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HIV-Epidemie

Entlastung für Patient Null

01.11.2016
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Von Daniela Hüttemann / Genanalysen alter Blutproben haben jetzt gezeigt, dass das HI-Virus bereits um das Jahr 1970 aus der Karibik in die USA gelangte. Damit war der als »Patient Null« bekannt gewordene Patient nicht der erste HIV-Infizierte in den USA und Auslöser der Epidemie in Nordamerika. Das berichtet ein Forscherteam aktuell im Fachjournal »Nature«.

Forscher um den Evolutionsbiologen Professor Dr. Michael Worobey von der Universität Arizona und den Historiker Richard A. McKay von der Universität Cambridge rekonstruierten die Spur des HI-Virus anhand von Blutproben aus den Jahren 1978 und 1979. Die mehr als 2000 Proben stammen von homosexuellen Männern, die in New York City oder San Francisco auf Hepatitis B getestet wurden. HIV/Aids war zu diesem Zeitpunkt noch unbekannt.

 

Insgesamt 6,6 Prozent der Sera aus New York und 3,7 Prozent der Proben aus San Francisco wiesen HIV-Antikörper auf. Dies sowie die Rekonstruktion der HIV-Genome aus acht Blutproben zeigen, dass der Erreger bereits 1978/79 in San Francisco und New York City zirkulierte und mutierte, vermutlich sogar bereits seit Beginn der 1970er-Jahre. Die in den Proben identifizierten Viren ähneln genetisch einem älteren Virusstrang aus der Karibik. Dorthin kam das Virus wahrscheinlich aus Afrika.

 

Da die Wissenschaftler unterschiedliche Genome in den Proben fanden, gehen sie davon aus, dass das Virus mehrfach in die USA eingeschleppt wurde. In New York kam es dann vermutlich zu einer Diversifizierung und raschen Verbreitung. Damit widerlegen die Forscher erneut eine alte, aber in der Öffentlichkeit immer noch verbreitete Theorie, der zufolge der kanadische Flugbegleiter Gaëtan Dugas HIV Anfang der 1980er-Jahre erstmals in Nordamerika eingeschleppt haben soll.

 

Die Forscher untersuchten auch eine Blutprobe des 1984 an Aids gestorbenen Dugas. Weder biologisch noch historisch gebe es Beweise, dass Dugas der erste HIV-Infizierte in den USA war. Ihn erkannten 1982 Epidemiologen der US-amerikanischen Seuchenkontrollbehörde CDC als verbindendes Element in einem Netzwerk von an Kaposi-Sarkomen erkrankten Homosexuellen aus verschiedenen Städten Kaliforniens. Sie fanden Dugas in New York, wo er ebenfalls wegen eines Kaposi-Sarkoms, wie man später herausfand einer Komplikation der Immunschwächekrankheit Aids, behandelt wurde.

 

Ein Missverständnis

 

Die Epidemiologen führten Dugas in ihren Unterlagen als Patient O mit dem Buchstaben O für »Outside of California«. Aus dem Buchstaben O wurde durch ein Missverständnis eine Null. Als Patient Null ging Dugas nicht nur in die medizinische Fach-, sondern auch in die Laienliteratur ein, obwohl die Autoren der Cluster-Studie bereits Anfang der 1980er-Jahre betonten, dass Patient O wahrscheinlich nicht die Quelle der HIV-Epidemie in den USA sei. Vor allem in der Öffentlichkeit wurde Dugas jedoch zunehmend die Schuld für die Verbreitung des Erregers in die Schuhe geschoben, befeuert durch das 1987 veröffentlichte Buch »And the band played on« des Journalisten Randy Shilts.

 

Das Team um Worobey widerspricht nun dieser Fehlinterpretation der Daten (DOI: 10.1038/nature19827). Dugas habe den Gesundheitsbehörden geholfen, indem er bereitwillig Auskünfte über seine Sexualkontakte gab. Dass unter seinen Kontakten eine Reihe von Kaposi- Sarkom-Patienten aus New York und San Francisco waren, belege nicht, dass er diese Personen infiziert hätte. Dies sei vielmehr auszuschließen, da die sexuellen Kontakte in einem zu kurzen Zeitraum vor Ausbruch der Aids-Symptome stattgefunden hatten. Von der Erst­infektion bis zum Entwicklung des Vollbilds Aids vergehen im Durchschnitt etwa zehn Jahre. /

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