Pharmazeutische Zeitung online

Es gibt alles, aber nicht gleichzeitig

15.11.2005  12:23 Uhr

Apotheken in Kuba

Es gibt alles, aber nicht gleichzeitig

von Ulf Mann, Pinar del Rio

 

Aspirin gibt es in Kuba manchmal nur auf dem Schwarzmarkt zu kaufen, Viagra kostet so viel wie ein Monatseinkommen. Kubanische Apotheken sind verstaatlicht, ihr Angebot ist begrenzt. Gefragt ist zunehmend die »grüne Medizin« mit Heilpflanzen. Sie ist billiger und fast immer verfügbar.

 

November 2004, Samstag 9 Uhr: Es herrscht Betrieb, aber keine Hektik. Die beiden großen Türen zur Straße sind weit geöffnet. Der kubanische Winter entspricht hinsichtlich der Temperaturen dem deutschen Sommer. Die Luftfeuchtigkeit ist allerdings tropisch. Es bedienen zwei ernst aussehende ältere Frauen, ohne Kittel. Sie heißen Ana und Miriam ­ in Kuba existieren die Nachnamen bloß auf den Papieren. Auch wir, mein Freund Pipio, der sich als Übersetzer zur Verfügung gestellt hat und ich, Ulf, »un farmaceutico (gesprochen: farmace-utico) de Alemania«. Obwohl wir nicht angemeldet sind, bekommen wir einen kleinen Kaffee, natürlich mit sehr viel Zucker. Kaffee trinken ist Luxus in Kuba ­ und bei Luxusartikeln geht der Export stets vor dem Eigenbedarf. Das normale Begrüßungsgetränk ist ein Glas kaltes Leitungswasser.

 

Gegen 10 Uhr kommt die Chefin, die »administradora«. Sie heißt Caridad, was Barmherzigkeit bedeutet. In Cuba gibt es, neben den klassischen spanischen Vornamen, wie Pablo und Teresa, viele ausgefallene Vornamen. Caridad wirkt ernst und distanziert, sogar skeptisch. Das liegt sicher auch daran, dass sich unser Gespräch bis jetzt um das Arbeitsklima im Allgemeinen, Konfliktlösungen, um die Aufgabe von Gewerkschaften und eventuelle gerichtliche Auseinandersetzungen dreht. Alle Personalangelegenheiten werden vom Gesundheitsministerium, in Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft, entschieden. Gerichte gibt es, sie werden aber so gut wie nicht in Anspruch genommen. In der Apotheke Nummer 664 arbeiten sechs Fachverkäuferinnen, »tecnicas«, und eine »farmaceutica«, die Chefin Caridad ­ für kubanische Verhältnisse eine kleine Apotheke. Als das Telefon klingelt, nimmt Miriam ab, obwohl sie gerade beschäftigt ist und die Chefin genau danebensteht. Dennoch sagt sie, dass es bei ihnen »keine Probleme« gibt und Caridad erweitert: »Wir sind wie eine Familie und wir lösen unsere Probleme innerhalb der Familie.« Die sieben Frauen arbeiten seit 30 Jahren zusammen.

 

Alle Apotheken in Kuba sind seit 1964 verstaatlicht, daher die Bezeichnung »unidad« (Einheit). Umgangssprachlich heißt die Nr. 664 aber »Maximo Gomez« nach der Straße, in der sie liegt, und diese nach einem der berühmtesten Generale aus den Befreiungskriegen gegen die spanische Kolonialherrschaft. Die Leiter sind Angestellte des Staates, meistens Frauen, und haben vier Jahre studiert. Auch eine »tecnica« kann Leiterin sein ­ was bedeutet: drei Pesos pro Monat mehr verdienen als die Kolleginnen.

 

Die Arbeit in der Apotheke Nr. 664 besteht ausschließlich in der Distribution. Es gibt kein Labor und keine Defektur, und es werden auch keine Rezepturen angefertigt. Kunden mit entsprechenden Rezepten werden in die größe Apotheke in der Nachbarschaft geschickt. Zur Distribution, gehört das Bestellen und das Aus-Einzeln von Tabletten und Ampullen. Verteilt werden auch Kondome ­ an Jugendliche umsonst. Für sie wurde eine Kartei angelegt, ebenso für Sozialhilfe-Empfänger und chronisch Kranke. Alle paar Monate gibt es eine Revision durch das Gesundheitsministerium ­ »dann muss alles stimmen«.

 

Ein Mittwoch im Dezember 2004 ab 16 Uhr: Es ist gut zu tun. Heute bin ich mit Dibuichen als Übersetzer gekommen. Wie Pipio ist auch er nicht »vom Fach«. Er spricht außer Spanisch nur Englisch, was die Sache nicht einfacher, aber kürzer macht. Diesmal ist es Ana, die sich Zeit für uns nimmt, zwischendurch jedoch bedient. Auf die Frage, ob es ein Konkurrenzgefühl gegenüber anderen Apotheken gibt, antwortet sie: »Wir sind eine relativ neue und eine kleine Apotheke, aber: Wir sind die netteste.«

 

Die »Nettigkeit« beinhaltet keine persönlichen Gespräche mit den Kunden, die das auch gar nicht erwarten. Auch gelächelt wird nicht allzu oft. Aber die Mitarbeiterinnen geben sich alle große Mühe, informieren sehr geduldig ­ was angesichts nicht vorhandener »Waschzettel« auch nötig und wichtig ist.

 

Tag der Pharmazie

 

Im Verkaufsraum neben der Ladentür hängen nicht die üblichen Polit-Poster. Statt Che Guevara oder Maximo Gomez ist am Schwarzen Brett der Lebenslauf von Antonio Guiteras Holmes (siehe Kasten Seite 60) zu lesen, des berühmtesten kubanischen Apothekers. Das Haus in Pinar del Rio, wo er einen Großteil seiner Jugend verbrachte, wird gerade als Museum hergerichtet. Er wurde am 22. November 1906 geboren. Der 22. November ist der »Tag der Pharmazie« in Kuba, ein Tag, an dem sich jede Apotheke etwas einfallen lässt ­ und sei es nur ein gemeinsames Essen.

 

Für Pharmazeuten spielt noch ein anderer kubanischer Apotheker eine Rolle: Ernesto Triolet Lelievre, der jahrzehntelang in Matanzas eine Internationale Apotheke betrieb ­ heute ein großes Pharmazeutisches Museum, ­ ein glühender Revolutionär auf der einen, ein erfolgreicher Geschäftsmann auf der anderen Seite. Kubaner bezeichnen ihr Land selber als Entwicklungsland ­ hier kommt das Überleben vor dem »guten Leben«. Kuba hat eine ausgesprochene Mangelwirtschaft: Es gibt im Prinzip alles, nur nicht immer und auch nicht überall. Das Wichtigste gibt es auf Zuteilung für wenig Geld. Wem jedoch der zugeteilte Kaffee und Tabak nicht reichen und wer keine »Dollar-Verwandten« hat, dem geht es nicht sehr gut.

 

Es gibt sowohl Aspirin als auch Paracetamol und Ibuprofen -­ aber nicht gleichzeitig. Manchmal gibt es nichts davon in der Apotheke, weil die Krankenhäuser bevorzugt beliefert werden. Die Apotheken verweisen die Kunden dann auf den schwarzen Markt, das heißt, sie nennen Namen und Adressen von Leuten, die sich über den persönlichen Bedarf hinaus eingedeckt haben und die Medikamente gegen einen mäßigen Aufschlag »vergesellschaften«. Einiges gibt es nur auf dem schwarzen Markt: beispielsweise Viagra ­ das Stück für 100 Pesos. Für manche Kubaner ist das ein Monatseinkommen.

 

Samstag, im Januar 2005, gegen 9 Uhr: Obwohl wir diesmal angemeldet sind, bekommen wir, Anyce und ich, keinen »cafecito«, und obwohl alle sieben Frauen da sind, können wir nicht alle Fragen loswerden. Nach drei Monaten in Kuba kann ich mir einige Fragen jedoch schon selbst beantworten: Der monatliche Verdienst für »tecnicos« und »tecnicas« beträgt etwa 450 Pesos. Weil viele Dinge des Alltags subventioniert werden, lässt sich von diesem Geld relativ gut leben. Es reicht nicht für ein Auto , aber beispielsweise für eine Video-Anlage, ein paar Turnschuhe oder öfter mal Rum, Langusten oder Käse.

 

20 Aspirin kosten weniger als einen halben Peso, 30 Metronidazol immerhin drei Pesos ­ so viel, wie eine halbe Packung Zigaretten ohne Filter. Metronidazol wird selten benötigt, weil die hygienischen Bedingungen in Kuba sehr gut sind. Das Leitungswasser hat hier Trinkwasserqualität.

 

Heilkräuter aus der heimischen Flora

 

Die »grüne Medizin«, medicina verde, hat auch in Kuba einen zunehmend guten Ruf. Zusätzlich zur »wissenschaftlich-westlichen Reparatur-Medizin«, wird afrikanische, traditionelle und volkstümliche Erfahrungsmedizin angewandt. Wie andernorts auch, wird hier vieles ungeprüft von angeblich oder tatsächlich heilkundigen Menschen propagiert und verkauft. Dabei spielen auch die alten Götter noch eine Rolle. Immerhin ein Drittel der Kubaner haben afrikanische Wurzeln, und diese Traditionen haben ihnen über Jahrhunderte hinweg innere Stärke und Identität gegeben. Das offizielle Gesundheitswesen befürwortet die alternative, pflanzliche Medizin. In allen kubanischen Apotheken wird dafür geworben, Ärzte werden dafür speziell ausgebildet. Einige haben sich mit staatlicher Unterstützung einen eigenen Heilkräuter-Garten angelegt und dispensieren selbst. Parallel dazu arbeiten Botaniker an einer Inventarisierung und Evaluierung der unglaublichen Vielfalt und Fülle der heimischen Flora. Potenzielle oder bewährte Heilpflanzen werden in einem Nachschlagewerk von Amando Urquola unter anderm in drei Kategorien eingeteilt: behördlich empfohlene, etwa 150 in Kuba bekannte und naturwissenschaftlich geprüfte, 300 international bekannte und dokumentierte sowie volkstümliche, nur zur Kenntnis genommene. Aus der ersten Kategorie werden gegen Eingeweide-Parasiten aufgelistet: Artemisia absinthii, in Kuba »hinojo« genannt, Bromelia penqun, vergleichbar der Ananas, besonders wirksam gegen Nematoden und Alluim sativum, genannt »ajo« ­ gegen Amöben und Pilze.

 

 Die »Farmacia Maximo Gomez« ist keine »grüne Apotheke«, die nur Heilkräuter führt. Die dortigen Fach-Frauen haben aber den Mut, ausführliche und verständlichen Informationen über die verfügbaren Heilpflanzen an die Wand zu hängen, beispielsweise welche Medikamente damit ersetzt werden können. Einiges davon klingt gewagt, vieles ist dem Mangel an Import-Medikamenten geschuldet, wie die Mischung aus Zwiebel und Tomate mit Salbutamol. Und »tecnica« Nelia bestätigt, dass Indometacin, Diazepam und Gentamycin nicht zu ersetzen sind. Von »Sabila« (Aloe) bei Magengeschwüren hält sie aber sehr viel. Der Flüssigextrakt wirkt auch bei juveniler Akne. Auch Knoblauch wird gerne verwendet. Wenn es mal keine oralen Schmerzmittel zu kaufen gibt, dann empfiehlt Nelia guten Gewissens »Tinctura de naranja«, Orangen-Tinktur.

 

Im Unterschied zur »Chemie« ist die »Botanik« fast immer verfügbar. Dafür sorgt in jeder der 12 Provinzen eine Finca de plantas medicinales. Nach Absprache mit dem Gesundheitsministerium produzieren diese ungefähr 20 verschiedene Heilkräuter und verschicken sie an die Fabricas de plantas medicinales. Dort werden sie in die vorgesehene galenische Form gebracht, konfektioniert und dann auf Anforderung an die Apotheken der Provinz geliefert. Nur sehr selten wird am Bedarf vorbei produziert, aber auch das kommt vor: Eine Charge Cumin-Tinktur musste in Handarbeit vernichtet werden, weil sie in der Laufzeit nicht verkauft werden konnte. Keine Absatzschwierigkeiten gibt es hingegen bei dem halbstaatlichen Präparat »Vimang«, einem Produkt aus der Rinde des Mango-Baums: Es hilft gegen alles.

 

Wunderglaube, Magie, traditionelle Heilpflanzenkunde und Phyto-Pharmazie sind in Kuba aufs Engste miteinander verquickt. In dem erst kürzlich veröffentlichtes Werk, »El Folklor medico de Cuba«, werden eine bestimmte Samensorte und eine Tasse Kuhmilch als wirksames Mittel gegen Parasiten genannt. Viele kranke Menschen gehen auch lieber zum »Heilpraktike«, dem »santero« oder »palero«, als zum Arzt. Der »palero« gilt als religiöser Heiler und steht in ständigem Kontakt mit den kubanischen Heiligen. Die meisten Heiler greifen aber auf die traditionellen medizinisch wirksamen Pflanzen zurück und so überrascht es nicht, dass es auch mit der Phytotherapie Überschneidungen gibt. Das Rezept des Heilpraktikers löst der Gläubige in einem »herbolario«, einem Kräuterladen ein. Hier gibt es fast nur Holz-Drogen, was mit der afrikanischen Mythologie zu tun hat.

 Für eine Konsultation berechnet der »palero« für Touristen etwa 160 Pesos, keine sechs Euro. Touristen verfügen zwar über ausreichend Geld, vertrauen aber in der Regel lieber den gewohnten Standards: Für 1000 Pesos bringt sie ein Taxi im Krankheitsfall in die Uni-Klinik in Havanna.

Revolutionärer Pharmazeut
Am Geburtstag von Antonio Guiteras Holmes ist »Tag der Pharmazie« in Kuba. Der Pharmazeut und Revolutionär wurde am 22. November 1906 in Pennsylvania geboren und kam mit seinen Eltern nach Matanzas, als er sieben Jahre alt war. Nach dem Schulabschluss ging er an die Universität nach Havanna, studierte Pharmazie und wurde 1927 promoviert. Was ihn zur Politik und in Gegensatz zur damaligen Machado-Diktatur brachte, ist nicht bekannt. Tatsache ist, dass er bis zu seiner Ermordung 1935 für die Revolution tätig war.
Guiteras arbeitete als Handelsreisender für eine Pharmafirma, kämpfte gleichzeitig für bessere Arbeitsbedingungen im Land und schürte den Aufstand. 1935 kam es zum Generalstreik und zum Sturz des Machado-Regimes. Als Minister in der Übergangsregierung von Ramon Grau San Martin erließ Guiteras unter anderem ein Gesetz zur Einführung des Acht-Stunden-Tages. Auf Widerstand stieß er besonders bei dem Ministerkollegen und späteren Diktator Fulgencio Batista.

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