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Biopharmazeutika

Big Pharma schafft Forschern Freiräume

24.11.2008
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Biopharmazeutika

Big Pharma schafft Forschern Freiräume

Von Uta Grossmann

 

Die Entwicklung neuer Wirkstoffe ist Aufgabe von Wissenschaftlern, doch sie können nur erfolgreich arbeiten, wenn sie die finanziellen Mittel dazu bekommen. Wie verläuft der Forschungsprozess bei »Big Pharma«? Das Beispiel Pfizer zeigt, dass in einem Riesenkonzern unbürokratische Entscheidungen und Freiräume für Forscher möglich sind.

 

Biotherapeutika gelten als Arzneimittel der Zukunft. Anders als die traditionellen Medikamente, die chemisch hergestellt werden und auf kleinen Molekülen basieren, »beruhen biotechnologische Medikamente auf großen Molekülen, in denen sich Aminosäuren zu Proteinen, Antikörpern oder Peptiden verbinden«, erläutert Steffen Heuer im aktuellen Magazin von Pfizer Deutschland.

 

Maßgeschneiderte Therapie

 

Biotechnologisch hergestellte Arzneimittel werden in einem komplexen Prozess aus lebenden Zellen entwickelt. Während die herkömmlichen Medikamente für einen möglichst großen Patientenkreis entwickelt werden, ist der Vorteil der Biotherapeutika ihr individualisierter Einsatz. Sie greifen gezielt in körpereigene Prozesse ein. »Das Ziel ist eine maßgeschneiderte Therapie mit möglichst niedriger Dosierung und geringen Nebenwirkungen«, formuliert Heuer.

 

Pfizer investiert im Jahr nach eigenen Angaben 8,1 Milliarden US-Dollar in die Erforschung und Entwicklung neuer Medikamente. Die Kriterien für die Forschungsgebiete richten sich danach, ob Pfizer »first or best in class« ist und ob es einen noch ungedeckten medizinischen Bedarf (unmet medical need) gibt, erläuterte Pfizer-Unternehmenssprecher Martin Fensch der PZ. Anhand dieser Kriterien entschied Pfizer kürzlich, die Forschung in den Therapiegebieten Onkologie, Schmerz und Diabetes zu intensivieren.

 

Der Weg vom Labor zum Medikament in der Apotheke ist lang und kostenintensiv: Von Millionen untersuchten Molekülen schaffen es nach zwölf bis 15 Jahren nur ein bis zwei Wirkstoffe als Arzneimittel zum Patienten. Während dieses langen Zeitraums analysieren und beurteilen fachübergreifende Gremien von Pfizer-Experten jede Substanz nach ihrem Potenzial, den Risiken und den weiteren Entwicklungskosten. Dabei ist die Forschung mit Biotherapeutika besonders anspruchsvoll. Die Kosten seien bei diesen Molekülen viel höher als bei einfachen chemischen Substanzen, so Fensch. »Auch das Risiko ist höher. In der Regel handelt es sich um neue Substanzen, da ist das Risiko von Fehlschlägen immer höher ist als bei bekannten Zielen«, sagt der Firmensprecher.

 

Das weltweit größte Pharmaunternehmen kann und will sich den Zukunftsmarkt der Biopharmazeutika nicht entgehen lassen. Die Konkurrenz schläft schließlich nicht. Gerade erst hat Merck Serono mit dem Ausbau seiner wichtigsten Biotech-Produktionsstätte in Corsier-sur-Vevey, Schweiz, begonnen. 300 Millionen Euro investiert die Schweizer Sparte für innovative verschreibungspflichtige Medikamente des Darmstädter Merck-Konzerns in das Biotech Center. Dort soll künftig unter anderem Erbitux (Cetumixab) hergestellt werden, Merck Seronos monoklonaler Antikörper gegen Darmkrebs, Kopf- und Halskrebs.

 

Pfizer will bis 2015 ein Fünftel seines Umsatzes mit Biotherapeutika erzielen. Für die biopharmazeutische Grundlagenforschung hat der Konzern einen Verbund kleiner, flexibler Forschungseinrichtungen geschaffen, das Biotherapeutics und Bioinnovation Center (BBC) in Mission Bay, San Francisco. Das soll den Wissenschaftlern mehr Freiräume verschaffen.

 

BBC-Präsident Corey Goodman ist Neurobiologe und hat ein Vierteljahrhundert lang an den Universitäten Berkeley und Stanford als Professor gelehrt. Seit Ende 2007 leitet er den weltweiten Verbund von öffentlichen und privaten Forschungseinrichtungen sowie den Tochterfirmen CovX in San Diego, Rinat in San Francisco, Coley Pharmaceutical in Düsseldorf und dem Research Technology Center in Cambridge bei Boston. Goodman hat ehrgeizige Ziele. Im Interview des Pfizer-Magazins sagt er: »Wir wollen zu den Besten gehören und unsere Medikamenten-Pipeline mit möglichst vielen Biotech-Präparaten auffüllen.« Mit dem BBC habe man einen Forschungsverbund geschaffen, der »das Beste beider Welten, Big Pharma und Biotech, zusammenführt«, so Goodman. »Die dem BBC angeschlossenen Unternehmen behalten ihre Identität und Kultur. Sie bearbeiten unverändert ihr Spezialgebiet und bleiben dabei so unabhängig, dass sie schnell und unbürokratisch unternehmerische Entscheidungen treffen können. Gleichzeitig können sie aber auf die immensen Ressourcen von Pfizer zurückgreifen und jederzeit mit der globalen Sparte für Forschung und Entwicklung des Konzerns zusammenarbeiten.«

 

Während die kleinen Firmen engen Kontakt zu anderen Forschungseinrichtungen und Universitäten halten und so den wissenschaftlichen Austausch pflegen, sorgt der Pharmariese Pfizer mit seiner Infrastruktur und Finanzkraft dafür, dass zum Beispiel klinische Studien für den Test neuer Medikamente gleichzeitig in mehreren Kontinenten laufen können.

 

Coley Pharmaceutical in Düsseldorf ist eine dieser Firmen in Pfizers Forschungsverbund BBC. Das Biotech-Unternehmen ist das europäische Hauptquartier der US-amerikanischen Coley Pharmaceutical Gruppe. Die Düsseldorfer Forscher hatten sich zunächst auf die Entwicklung von TLR-Therapeutika spezialisiert, die über die spezifische Modulation des Immunsystems wirken. TLR steht für Toll-like receptors, wobei »Toll« ein bestimmtes Protein bezeichnet. TLRs werden in der Behandlung von Krankheiten wie Krebs, Allergien und Asthma sowie zur Verbesserung der Wirksamkeit von Impfstoffen eingesetzt. TLR-Medikamente aktivieren das körpereigene Immunsystem. Dadurch erwarten die Forscher weniger Nebenwirkungen und Resistenzreaktionen als bei der Anwendung von Chemotherapeutika.

 

Seit der Übernahme durch Pfizer Anfang 2008 hat sich ein neuer Forschungsschwerpunkt ergeben, sagt Holger Ammon, Leiter Personal und Recht und Mitglied der Geschäftsführung von Coley: die Ribonukleinsäure-Interferenz (RNAi). Dabei geht es um das Ausschalten von Genen oder die temporäre Verringerung der Genaktivität.

 

Biotech-Firmen als Speed-Boats

 

Ammon schwärmt in höchsten Tönen von der Zusammenarbeit mit dem Pharma-Riesen Pfizer. Er habe damit gerechnet, dass nach der Übernahme erst einmal die Firmenspitze inklusive seiner selbst ausgetauscht würde, wie das so üblich sei. Doch es kam anders. Pfizer »hat uns gelassen, wie wir sind«, so Ammon. Der Pfizer-Forschungsverbund BBC wolle kein starrer Tanker sein, sondern sei erfolgreich mit den »kleinen Speed-Boats« wie Coley. In der Forschung ist die Düsseldorfer Firma an das Research Technology Center (RTC) in Cambridge, Boston, angeschlossen. Coley bekommt von Pfizer ein jährliches Budget. Im Gegenzug gibt Coley die erarbeiteten Patente an Pfizer ab.

 

Die Entscheidung, ob in eine besonders Erfolg versprechende Forschung mehr Geld gesteckt wird oder ob weniger aussichtsreiche Projekte abgebrochen werden, treffen letztlich RTC-Leiter Dr. Art Krieg und BBC-Präsident Professor Corey Goodman. Holger Ammon verweist jedoch auf die Mitsprache der Coley-Mitarbeiter und darauf, dass Krieg und Goodman »mit Leib und Seele Wissenschaftler« seien.

 

Die weitreichende Eigenverantwortung der Forscher und die Tatsache, dass sie ihre Expertise bewahren und ausbauen können, sei höchst motivierend, sagt Ammon. Das Modell funktioniert - mit der Finanzmacht von Pfizer im Rücken.

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