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Karies und Parodontitis vorbeugen

21.11.2005  13:26 Uhr

Mundhygiene

Karies und Parodontitis vorbeugen

von Marion Günzel, Frechen

 

Erkrankungen der Mundhöhle wie Karies und Parodontitis können auch das Risiko für andere Erkrankungen erhöhen. Mit der richtigen Mundhygiene muss es nicht so weit kommen.

 

Karies und Parodontitis treten nur selten gleichzeitig auf. In den ersten Lebensjahrzehnten spielt vor allem Karies eine vorrangige Rolle. Bei Kindern sind dabei besonders die Kauflächen gefährdet, bei Jugendlichen und jüngeren Erwachsenen sind vor allem die Zahnzwischenräume betroffen. Vom 35. Lebensjahr an kann es infolge von Zahnfleischerkrankungen vermehrt zum Zahnverlust kommen. Daher sind geeignete präventive Maßnahmen wichtig.

 

Für die Entstehung von Zahnfleischerkrankungen spielt der bakterielle Zahnbelag (Plaque) eine entscheidende Rolle: Kohlenhydrate aus der Nahrung werden durch die Bakterien zu Säuren abgebaut, die bei dauerhafter Einwirkung zur Entkalkung der Zahnhartsubstanz führen.

 

Jedes halbe Jahr zum Zahnarzt

 

Die zahnmedizinische Prophylaxe zielt ab auf:

Entfernung von fest haftendem Zahnbelag,

Remineralisation der Zahnhartsubstanz,

Erhöhung der Widerstandsfähigkeit des Zahnschmelzes gegenüber Säuren,

Hemmung des Stoffwechsels der Plaquebakterien.

 

Vollwertige, zuckerarme Ernährung und regelmäßige Mundhygiene beugen Zahnerkrankungen vor. Empfohlen werden zudem eine regelmäßige Fluoridzufuhr (Zahnpasta, Fluorsalz) und eine halbjährliche Zahnarztkontrolle. Durch professionelle Zahnreinigung lassen sich Zahnstein und Plaque vollständig entfernen. Anschließende Politur und intensive Fluoridierung der Zähne sollen zusätzlich langfristig vor Karies und Parodontitis schützen.

 

Zahnpflege: Die Qual der Wahl

 

Rund eine Milliarde Euro investieren die Bundesbürger jährlich in die Mundpflege. Fast die Hälfte entfällt dabei auf Zahncremes. Der durchschnittliche Verbrauch liegt bei 3,5 Zahnpastatuben und 1,5 Zahnbürsten pro Kopf und Jahr und damit viel zu niedrig. Denn bereits nach zwei Monaten entfernt eine Zahnbürste rund 30 Prozent weniger Plaque von den Zähnen als im Neuzustand.

 

Beim Kauf der benötigten Hilfsmittel zur Zahnreinigung steht der Verbraucher oft hilflos vor einer Vielzahl von Bürsten, Pasten, Fäden und Rachenputzern. Ähnlich  bei der Zahncreme: Ob im Spender oder in der Tube, gegen Karies, Parodontitis oder zum Schutz sensibler Zähne, ob mit Weißmachereffekt, ein- oder dreifarbig, mit Minz- oder Mentholgeschmack; die Vielfalt an Zahnpasten scheint unaufhörlich zu wachsen. Was ist für wen wirklich sinnvoll und empfehlenswert? Was ist überflüssig?

 

Alle zwei Monate eine neue

 

Handzahnbürsten gelten immer noch als Mittel der Wahl. Sie müssen allerdings regelmäßig und richtig benutzt werden und etwa alle zwei Monate ausgetauscht werden. Dabei ist die Form des Bürstenkopfes zweitrangig. Vorteilhaft sind Produkte mit kleinem Kopf, der alle Ecken erreicht, und mit abgerundeten Kunststoffborsten. Sie verletzen das Zahnfleisch weniger und bieten Bakterien keinen guten Nährboden. Grundsätzlich sollten eher weiche Borsten verwendet werden; harte Borsten sind nur bei sehr festen Zahnbelägen ratsam.

 

Elektrische Zahnbürsten reinigen die Zähne zwar nicht besser als Handzahnbürsten, sie sind jedoch leichter zu handhaben; besonders für Kinder, Kranke, Ältere oder Behinderte. Zwei Minuten Putzzeit sind auch hier ein Muss. Relativ neu sind Elektrozahnbürsten, die den Anpressdruck automatisch reduzieren. Dadurch wird das Zahnfleisch vor zu hohem Druck geschützt.

 

Elektrische Schallzahnbürsten erzeugen elektromagnetische Wellen, welche die Borsten bis zu 30.000-mal pro Minute schwingen lassen. Die Zahncreme wird dabei so aufgeschäumt, dass sie auch ohne Druck in die Zwischenräume gelangt. Vergleichsstudien konnten eine sehr gute Reinigungswirkung zeigen.

 

Zahnzwischenraumbürsten oder Interdentalbürsten sind speziell bei größeren Zahnlücken, fest sitzendem Zahnersatz und bei Implantaten als unterstützende Maßnahme empfehlenswert. Vorsicht: Bei zu kräftigem Einsatz der einbüscheligen Bürsten, kann es leicht zu Verletzungen des oberen Zahnwurzelbereichs kommen.

 

Fluoridhaltige Zahncremes schützen vor Karies . Eine Untersuchung der Stiftung Warentest kommt zu dem Schluss, dass aus zahnmedizinischer Sicht mittlerweile fast alle Produkte im Handel als »sehr gut« bezeichnet werden können.

 

Sind zusätzlich pharmakologisch wirksame Substanzen wie Zinn- beziehungsweise Aminfluorid, Triclosan oder pflanzliche Inhaltsstoffe/ätherische Öle in der Zahncreme enthalten, wirkt sie zusätzlich prophylaktisch und therapieunterstützend. Durch den Zusatz von Aminfluorid kann auf den hautreizenden Schaumbildner Natriumlaurylsulfat verzichtet werden.

 

Spezielle Junior-Zahnpasten für Kinder ab sechs Jahren sind aus zahnmedizinischer Sicht nicht erforderlich. Bei zuverlässigem Ausspucken ist eine konventionelle Erwachsenenzahnpasta ausreichend.

 

Bleichende Spezialpasten für weiße Zähne entfernen Verfärbungen meist besser als andere Produkte. Ihre Wirkung beruht auf der Plaqueentfernung durch in der Creme vorhandenen Schleifkörpern oder Säuren. Sie sollten daher nur bei intaktem Gebiss ohne frei liegende Zahnhälse und mit der richtigen Putztechnik angewendet werden.

 

Mundduschen und -spüllösungen

 

Mundduschen mit druckgetriebenen Wasserstrahl ergänzen die Hygiene sinnvoll, sie können die Zahnbürste jedoch nicht ersetzen. Mundspüllösungen enthalten bakterizide Inhaltsstoffe wie Zinnchlorid oder Amin- und Zinnfluorid. Sie werden unter anderem zur Behandlung von Zahnfleischentzündungen angewendet und enthalten häufig Alkohol.

 

Mundspüllösungen mit Chlorhexidin (CHX) wirken nur bei entsprechender Konzentration und Spülmenge (zweimal täglich 10 ml 0,2-prozentige Lösung = 40 mg) karieshemmend und gingivitisreduzierend. Niedriger konzentriert (zum Beispiel zweimal 10 ml 0,06-prozentige Lösung = 12 mg) wirken sie nur plaquereduzierend.

 

Ihre antibakterielle Wirkung wird durch anionische und tensidhaltige Moleküle aus Zahncremes aufgehoben. Die Lösung sollte daher frühestens eine halbe bis zwei Stunden nach dem Zähneputzen verwendet werden. Höher konzentriertes CHX darf nur kurzfristig (bis zu sechs Wochen) eingesetzt werden. Ansonsten können unter anderem Verfärbungen auf Zunge und Zähnen, Geschmacksirritationen oder verstärkte Zahnsteinbildung auftreten.

 

Mundwässer und -sprays enthalten hochkonzentrierte parfümierte Lösungen und sollen ein Frischegefühl im Mund erzeugen. Sie haben jedoch keine prophylaktische Wirkung und zielen eher auf kosmetische Überdeckung mangelnder Mundhygiene.

 

Zahnseide für Zahnzwischenräume

 

Ergänzend ist Zahnseide speziell für die Zwischenräume sehr wirkungsvoll. Zahnbürsten allein erreichen nur etwa 60 Prozent der Zahnflächen. Ungeübte verwenden am besten gewachste Zahnseide , später sollte die ungewachste, dünnere Variante verwendet werden. Fluoridhaltige Zahnseide soll zusätzlichen vor Karies schützen.

 

Zahnhölzer sind preisgünstig, reinigen aber nur sehr grob und sind wegen der großen Verletzungsgefahr des Zahnfleischs nur bedingt zur Mundhygiene geeignet. Wer nicht auf Zahnstocher verzichten will, sollte medizinische, dreikantige Dentalsticks aus Kunststoff verwenden, die mit Fluoriden angereichert sind.

 

Säure schadet dem Zahnschmelz

 

Ob elektrisch, manuell oder mit Schall, mit Geschmack, Fluorid oder Chlorhexidin: Jedes Mundhygienemittel wirkt nur so gut, wie es angewendet wird. Eine falsche Putztechnik, zu viel Anpressdruck, ausgefranste oder zu harte Borsten können Zähne und Zahnfleisch schädigen. Auch der Zeitpunkt des Putzens ist entscheidend: Studien zeigten, dass der Genuss von sauren Lebensmitteln wie Fruchtsäften, Salatsaucen oder Wein den Zahnschmelz aufweicht. Durch anschließendes heftiges Putzen kann der Zahnschmelz zerstört und entfernt werden. Zahnhalsdefekte sind die Folge. In solchen Fällen sollten die Zähne frühestens eine halbe Stunde nach dem Genuss saurer Speisen oder Getränke geputzt werden. Zur Härtung des Zahnschmelzes sollten hier unbedingt Fluoride verwendet werden. Außer den Säuren aus Nahrungsmitteln kann auch Magensäure zu Erosionen am Zahnschmelz führen, zum Beispiel bei einem Reflux.

 

Zuckerfrei gleich zahnfreundlich?

 

Zuckerfrei ist nicht gleich zahnfreundlich: Zuckerfrei bedeutet lediglich ohne Zusatz von Saccharose. Die so beworbenen, vermeintlich zahngesunden Kaugummis, Gummibärchen oder Lutschtabletten enthalten jedoch oft Glucose, Fructose, Maltose oder Lactose, die ebenfalls zu Kariesschäden führen können.

 

Wer sicher gehen möchte, sollte auf das Qualitätssignet der Aktion zahnfreundlich achten: Das Zahnmännchen mit Schirm garantiert, dass weder Zucker noch andere zahnschädigende Substanzen enthalten sind.

 

Durch viele kleine Mahlzeiten und reichlich Kohlenhydrate und Obst wird der pH-Wert in der Mundhöhle dauerhaft gesenkt. Die permanent vorhandene Säure verhindert die Remineralisation des Zahnschmelzes und schädigt so die Zähne. Abhilfe kann der Griff zum Zahnpflegekaugummi mit Xylit und Calciumzusatz schaffen. Nach dem Essen sollte es mindestens 20 Minuten gekaut werden. Die vermehrte Speichelbildung wehrt Krankheitserreger im Mund ab und wirkt remineralisierend.

 

Zähneputzen ist Präzisionsarbeit
Plaque muss mindestens einmal am Tag mit Zahnbürste und fluoridhaltiger Zahnpasta richtig entfernt werden. Dies empfiehlt Privatdozent Dr. Christof E. Dörfer von der Poliklinik für Zahnerhaltungskunde der Universität Heidelberg. Zahnseiden und spezielle Interdentalbürsten könnten zusätzlichen Nutzen bringen. Mundspüllösungen stuft er als gute Ergänzung ein, speziell bei Gingivitis. Kaugummikauen rege die Speichelproduktion an, reinige die kritischen Zahnbereiche jedoch nicht, so Dörfer.
Zum Zähneputzen sind seiner Erfahrung nach alle hochwertigen Zahnbürsten mit Kunststoffborsten geeignet. »Diejenige ist die richtige, die einem persönlich am angenehmsten ist und mit der man am besten zurechtkommt.« Einschränkungen gebe es nur, wenn der Zahnarzt Schäden an Zähnen oder am Zahnfleisch feststellt, die auf das Putzen zurückzuführen sind.
Zähneputzen ist Präzisionssache, stellt Dörfer klar. Der Patient müsse vor allem lernen, systematisch alle Zahnoberflächen zu reinigen, besonders auch die schwer zugänglichen. Persönliche Vorlieben bezüglich der Bürsttechnik seien dann akzeptabel, wenn die Zähne gut gereinigt werden und keine Anzeichen einer Schädigung erkennen lassen. Die Anwendung von Zahnseide und Interdentalbürsten sollte mit professioneller Hilfe erlernt werden, fordert der Oberarzt.
Grundsätzlich sollte alle sechs bis acht Wochen die Zahnbürste gewechselt werden, aber auch das sei individuell verschieden, so der Zahnmediziner. »Bei einigen muss die Bürste bereits nach zwei Wochen ausgetauscht werden. Bei anderen sieht sie nach sechs Monaten noch aus wie neu und das heißt nicht, dass der- oder diejenige schlechter putzt.«
Zahnkrankheiten seien so komplex, dass die These »ein sauberer Zahn wird nicht krank« nicht mehr stimmt, stellt Dörfer klar. Plaqueentfernung sei sicherlich ein wichtiger Faktor, aber auch Rauchen, spezifische Erkrankungen oder angeborene Variationen in der Immunreaktion könnten maßgeblich am Entstehungsprozess oraler Infektionen beteiligt sein.

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