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Thromboseprophylaxe

Gefährliche Nachlässigkeit

06.11.2006
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Thromboseprophylaxe

Gefährliche Nachlässigkeit

Von Christiane Berg, Hamburg

 

Lungenembolien infolge einer Thrombose gehören in Deutschland zu den häufigsten vermeidbaren Todesursachen. Eine effizientere Prophylaxe könnte viele Thrombosen verhindern. So wird die innovative Intermittierende Pneumatische Kompression, die die natürliche Muskelpumpe imitiert, noch zu wenig genutzt.

 

Gegen Leichtfertigkeit bei der Thromboseprophylaxe zum Beispiel vor Operationen und bei Bettlägerigkeit wandte sich Privatdozent Dr. Tido Junghans, Berlin, auf einer Veranstaltung der Aktion Meditech in Hamburg. Medizinische Thromboseprophylaxestrümpfe seien in deutschen Kliniken zwar Standard. Effektiv seien sie jedoch nur, wenn sie den Patienten individuell angepasst würden. In den meisten Fällen bliebe dies aber aus. Meist fänden die Patienten die Strümpfe bereits bei ihrer Aufnahme im Krankenhaus am Bett hängend vor.

 

Hinzu käme, dass die Thromboseprophylaxestrümpfe in den Kliniken häufig gewaschen und wieder verwendet werden, obwohl sie nur einmal verwendet werden dürfen beziehungsweise als Medizinprodukt einem speziellen Aufbereitungsprozess unterzogen werden müssten. Junghans warnte vor den oft weit reichenden Folgen dieser Nachlässigkeit, die vom postthrombotischen Syndrom mit Veneninsuffizienz und offenen Beinen bis hin zur tödlichen Lungenembolie durch tiefe Venenthrombosen reichen können. Lungenembolien infolge einer Thrombose gelten als eine der häufigsten vermeidbaren Todesursachen von Krankenhauspatienten. An einem thromboembolischen Verschluss der arteriellen Lungenstrombahn durch Einschwemmung eines Blutgerinnsels aus der Peripherie sterben in Europa jedes Jahr mehr Menschen als im gleichen Zeitraum an Brust- und Prostatakrebs, Aids und Verkehrsunfällen zusammen.

 

Sequenzielle Kompression

 

Die Thromboseprophylaxe basiert auf einer medikamentösen Therapie mit Heparinen, Danaparoid, Hirudin, Cumarinen oder Pentasacchariden sowie speziellen physikalischen Maßnahmen. Hierzu zählt neben der Kompressionstherapie die frühe Mobilisation des Patienten nach einer Operation. Eine noch unzureichend genutzte Innovation in der physikalischen Thromboseprophylaxe stelle die kombinierte Therapie mit speziellen medizinischen Thromboseprophylaxestrümpfen (MPK) und der intermittierenden pneumatischen Kompression (IPK) dar, betonte der Referent.

 

Bei dieser sequenziellen mechanischen Kompression werden individuell angepasste aufblasbare Manschetten mit drei Luftkammern um die Beine des Patienten gelegt. Sie werden abwechselnd vom Knöchel zur Leiste hin mit Luft gefüllt und erzeugen auf diese Weise ansteigende Druckwellen, die das Blut effektiv aus den tiefen Beinvenen pressen und somit deren vollständige Leerung fördern. Damit imitieren sie die Funktion der natürlichen Muskelpumpe.

 

Sensoren in den Manschetten überprüfen den Füllstatus in den Venen und ermöglichen ein genaues Timing des Kompressionsdrucks. Der Blutfluss wird maximiert, die Stauung des Blutes minimiert. Das Risiko einer Thrombose während der Operation und danach werde auf diese Weise um 60 Prozent reduziert, sagte Junghans.

 

Bislang profitierten nur wenige Patienten vom Thromboseschutz mit individuell angepassten medizinischen Kompressionsstrümpfen und der Intermittierenden Pneumatischen Kompression, kritisierte der Mediziner. Die Kosten für MPK und IPK in Ergänzung zum Beispiel zu Heparin gelten lediglich als »überflüssige Mehrausgaben«.

 

Während die IPK in den USA und Großbritannien als anerkannte Methode zur Thromboseprophylaxe weit verbreitet sei, werde sie in Deutschland bislang nur in wenigen größeren Studien angewandt. Im Vorfeld einer Operation sollten Patienten sich daher intensiv über alle möglichen Maßnahmen der Thromboseprophylaxe informieren, um diese im Gespräch mit dem Arzt diskutieren zu können, so der Appell des Referenten. Ein wichtiges Argument sei auch, dass die Kosten für Diagnose und Therapie von Thrombosen und Embolien höher als die für effektive prophylaktische Maßnahmen sind.

Thrombose

Eine Thrombose ist dadurch gekennzeichnet, dass sich ein Blutgerinnsel in einem Gefäß, meist in den Venen, bildet. Da die Thromben kaum Beschwerden verursachen, bleiben sie häufig unentdeckt. Ein gefährliche Folge der Thrombose, die Embolie, entsteht durch Absprengung von Thrombosebestandteilen mit dem Blut in Richtung Herz oder Lunge.

 

Bei der Bildung von Thrombosen werden gemäß »Virchow-Trias« drei Ursachen unterschieden: Eine Veränderung der Blutgerinnung, Verletzungen der Gefäßwand und ein Stillstand der Blutzirkulation. Risikofaktoren für eine Thrombose sind Verletzungen, Krampfaderleiden, übermäßiger Nikotinkonsum, Krebserkrankungen, die Einnahme von Hormonen, ein hohes Lebensalter, Fettleibigkeit (BMI > 30), schwere Nieren- und Herzerkrankungen, schwere Infektionen und Schwangerschaft. Die häufigste Ursache sind jedoch Operationen und die darauffolgende Immobilisation: So entwickeln ohne medikamentöse Prophylaxe 250 von 1000 allgemeinchirurgischen sowie 500 von 1000 orthopädisch-unfallchirurgischen Patienten eine Thrombose. 10 von 1000 Patienten erleiden dabei eine symptomatische Lungenembolie. An einer Lungenembolie infolge einer Thrombose sterben in Deutschland jedes Jahr etwa 40.000 Menschen.

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