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Patienten müssen selten warten

16.09.2005  15:20 Uhr

Deutschland

Patienten müssen selten warten

von Patrick Hollstein, Berlin

 

Im deutschen Gesundheitswesen sind die Wartezeiten kürzer als in den meisten anderen Industrienationen. Die freie Arztwahl ist ein verbrieftes Recht und medizinische Fehler sind vergleichsweise selten. Dennoch ist jeder dritte Kranke mit der Versorgung unzufrieden. So das Ergebnis einer Studie des Commonwealth Funds (CWF).

 

Die besten Ergebnisse erzielte Deutschland im Sechs-Länder-Vergleich bei den Wartezeiten und beim Zugang zu medizinischen Leistungen ­ unabhängig von Einkommen, Versichertenstatus oder Wohnort. Jeder zweite Patient wird in Deutschland noch am Tag der Erkrankung behandelt; in Ländern mit einem ausgeprägten Ärztemangel wie Kanada liegt die Quote bei einem Viertel. Wartezeiten in der Notaufnahme von mehr als vier Stunden sind in Deutschland die Ausnahme. Außerhalb der regulären Arbeitszeit ist in keinem anderen Land ärztliche Behandlung derart einfach zu finden wie in Deutschland. Auch fachärztliche Behandlungen sind in Deutschland in der Regel innerhalb von zwei Wochen möglich. Operationen werden meist binnen Monatsfrist durchgeführt. Auch die Freiheit bei der Arztwahl beurteilten die deutschen Patienten überdurchschnittlich positiv.

 

Anders als in den USA hatte nur jeder vierte deutsche Patient bereits auf Arztbesuch, diagnostische Tests oder das Einlösen eines Rezepts verzichtet. Nur in Großbritannien und Kanada ­ Länder ohne beziehungsweise mit niedriger Zuzahlung ­ war den Patienten ihre Gesundheit ähnlich wichtig. In den USA hatte jeder zweite Patient bereits aus Kostengründen auf eine medizinische Maßnahme verzichtet. Hier lagen die Zuzahlungen dreimal so hoch wie in Deutschland. Außerdem werden in Deutschland chronisch Kranke regelmäßig präventiv untersucht.

 

Gut schnitt auch die stationäre Behandlung ab: In keinem anderen Land waren Wiederaufnahmen so selten notwendig wie in Deutschland. Auch medizinische Fehler kommen trotz unterentwickelter »Fehlerkultur« in keinem anderen untersuchten Land so selten wie in Deutschland vor. Während beispielsweise in England Patientenvertreter erst kürzlich umfassendere Hygienemaßnahmen forderten, gibt es in Deutschland kaum noch nosokomiale Infektionen.

 

In der Kommunikation zwischen Arzt und Patient sowie bei der Koordination der verschiedenen Leistungserbringer untereinander offenbarte das deutsche System dagegen Defizite. 60 Prozent der deutschen Patienten beklagten die fehlende Abstimmung bei der Entlassung aus dem Krankenhaus. In allen anderen Ländern lagen die Negativeinschätzungen um ein Drittel niedriger. 77 Prozent der Patienten fühlten sich nicht ausreichend über die verordneten Medikamente aufgeklärt; eine Kritik, die auch in anderen Ländern zu hören war. Anders als in Australien oder Neuseeland gaben in Deutschland 38\ Prozent der Patienten an, selten oder nie über mögliche Arzneimittelnebenwirkungen informiert zu werden.

 

Bei der Patientenzufriedenheit lag das deutsche Gesundheitswesen weit abgeschlagen. Mit 16 Prozent glaubten nur halb so viele Patienten in Deutschland an die Zukunftsfähigkeit ihres Systems. Jeder dritte Befragte war der Ansicht, das System müsse komplett reformiert werden. Auch in den USA und Australien äußerten sich die Patienten ähnlich skeptisch.

 

Der Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), Professor Dr. Peter Sawicki, warnte auf Grund der Ergebnisse vor unnötigen Veränderungen eines funktionierenden Systems. Knapp 7000 Patienten in Großbritannien, Kanada, Australien, Neuseeland, Deutschland und den USA waren für die Vergleichsstudie des CWF befragt worden.

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