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Intrakranielle Hyper-/Hypotension

Zu viel oder zu wenig Druck im Kopf

25.10.2017  09:18 Uhr

Von Sven Siebenand, Mannheim / Die idiopathische intrakranielle Hypertension (IIH), ein Überdruck im Schädel ohne bekannte Ursache, kann starke Kopfschmerzen hervorrufen. Auch die spontane intrakranielle Hypotension ist eine seltene Kopfschmerzform. Für beide Varianten stehen unterschiedliche Therapieoptionen zur Verfügung.

Der Körper bildet pro Tag circa einen halben Liter Liquorflüssigkeit. »Die These, dass eine Überproduktion an Liquor zu IIH führt, hat man mittlerweile verworfen«, sagte Privatdozent Dr. Jan Hoffmann vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf beim Deutschen Schmerzkongress in Mannheim. Heute diskutiere man unter anderem, ob hormonelle Faktoren, zum Beispiel Estrogene oder Hormone im Fettgewebe, an der Pathophysiologie beteiligt sind. Diese Hypothese sei auch mit der Tatsache in Einklang zu bringen, dass sich unter den IIH-Patienten vermehrt adipöse Frauen befinden.

 

Irreversible Störungen

 

Der Facharzt für Neurologie informierte, dass der durch die IIH verursachte Kopfschmerz sehr variabel sein kann. Häufig sei er drückend und verschlimmere sich durch körperliche Aktivität, Husten, Pressen oder Niesen. Hinzu kämen gegebenenfalls noch Übelkeit und Lichtempfindlichkeit. Infolge eines Papillenödems leide ein Großteil der Patienten unter Sehstörungen, aber auch Hör- und Riechstörungen seien möglich, ebenso kognitive ­Dysfunktionen, wie eine reduzierte Reaktions- und Verarbeitungs­geschwindigkeit. »Diese sind weit­gehend irreversibel und haben einen hohen Einfluss auf die Lebensqualität«, betonte Hoffmann.

 

Für einen Therapieerfolg ist es dem ­Referenten zufolge am wichtigsten, dass die Patienten signifikant ihr Gewicht reduzieren. »Das ist die größte Chance zur Senkung des intrakraniellen Drucks.« Zusätzlich kommen laut Hoffmann häufig Carboanhydrase-Hemmer zum Einsatz, da dieses Enzym auch in die Produktion von Liqourflüssigkeit involviert sei. »Die beste Evidenz gibt es bei Acetazolamid«, informierte der Mediziner. Jedoch würden auch Topiramat und Furosemid unter anderem als Carboanhydrase-Hemmer wirken.

 

Während Steroide, zum Beispiel ­wegen der Gewichtszunahme, bei IIH heute in der Regel nicht mehr gegeben werden, könnte laut Hoffmann das Somato­statin-Analogon Octreotid eine neue Therapieoption werden. »Mehrere Fallserien belegen eine Reduktion des Liquor­öffnungsdrucks.« Auch GLP-1-­Rezeptor-Agonisten täten dies, weshalb mit dieser Substanzklasse klinische Studien bei IIH begonnen hätten.

 

Neben der medikamentösen Behandlung besteht auch die Möglichkeit invasiver Verfahren, etwa der Liquor­entnahme und damit Druckentlastung durch Lumbalpunktion. Das führt laut Hoffmann bei den meisten Patienten aber nur zur kurzfristigen Linderung der Kopfschmerzen.

 

Kopfschmerz bei Lagewechsel

 

Auch ein zu niedriger Liquordruck kann Kopfschmerzen verursachen. Wie Katha­rina Kamm vom Klinikum der Universität München ausführte, handelt es sich auch bei der spontanen intra­kraniellen Hypotension um eine seltene Erkrankung. Frauen seien doppelt so häufig betroffen wie Männer und das mittlere Erkrankungsalter liege zwischen 40 und 60 Jahren. Typisches Symptom sei der orthostatische Kopfschmerz. Das heißt, der Kopfschmerz verschlechtert sich deutlich beim Lagewechsel in eine aufrechte Position ­(Sitzen/Stehen) und verbessert sich beim Liegen.

 

Wie die Ärztin erklärte, können spontane Lecks den Austritt von Liquor­flüssigkeit in die Umgebung verursachen. Das mache sich vor allem beim Stehen bemerkbar, da dann plötzlich viel Liquor abfließen kann. Im Liegen entweicht durch den Riss weniger Flüssigkeit. Häufig kommen bei der intra­kraniellen Hypotension noch Übelkeit und Erbrechen sowie Schulter- und Nackenschmerzen hinzu, so Kamm.

 

Konservative Maßnahmen wie Bettruhe, orale Hydratation und symptomatische Analgesie führen laut der ­Referentin bei 15 bis 30 Prozent der Patienten zur Spontanremission. Ärzten steht zudem die Möglichkeit eines sogenannten epidermalen Blutpatches offen. Dabei wird Eigenblut, teilweise CT-gesteuert, um das Liquorleck injiziert, um es abzudichten. Kamm informierte, dass bei fehlendem Ansprechen auch mehrfache Wiederholungen dieses Verfahrens möglich sind. Eine andere Maßnahme stelle die perkutane Fibrin-Injektion dar.  /

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