Pharmazeutische Zeitung online

Genitalverstümmelung auch in Europa

05.12.2006  13:25 Uhr

Genitalverstümmelung auch in Europa

Von Birgit Masekowitz

 

Auch in Europa sind Frauen und Mädchen von Genitalverstümmelung bedroht. Menschenrechtsorganisationen versuchen, durch Aufklärungskampagnen die Betroffenen zu schützen. Auch die Bundesärztekammer hat sich dieses Themas angenommen.

 

130 Millionen Frauen und Mädchen weltweit sind an ihren Genitalien verstümmelt. Laut einer Unicef-Studie aus dem Jahr 2005 kommen jährlich drei Millionen hinzu. Bei der radikalsten Form, der Infibulation werden den Frauen die Klitoris und die kleinen Schamlippen herausgeschnitten. Die Vaginalöffnung wird bis auf eine winzige Öffnung zum Abfluss des Menstruationsblutes und zum Urinieren mit einer Naht verschlossen. Anschließend werden den Frauen zur Verheilung die Beine zusammengebunden, damit die Wunde nicht aufreißt. Meistens erfolgen diese Eingriffe ohne Betäubung und ihre Folgen sind schwerwiegend. Es drohen Infektionen, lebenslange Schmerzen, starke Blutungen sowie massive Störungen der Sexualität, Depressionen und Psychosen.

 

Menschenrechtsorganisationen wie Unicef, Unifem oder Terres des Femmes wehren sich seit Jahren gegen die euphemistische Bezeichnung »Beschneidung« und betonen, dass es sich hierbei um eine Verstümmelung, um eine schlimme Form der Gewalt gegen Frauen und Mädchen handelt, die dazu dient, Kontrolle über sie auszuüben.

 

Durch Migration und Flucht leben heute immer mehr Frauen in Europa, deren Genitalien in ihren Heimatländern verstümmelt wurden. Aus traditionellen Gründen halten viele auch hierzulande an dieser Praxis fest und lassen sie illegal auch bei ihren Töchtern vornehmen. Nach Schätzungen des Statistischen Bundesamtes und der Organisation Terres des Femmes sind davon in Deutschland etwa 30.000 Mädchen betroffen oder bedroht.

 

Sie werden dazu entweder ins Ausland gebracht, oder es finden sich im Land selber Ärzte, die die Verstümmelungen vornehmen. Es gibt Hinweise, dass dies auch in Deutschland geschieht. Nach einer im Jahr 2005 in Deutschland von Terres des Femmes, Unicef und dem Berufsverband der Frauenärzte durchgeführten Befragung, gaben 9,7 Prozent der Ärzte an, »von illegal in Deutschland durchgeführten Verstümmelungen gehört zu haben«. Vieles deutet darauf hin, dass daran auch medizinisches Personal beteiligt ist. Doch die Beweise fehlen.

 

Strafbare Körperverletzung

 

In Deutschland ist die Genitalverstümmelung als Körperverletzung strafbar, und zwar auch dann, wenn der Eingriff auf Verlangen der Patientin vorgenommen wird. Menschenrechtsorganisationen fordern trotzdem, die Genitalverstümmelung explizit in den Straftatbestand des § 226 StGB (schwere Körperverletzung) aufzunehmen, so wie es in anderen europäischen Ländern zum Beispiel in Dänemark, Norwegen, Schweden, Großbritannien oder Frankreich der Fall ist. Ein solch klares Verbot würde Signalwirkung entfalten und allen Beteiligten Rechtssicherheit geben.

 

Ärztinnen und Ärzte werden häufig erst mit weiblicher Genitalverstümmelung konfrontiert, wenn die Patientinnen zur Behandlung in ihre Praxen kommen und wissen oft nicht, wie sie ihre berufsrechtlichen Pflichten und die Wünsche der Frauen vereinbaren können. Insbesondere bei gynäkologischen Behandlungen oder beim Geburtsvorgang müssen sie sowohl die anatomischen Besonderheiten, als auch das kulturelle Selbstverständnis der Patientinnen berücksichtigen.

 

Deshalb hat die Bundesärztekammer im April dieses Jahres die »Empfehlungen zum Umgang mit Patientinnen nach Genitalverstümmelung« veröffentlicht und auf ihrer Website online gestellt (siehe Kasten). Sie sollen den behandelnden Ärzten Kenntnisse über individuelle medizinische und psychologische Betreuung vermitteln und ihnen Rechtssicherheit geben. Ärzte und medizinisches Personal haben die Chance, durch eine kompetente Aufklärung die Verstümmelung weiterer Frauen zu verhindern. Besonders in Geburtskliniken können die Mütter dahingehend beraten werden, dass sie bei ihren neugeborenen Töchtern auf diese Tradition verzichten.

 

In den Empfehlungen wird auch klar darauf hingewiesen, dass Ärzte von ihrer Schweigepflicht entbunden sind, wenn es darum geht, eine drohende Genitalverstümmelung abzuwenden.

Informationen im Internet

Online-Broschüre »Genitale Verstümmelung bei Mädchen und Frauen« des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: www.bmfsfj.de/Kategorien/Publikationen/publikationsliste,did=3590.html

Empfehlungen der Bundesärztekammer zum Umgang mit Patientinnen nach weiblicher Genitalverstümmelung: www.bundesaerztekammer.de/30/Richtlinien/Empfidx/Genitalverstuemmelung.html

Unicef-Mediathek zum Thema: www.unicef.de/mediathek_liste.html?kat=255

 

Mehr von Avoxa