programm: den Jugendlichen das zu geben, was sie brauchten, um besser mit ihrem Leben klar zu kommen.

 

Soziales Leben statt Sucht

 

Der Staat erhöhte Fördergelder für Sport, Kunst-, Musik- und Tanzveranstaltungen, damit Jungen und Mädchen ihren Interessen nachgehen und sich mit anderen zusammen gut fühlen konnten – ganz analog – und ganz ohne Alkohol und Drogen.

Kinder einkommensschwacher Familien wurden bei der Teilnahme finanziell unterstützt und Hol- und Bring-Dienste eingerichtet. Im Rahmen zahlreicher Initiativen wurden Eltern motiviert, mehr und vor allem sinnstiftende Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, mehr mit ihnen zu sprechen und so zu wissen, mit wem ihre Söhne und Töchter ihre Zeit verbringen. Schärfere Jugendschutzgesetze untersagten den unter 16-Jährigen, sich nach Mitternacht noch auf der Straße aufzuhalten. Alkohol wurde nur noch an über 20-Jährige ausgegeben.

 

Die staatlichen Angebote, dem Drogenkonsum mit flächendeckenden Aktivitäten, persönlichen Kontakten und mehr Familienzeit entgegenzutreten, haben sich bewährt. 2016 betrug der Anteil der 15- und 16-Jährigen, die einmal im Monat betrunken waren, nur noch fünf Prozent. 1988 waren es 42 Prozent. Immer weniger Kids hängen auf den Straßen und in Parks herum – dafür sind die Sport- und Veranstaltungshallen voll (http://www.spektrum.de/news/suchtpraevention-in- island/1515343).

 

Die Frage, in welcher Welt unsere Kinder aufwachsen sollen, müssen sich nicht nur Eltern stellen. /

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