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Pankreaskarzinom

Ein kleiner Schritt voran

13.12.2016
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Von Annette Mende, Berlin / Das Pankreaskarzinom hat von allen Krebsarten eine der schlechtesten Prognosen. Ohne Chemo­therapie überleben Patienten im fortgeschrittenen Stadium durchschnittlich nur drei Monate. Irinotecan, das jetzt in einer neuen Formulierung in dieser Indikation zugelassen wurde, kann die Lebenszeit geringfügig verlängern.

Das Tückische am Pankreaskarzinom ist, dass es meistens erst entdeckt wird, wenn die Erkrankung schon weit fort­geschritten ist. »Nur bei weniger als 20 Prozent der Patienten wird der Tumor so frühzeitig entdeckt, dass er komplett chirurgisch entfernt werden kann«, sagte Professor Dr. Hanno Riess von der Berliner Charité bei einer Pressekonferenz von Shire in Berlin. 

 

Und selbst dann ist das Risiko eines Rezidivs hoch. Bei 30 Prozent der Patienten ist der Krebs bei Vorstellung zwar noch lokal begrenzt, aber so weit fortgeschritten, dass er nicht operabel ist. Etwa die Hälfte der Patienten hat zum Zeitpunkt der Diagnose schon Meta­stasen, meist in der Leber oder am Bauchfell, seltener in der Lunge oder an anderen Orten.

 

»Alles im allem haben wir eine Kurationschance von lediglich 5 Prozent«, fasste Riess zusammen. Bei 95 Prozent der Patienten sei keine Heilung möglich, aber eine palliative Chemotherapie. »Davor haben viele Patienten Angst, weil sie die Nebenwirkungen fürchten.« Da das Pankreaskarzinom selbst schwere Symptome verursache, etwa einen rapiden Gewichtsverlust oder starke Schmerzen, könne sich die Lebensqualität der Patienten aber durch die Chemotherapie sogar ver­bessern.

 

Therapie je nach Allgemeinzustand

 

Welches Therapieregime infrage kommt, hängt vom Allgemeinzustand des Patienten ab. Laut Riess gibt es momentan vier Möglichkeiten: Gem­citabin als Monotherapie, Gemcitabin in Kombination mit Erlotinib oder an Nanopartikel gebundenes Paclitaxel (nab-Paclitaxel) sowie Folfirinox (Folinsäure, 5-Fluorouracil, Irinotecan und Oxaliplatin). Das durchschnittliche Überleben beträgt laut dem Onko­logen unter Gemcitabin beziehungsweise Gemcitabin plus Erlotinib sechs Monate, unter Gemcitabin plus nab-Paclitaxel neun Monate und unter Folfirinox elf Monate. »Da wir die Patienten nicht heilen können, ist neben der Lebenszeitverlängerung die Sicherung der Lebensqualität das zweite wichtige Ziel«, betonte Riess.

 

Nach Versagen der Erstlinientherapie können weitere Therapielinien sinnvoll sein. Hierfür gibt es jetzt eine neue Option: in Liposomen verkapseltes Irino­tecan (nal-Iri, Onivyde®). Es wurde kürzlich zur Behandlung von Patienten mit metastasiertem Adenokarzinom des Pankreas in Kombination mit 5-Fluoro­uracil (5-FU) und Folinsäure (Leukovorin, LV) von der EU-Kommis­sion zugelassen. Die Patienten müssen zuvor eine Gemcitabin-basierte Therapie erhalten haben, unter der der Tumor fortgeschritten ist.

Selbsthilfe

Die Selbsthilfeorganisation Tumore und Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse (TEB) bietet für Patienten mit Pankreaskarzinom und deren Angehörige eine Anlaufstelle. TEB unterstützt unter anderem in medizinischen, psychologischen, sozialen und ernährungswissenschaftlichen Fragen. Die Aktivitäten reichen von Gruppentreffen über Beratung in Rechts- und Gesundheitsfragen sowie Alltagshilfe bis zur Sterbebegleitung (www.teb-selbsthilfe.de).

Versteckt in Lipidkügelchen

 

Irinotecan wird in vivo durch Carboxyl­esterasen in die Substanz SN-38 umgewandelt, die eine 1000 Mal stärkere antitumorale Wirksamkeit besitzt. Der weitere Metabolismus von SN-38 ist eine Glucuronidierung über die UDP-Glucuronosyltransferase. »Der Abbau des Irinotecans lässt sich hinauszögern, indem man es in den Lipidmembran-Kügelchen gewissermaßen versteckt«, erklärte Professor Dr. Arndt Vogel von der Medizinischen Hochschule Hannover. Durch die Verkapselung erhöhe sich die Expositionsdauer von Irinotecan und SN-38 am Tumor. Zudem legten Studien nahe, dass die Verkapselung den Transport des Wirkstoffs zu den Tumorzellen verbessert.

 

In der zulassungsrelevanten Phase-III-Studie NAPOLI-1 wurde nal-Iri als Monotherapie sowie in Kombination mit 5-FU/LV gegen 5-FU/LV an insgesamt 417 Patienten getestet. Die nun zugelassene Kombination verbesserte das mediane Gesamt­überleben von 4,2 unter 5-FU/LV auf 6,1 Monate (5-FU/LV plus nal-Iri). Der Unterschied von 1,9 Monaten war statistisch signifikant. Das mediane progressionsfreie Überleben stieg von 1,5 auf 3,1 Monate.

 

Unter nal-Iri plus 5-FU/LV waren die häufigsten Nebenwirkungen der Grade 3 oder 4 Neutropenie (27 Prozent), Diarrhö (13 Prozent), Erbrechen (11 Prozent) und Fatigue (14 Prozent). »Im Kombinationsarm musste die Dosis häufiger reduziert werden, Therapieabbrüche waren aber etwa gleich häufig wie unter 5-FU/LV allein«, sagte Vogel. Insgesamt konnte die Lebensqualität im Vergleich zum Ausgangswert konstant gehalten werden.

 

Auch wenn die neue Zubereitungsform nicht der große Wurf ist, der die Prognose der Patienten beträchtlich verbessert, stellt sie aus Vogels Sicht einen kleinen Schritt nach vorne dar. Er verglich die Situation mit der beim Kolonkarzinom, wo in den vergangenen Jahren viele kleine Therapiefortschritte am Ende zu einer nennenswerten Lebenszeitverlängerung der Patienten geführt hätten.

 

»Das Pankreaskarzinom ist leider aufgrund seiner Eigenart gegen die meisten Substanzen unempfindlich«, sagte der Onkologe. Sogenannte zielgerichtete Tumortherapeutika, die bei anderen Krebsarten teilweise sehr nutzbringend eingesetzt werden, sind unwirksam. Solange kein gutes Verfahren zur Früherkennung zur Verfügung steht, lässt sich die Situation für die Betroffenen und ihre Angehörigen wohl nicht grundlegend verbessern. /

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