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Inkretine bei Diabetes

Doppelt hält besser

05.11.2013
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Von Sven Siebenand / Die bisher bei Typ-2-Diabetes eingesetzten Inkretinmimetika sind ausschließlich Substanzen, die das Darmhormon Glucagon-like-peptide-1 (GLP-1) imitieren oder den Abbau des körpereigenen GLP-1 verzögern. Das Inkretinhormon Glucose-dependent-insulinotropic-peptide (GIP) war bisher zwar bekannt, wurde aber noch nie therapeutisch genutzt. Das könnte sich demnächst ändern.

Münchner Forschern ist es gemeinsam mit US-amerikanischen Kollegen gelungen, einen GLP-1/GIP-Co-Agonisten zu entwickeln, der eines Tages ein neuer therapeutischer Ansatz bei Diabetes sein könnte. Das Ergebnis ist eine Molekülstruktur, die die Wirkungen beider Hormone in sich vereint. Im Fachjournal »Science Translational Medicine« stellen die Wissenschaftler um Dr. Brian Finan und Professor Dr. Matthias Tschöp vom Helmholtz Zentrum München (HMGU) und der Technischen Universität München (TUM) ihre Ergebnisse vor (doi: 10.1126/scitranslmed. 3007218).

Die Struktur lässt sich noch auf unterschied­liche Weise etwa durch Pegy­lie­rung mo­di­fi­zie­ren: Die so ent­ste­hen­den Moleküle stimulieren sowohl die Re­zep­to­ren von GLP-1 als auch die von GIP und erzielen dadurch Stoff­wech­sel­ver­bes­se­run­gen. An Mäusen, Ratten und Affen verliefen Tests bereits er­folg­reich. Die GLP-1/GIP-Co-Ago­nis­ten führten zu op­ti­mier­ten Blut­zu­cker­wer­ten sowie zu einer deutlichen Ge­wichts­re­duk­ti­on und niedrigeren Blut­fett­wer­ten, schreiben die Wissenschaftler in einer Pressemeldung des HMGU. Die Wirk­sam­keit für Blut­zucker­ver­bes­serun­gen konnten sie auch schon am Menschen nachweisen. In einer Studie wurde 53 über­ge­wich­ti­gen Typ-2-Dia­be­ti­kern das neue Mittel sechs Wochen lang gespritzt. Ver­gli­chen mit einer unbehandelten Kontrollgruppe schütteten sie mehr Insulin aus und hatten bessere Blutzuckerwerte.

 

Gleichzeitig gibt es Anzeichen aus Tiermodellen, dass eventuelle, den Magen-Darm-Trakt betreffende Nebenwirkungen wie Übelkeit und Erbrechen mit diesem neuen Ansatz seltener auftreten und schwächer ausgeprägt sind als bei den einzeln wirksamen Substanzen. Die neuen Moleküle müssen in den nächsten Jahren weiter wissenschaftlich und klinisch geprüft werden, bevor sie eventuell als Therapieverfahren zugelassen werden können. Finan ist optimistisch, dass dieser neue multifunk­tionale Wirkstoffansatz auch als personalisiertes Therapiekonzept für Typ-2-Diabetes dienen könnte, da sich das Verhältnis der Signalstärke von GLP-1 und GIP, je nach individuellem Bedürfnis des Patienten, im Prinzip adjustieren lasse. / 

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