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HIV

Schwangerschaft unter besonderen Vorzeichen

01.12.2009
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Von Nicole Schuster / Mit dem Humanen Immundefizienz-Virus, kurz HIV, infizierten Schwangeren kann eine gute und frühzeitige Betreuung zu gesundem Nachwuchs verhelfen. Fachliche Kompetenz ist bei der Wahl der antiretroviralen Medikamente für die Mutter und bei der Nachsorge des Neugeborenen gefragt. Vom Stillen ihres Babys sollten HIV-positive Mütter absehen.

In Deutschland werden pro Jahr etwa 250 Kinder von HIV infizierten Müttern geboren. Nur 1 bis maximal 2 Prozent der Neugeborenen sind dank guter Prophylaxemaßnahmen HIV-positiv. Die Übertragung des HI-Virus von der Mutter auf das Kind ist auf verschiedenen Wegen denkbar. Möglich ist eine Infektion des Kindes sowohl in der Gebärmutter als auch bei der Geburt, etwa durch Kontakt zwischen mütterlichem Blut oder Sekret aus der Scheide bei vaginaler Entbindung. Ein vorzeitiger Blasensprung erhöht das Ansteckungsrisiko.

Die Schwangerschaft einer HIV-positiven Mutter gilt als Risikoschwangerschaft und häufige Kontrolluntersuchungen sind erforderlich. Da das Abwehrsystem der Frauen durch die HIV-Infektion geschwächt ist, ist nicht auszuschließen, dass sich der Fetus verzögert entwickelt und es zu vorzeitigen Wehen oder einer Frühgeburt kommt. Auslöser dafür können Infektionen sein, aber auch psychische Ursachen oder soziale Konflikte der Mutter. Besonders günstig auf den Schwangerschaftsverlauf wirkt sich aus, wenn die Mutter eine geringe Viruslast und eine hohe Zahl von CD4-tragenden Immunzellen im Blut hat und noch keine Symptome von Aids zeigt.

 

Medikamente meist ja, aber welche?

 

Die Gefahr einer Schädigung des Fetus durch antiretrovirale Medikamente ist im ersten Trimenon am größten. Wenn medizinisch vertretbar, sollten HIV-positive Frauen daher mindestens in den ersten 10, besser aber in den ersten 32 Schwangerschaftswochen ganz auf antiretrovirale Arzneimittel verzichten. Eine anschließende antiretrovirale Therapie muss die Resistenzsituation der Mutter berücksichtigen, sollte sowohl für die Schwangere als auch für den Fetus gut verträglich sein, und darf zukünftige Behandlungsoptionen der Mutter nicht beeinträchtigen. Regelmäßige Blutspiegelkontrollen sind empfehlenswert, da bei Schwangeren die Pharmakokinetik verändert sein kann.

 

Zur Initialtherapie empfehlen Experten in der Regel das Standardtherapieregime, also eine Dreifachkombination (früher als hochaktive antiretrovirale Therapie, abgekürzt HAART, bezeichnet) aus zwei nukleosidischen Reverse-Transkriptase-Inhibitoren (NRTI) und einem geboosterten Protease-Inhibitor oder einem nicht nukleosidischen Reverse-Transkriptase-Inhibitor (NNRTI). Solange keine Resistenz vorliegt, ist Zidovudin NRTI der Wahl. Für Zidovudin besteht nach heutigen Kenntnissen für das Kind kein erhöhtes Fehlbildungsrisiko. Als zweiten NRTI bieten sich Lamivudin oder Didanosin an. Ist eine Gabe von Zidovudin nicht möglich, stehen als Alternativen Stavudin und Lamivudin zur Verfügung. Als Protease-Inhibitor setzen Ärzte vielfach Saquinavir oder Lopinavir ein, die jeweils mit Ritonavir zu boostern sind. Nevirapin ist eher ungünstig, da hier bei Schwangeren eine erhöhte Lebertoxizität bestehen kann. Efavirenz sollte wegen seines teratogenen Potenzials in der Schwangerschaft nicht zum Einsatz kommen. Des Weiteren sollten NRTIs wie Stavudin und Didanosin, die eine besonders hohe mitochondriale Toxizität besitzen, nicht miteinander kombiniert werden. Sie können bei Schwangeren im schlimmsten Fall eine tödlich verlaufende Laktatazidose auslösen, also eine Übersäuerung des Blutes, bedingt durch eine übermäßig starke Produktion von Milchsäure. Neben der Behandlung der Mutter kann eine antiretrovirale Therapie des Kindes im Mutterleib den Schutz vor einer Ansteckung vergrößern.

 

Arzneimittel für das Neugeborene

 

Anstelle einer natürlichen, vaginalen Geburt empfehlen Ärzte HIV-infizierten Schwangeren meist einen frühzeitigen Kaiserschnitt, bestenfalls in einer spezialisierten Klinik. Hier ist es möglich, Blutungen besser zu kontrollieren und dafür zu sorgen, dass das Kind vor einem Übergang von Sekreten geschützt ist. Um nach der Geburt keine Ansteckung mehr zu riskieren, sollten die Mütter ihren Nachwuchs nicht stillen.

 

Gleich nach der Geburt wird das Kind in der Regel bis zu sechs Wochen lang mit Zidovudin behandelt. Um langfristige Schäden und Therapiefolgen beim Neugeborenen rechtzeitig erkennen zu können, ist anschließend eine genaue Nachsorge wichtig.

 

Ob das Kind gesund ist, lässt sich mit gängigen HIV-Tests nicht sagen. Diese testen auf plazentagängige Antikörper und können folglich falsch positive Ergebnisse liefern. Mit Sicherheit auszuschließen ist eine Infektion, indem direkt auf HIV-1-Nukleinsäuren geprüft wird. Ist die Übertragungsprophylaxe aber von Anfang an gründlich durchgeführt worden, können sich Eltern in den meisten Fällen über ein gesundes Kind freuen. /

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