Pharmazeutische Zeitung online
Apothekerproteste

Wir sind keine Pillenverkäufer

20.11.2006  11:45 Uhr

Apothekerproteste

Wir sind keine Pillenverkäufer

Von Daniel Rücker, Düsseldorf

 

Nach Leipzig und München litt auch die Demonstration in Düsseldorf nicht unter Teilnehmermangel. Nach Angaben der Veranstalter kamen wiederum 10.000 Apotheker, Studenten und PTA in die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt. Erstmals trat auch ein Politiker der Regierungskoalition vor das Mikrofon.

 

Wie viele Apotheker, Studenten und PTA sich am 15. November tatsächlich auf dem Burgplatz direkt am Rhein einfanden, ist umstritten. Die Polizei vermeldete rund 5000 Teilnehmer, bezog sich dabei aber offensichtlich auf die von Apothekerkammer und -verband Nordrhein vorab gemeldeten Teilnehmerzahlen. Ein Blick über den weitläufigen Burgplatz lässt Zweifel aufkommen. In Düsseldorf versammelten sich mindestens so viele Demonstranten wie in den beiden Wochen zuvor in Leipzig und München. Die amorphe Form des Platzes lässt offensichtlich keine exakte Schätzung zu.

 

Die von den Organisatoren geschätzte Zahl 10.000 dürfte jedoch in jedem Fall eher der Wahrheit entsprechen als die Polizei-Angaben. Und auch der ohrenbetäubende Lärm, den Tausende von Trillerpfeifen, Ratschen und Tröten erreichten, sprach eindeutig dafür.

 

Die Botschaft, die von der Bühne und von den Teilnehmern ausging, war weitgehend deckungsgleich zu den Vorgängerveranstaltungen: »Das Maß ist voll«, rief der Vorsitzende des Apothekerverbands Nordrhein, Thomas Preis, in die Menge. Höchstpreisverordnung und Zuzahlungsdumping seien für die meisten Apotheken nicht mehr zu verkraften. Preis machte auch deutlich, wie die Apotheker ihren Beruf sehen: »Wir sind Heilberufler und keine billigen Pillenverkäufer.«

 

Zum Kaufmann degradiert

 

Ähnlich sah es der Präsident der Apothekerkammer Nordrhein, Lutz Engelen: »Die Politik will durch das kommende Gesetz den Arzt vom Diagnostiker und Therapeuten zum Punktwertmanager und den Apotheker vom Heilberufler zum Kaufmann degradieren.« Die Politik wolle den heilberuflich orientierten Apotheker »auf dem Altar des reinen Wettbewerbs opfern«.

 

Die Vorsitzende der Apothekengewerkschaft Adexa, Monika Oppenkowski, ergänzte: »Gute Beratung gibt es nur in Apotheken.« Sie macht sich jedoch Sorgen, dass dies nur solange gilt, wie die öffentliche Apotheke eine ausreichende wirtschaftliche Basis habe. Bei sinkenden Erträgen würden zuerst Mitarbeiter entlassen. Die Konsequenz wären Warteschlangen in den Apotheken und eine Fließbandabfertigung der Patienten.

 

In Kurzstatements machten auch der Vorsitzende des Landesapothekerverbands Rheinland-Pfalz, Hermann S. Keller, der Vorsitzende des Hessischen Apothekerverbands, Dr. Peter Homann, sowie die Vizepräsidentin der Landesapothekerkammer Westfalen-Lippe, Gabriele Regina Overwiening, sowie die designierte Vorsitzende des saarländischen Apothekervereins, Claudia Berger, ihrem Ärger über das GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz (GKV-WSG) Luft. An der Regionaldemonstration waren neben Nordrhein-Westfalen auch die Bundesländer Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland beteiligt. Apotheker aus diesen Regionen waren zum Teil vor sechs Uhr morgens mit dem Bus nach Düsseldorf aufgebrochen.

 

Alle Redner ließen keinen Zweifel daran, dass neben den Apothekenmitarbeitern vor allem die Patienten unter dem WSG leiden werden. Deshalb überrascht es kaum, dass auch Martin Hadder, Landesvorsitzender Nordrhein-Westfalen des Deutschen Diabetikerbundes, kein gutes Haar an dem Gesetz ließ: »Die Patienten in Deutschland werden vom medizinischen Fortschritt immer mehr ausgegrenzt.« In den vergangenen Jahren hätten die Patienten bereits erhebliche Einschränkungen hinnehmen müssen. »Wenn jetzt noch der Apotheker als Ansprechpartner wegfalle, hätte dies katastrophale Konsequenzen.«

 

Die undankbare Aufgabe, das Gesetz vor 10.000 Kritikern zu verteidigen, hatte der CDU-Bundestagsabgeordnete Jens Spahn übernommen. Er bezeichnete das WSG als einen Kompromiss, bei dem alle Seiten auch Abstriche hätten machen müssen. Gegen eine stärkere kaufmännische Ausrichtung der Apotheker hat er nichts. Sie seien schon heute Kaufleute und gewohnt, Rabatte auszuhandeln. Die Kritik an der Rabatthaftung im WSG kann er deshalb nicht nachvollziehen. Spahn versicherte aber auch, dass die Regierung an der Arzneimittelversorgung durch Apotheker als freie Heilberufler interessiert sei.

 

Nach Überzeugung des westfälischen Unionspolitikers wird sich das Gesetz im Laufe der parlamentarischen Beratung noch verändern. So hält er eine liberalere Aut-idem-Regelung für sinnvoll. Die daraus resultierenden Einsparungen könnten auf die 500 Millionen Euro Rabatthaftung angerechnet werden, sagte er.

 

Zum Abschluss der Kundgebung erläuterte ABDA-Präsident Heinz-Günter Wolf, wie sich die Apotheker die Arzneimittelversorgung nach einer gelungenen Gesundheitsreform vorstellen: »Wir demonstrieren heute für ein Gesundheitssystem, bei dem die Gesundheit der Menschen im Mittelpunkt steht, für den Apotheker als freien Heilberufler, für die preisneutrale Apothekervergütung als Grundlage unabhängiger Beratung, für die flächendeckende wohnortnahe Versorgung rund um die Uhr und für qualifizierte Arbeitsplätze und eine sichere Arzneimittelversorgung.«

 

Bundesweiter Protesttag

 

Die Proteste der Apotheker und der anderen Heilberufler gehen in den kommenden Wochen weiter. An diesem Mittwoch protestieren die Apotheker in Hamburg. Am 4. Dezember wird es einen allgemeinen Protesttag gegen die Gesundheitsreform geben. Daran beteiligen sich auch die Apotheker. Eine große zentrale Demonstration in Berlin ist dabei jedoch nicht vorgesehen.

 

Stattdessen wird es am 4. Dezember bundesweit in den Apotheken nur eine Notversorgung mit reduzierter Beratung geben. So soll den Menschen die Auswirkungen einer sich verschlechternden flächendeckenden Versorgung verdeutlicht werden. Dabei sieht das Konzept der ABDA drei Optionen vor. Entweder versorgt die Apotheke den ganzen Tag ausschließlich über den Notdienstschalter oder sie besetzt nur einen Verkaufsplatz und stellt auf den anderen »Außer Betrieb«-Schilder auf. Als weitere Möglichkeit wird empfohlen, einen Teil der Offizin mit Absperrband zu sperren. In allen Fällen sollen die Medien und die Patienten natürlich über den Hintergrund der Aktion informiert werden. Parallel zu den lokalen Protesten werden die Mitgliedsorganisationen in den Landeshauptstädten für Aufmerksamkeit sorgen.

Kommentar: Beim Wort nehmen

Will man Jens Spahn, Abgeordneter der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Glauben schenken, ist noch nichts verloren. Vor 10.000 Apothekenleitern und -mitarbeitern versprach er in Düsseldorf, sich dem Dialog zu stellen. Man nehme den Protest der Apotheker ernst. Das Gesetz sei noch nicht in der Endfassung geschrieben, in der vorliegenden Form werde es nicht Gesetz. Auch bei früheren Gesetzeswerken habe die Politik sinnvolle Vorschläge der Apothekerschaft, zum Beispiel das Kombimodell als neue Arzneimittelpreisverordnung, aufgenommen. An diese Äußerung sollten die Apotheker den CDU-Abgeordneten immer wieder erinnern. Denn wenn er die augenblickliche Arzneimittelpreisverordnung wirklich für sinnvoll hält, müsste er konsequenterweise die Höchstpreise und die Freigabe des Apothekenaufschlages aus dem Gesetzesentwurf wieder streichen. Sie konterkarieren das Kombimodell, was die heilberufliche Tätigkeit und die preisunabhängige Arzneimittelauswahl durch den Apotheker erst möglich machte. Wir werden abwarten müssen, wie glaubwürdig Spahn ist.

 

Professor Dr. Hartmut Morck

Chefredakteur

Mehr von Avoxa