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Selektive Wahrheit

06.12.2005
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Kommentar

Selektive Wahrheit

In der vergangenen Ausgabe haben wir noch behauptet, die Kassen würden ihre Kampagne gegen die Apothekenvergütung in den ARD-Wirtschaftsmagazinen fortführen. Die Druckerschwärze war noch nicht trocken, streng genommen waren noch nicht einmal alle Exemplare der Pharmazeutischen Zeitung gedruckt, da hatten wir leider wieder Recht behalten.

 

Mit freundlicher Unterstützung des Bremer Dreisatzkünstlers Professor Dr. Gerd Glaeske und vor allem des Ersatzkassenverbands rechneten die Redakteure von »Plusminus« vor, dass es erstens zu viele Apotheken gibt und diese zweitens zu viel Geld bekommen.

 

Der Beitrag war offensichtlich ein ernst gemeinter Versuch der ARD, Super-RTL und Neun Live die Zuschauer abspenstig zu machen. Selten wurde in fünf öffentlich-rechtlichen Minuten so viel Unsinn behauptet. Schon bei der Ankündigung des Beitrags behauptete die Redaktion, in Fußgängerzonen gebe es mehr Apotheken als Bäcker. Tatsächlich gibt es aber mit rund 50.000 Filialen rund doppelt so viele Backstuben wie Apotheken.

 

Schon da war klar, dass der Zuschauer von diesem Beitrag nicht allzu viel erwarten konnte. Doch auch eine Befürchtung lässt sich noch enttäuschen. Als ersten Beweis für die Apothekenschwemme befragte »Plusminus« in Fußgängerzonen Passanten, wie viele Apotheken sie denn persönlich benötigten.

 

Erwartungsgemäß blieben alle Befragten in ihren Angaben deutlich unter der Zahl von 21.400. »Ich bräuchte zwei,« sagte eine Frau, die in der Bad Vilbeler Fußgängerzone darauf angesprochen wurde, dass hier vier Apotheken ihr Unwesen treiben. Ein wirklich starkes Argument. Genauso gut könnte man mich fragen, wie viele PKW die deutsche Automobilindustrie herstellen sollte. »Alle vier bis fünf Jahre eins, mehr brauche ich nicht,« wäre meine Antwort und der Umwelt täte es auch gut.

 

Nachdem »Plusminus« die pharmazeutische Überversorgung zweifelsfrei bewiesen hatte, galt es nun, den dadurch verursachten Schaden herauszuarbeiten. Auch hier setzte die Redaktion ganz auf Emotionen und selektive Wahrheiten. Sie zeigte das pralle Angebot einer Bäckerei und einer Metzgerei (zurzeit ein wirklich gutes Beispiel, wenn es um die Versorgung mit einwandfreien und vertrauenswürdigen Produkten geht). Die Stimme aus dem Off erklärte, Apotheker seien Einzelhändler wie Bäcker und Metzger, nur ­ und jetzt wird es richtig gruselig ­ sie bieten ein Einheitsangebot. Fleischer und Bäcker böten dagegen unterschiedliche Spezialitäten (unterschiedlichen Alters?).

 

Das ist clever, denn seitdem wir Jahrezehnte lang den Sozialismus beobachtet haben, assoziieren wir mit Einheitsangebot natürlich Mangel. Bei Apotheken resultiert das einheitliche Angebot aber genau aus dem Gegenteil von Mangel. Alle bieten nämlich alles an. Ganz geheuer war der Plusminus-Redaktion ihre Behauptung wohl auch nicht. Deshalb räumte sie anschließend ein, alle Apotheken könnten das ganze Arzneimittelsortiment liefern.

 

Doch auch dies wird den Apotheken als Nachteil ausgelegt. Sie bieten nämlich nicht nur alles an, sondern werden auch noch mehrfach am Tag vom Großhandel beliefert. Bevor beim Zuschauer für so viel Service unerwünschte Sympathie aufkommt, stellt der Beitrag klar: »Finanzieren müssen diesen Aufwand zu fast drei Viertel die Beitragszahler.« Das ist genauso richtig wie zwangsläufig. Warum kurze Lieferzeiten für einen akut Kranken von Nachteil sind, bleibt leider offen.

 

Dafür kommt einer der Meister der unbewiesenen Behauptung zum Zuge: Professor Dr. Gerd Glaeske darf in die Kamera sagen, das die deutsche Bevölkerung auch mit 6000 Apotheken weniger noch gut versorgt wäre. Diese These ist natürlich nicht neu. Ernsthaft erwartet auch niemand, dass die Lebenserwartung in Deutschland sinken würde, wenn es weniger Apotheken gäbe. Ob es exakt 6000 sind, ist im Grunde unerheblich, denn entscheidender als die Zahl ist die Frage, wo Apotheken verschwinden. In der großstädtischen Fußgängerzone würde wahrscheinlich die meisten Passanten das Verschwinden einzelner Apotheken überhaupt nicht bemerken. Experten vermuten allerdings, dass es sich mit der Abnahme der Apothekenzahl wie beim individuellen Abbau von Körperfett verhält. Wo was zuerst verschwindet lässt sich nur begrenzt beeinflussen. Es ist deshalb mehr als zweifelhaft, dass die 6000 Apotheken genau dort verschwinden, wo sie zur flächendeckenden Versorgung nicht mehr gebraucht werden. Die Lücken entstünden dort, wo der Ertrag am geringsten ist. Wie sich heute schon bei den Arztpraxen in Ostdeutschland zeigt, ist dies eben nicht in der Innenstadt.

 

Egal, Hauptsache es verschwinden 6000  Apotheken, weil sie teuer sind. Wie teuer, erklärt der König der vermuteten Auswirkung postwendend. Eine Milliarde Euro ließen sich sparen, wenn es 6000 Apotheken weniger gäbe. Das sind immerhin rund 20 Prozent der gesamten Apothekervergütung. Natürlich könnte Glaeske auch 400 Millionen oder 2 Milliarden Euro sagen. Hinterfragt hätte die Zahl in diesem Beitrag ohnehin niemand. Wer warum dafür seine Apotheke schließen muss, wer das verfügt und ob der Glaeske'sche Bedarfsplan im ideologischen Einklang mit dem ebenfalls geforderten Wettbewerb steht, bleibt an dieser Stelle im Dunkeln.

 

Wer daran verdient, ist dagegen klar. Der ehemalige Gehe-Manager Jürgen Ossenberg, der heute die Apotheken seiner Frau managt, würde den Umsatz gerne übernehmen. Wahrscheinlich hätte »Plusminus« bei längerer Recherche noch mehr Apotheken gefunden, die sich dazu bereit erklärt hätten. Vielleicht hätten die nicht versprochen, das Geld postwendend an die Kassen zu überweisen. Der Sankt-Martins-gleiche Ossenberg hat dies offensichtlich vor, suggerierte uns zumindest die »Plusminus«-Redaktion. Wir sehen ihn schon, den ehemaligen Gehe-Manager. Vor der DAK-Zentrale zerschneidet er sein Sparbuch mit dem Schwert, legt den größeren Teil der Kasse zu Füßen und reitet wortlos von dannen.

 

Die so in die Geschichte eingeführten Krankenkassen bekommen nun eine tragende Rolle. Dr. Werner Gerdelmann vom Bundesverband der Ersatzkassen darf jetzt aufsagen, dass er nur noch mit einigen Apotheken Verträge machen möchte und nicht mehr mit allen. Wir hören mit Verwunderung, dass dieselben Kassen, die es nicht fertig bringen, mit einer Hand voll Generikaunternehmen Verträge abzuschließen, dasselbe bei 21.400 Apotheken einfordern.

 

Gerdelmann sagt auch, die Schutzzäune der Apotheker müssten weg. Die »Plusminus«-Redaktion pflichtet dem bei. Bäcker und Metzger hätten auch keine Schutzzäune. So soll es sein ­ gleiches Recht für alle. Alle Einzelhändler sind gleich.

 

Die Ausgabe von »Plusminus« kam vom Hessischen Rundfunk. Der hatte sich übrigens ein paar Tage zuvor in der Hessenschau noch lautstark darüber beschwert, dass die hessischen Apotheken ihre Notdienstbezirke von 15 auf 20 Kilometer ausweiten wollen. Dies sei alten Menschen nicht zuzumuten.

Nächste Woche wird die Hessenschau dann sicherlich über die katastrophale Nachtdienstregelung im Bäckerhandwerk oder den skandalös schlechten Notdienst der Fleischerfachgeschäfte berichten. Wir sind gespannt.

 

Daniel Rücker

Stellvertretender Chefredakteur

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