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Arzneiverordnungsreport

Kassen rufen nach strengeren Gesetzen

29.09.2015
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Von Stephanie Schersch, Berlin / Die Arzneimittelausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) haben im vergangenen Jahr erneut alle Rekorde gebrochen. Für Medikamente zahlten die Krankenkassen 35,4 Milliarden Euro und damit 10,3 Prozent mehr als 2013, wie aus dem aktuellen Arzneiverordnungsreport (AVR) hervorgeht. Die Kassen rufen nach strengeren Gesetzen. Zumindest die SPD steht dieser Forderung aufgeschlossen gegenüber.

Verantwortlich für den Ausgabenanstieg sind dem Report zufolge unter anderem neue gesetzliche Vorschriften. So war der Herstellerabschlag 2014 zunächst auf 6 Prozent gesunken, seit April des vergangenen Jahres müssen Pharmaunternehmen den Krankenkassen einen Rabatt von 7 Prozent gewähren. 2013 hatte dieser Abschlag noch bei vollen 16 Prozent gelegen.

Darüber hinaus waren 2014 zahlreiche vergleichsweise teure Arzneimittel auf den Markt gekommen, darunter das als 1000-Dollar-Pille bekannte Präparat Sovaldi® (Sofosbuvir) gegen Hepatitis C. Nur sechs Arzneimittelgruppen verursachten laut Report 2,1 Milliarden Euro Mehrkosten. Neben den antiviralen Mitteln zählten dazu Gliptine, neue Gerinnungshemmer, Immunsuppressiva und Onkologika. Unter den Mitteln mit Wirkung auf das Nervensystem sorgte insbesondere Tecfidera® (Dimethylfumarat) zur Behandlung der Multiplen Sklerose für einen Kostenschub.

 

An der Grenze

 

»Der Pharmamarkt boomt«, sagte AVR-Mitherausgeber Professor Ulrich Schwabe bei der Vorstellung des Reports vergangene Woche in Berlin. Mit 46 Präparaten seien 2014 so viele neue Arzneimittel auf den Markt gekommen wie in keinem Jahr zuvor. Verbunden mit einer neuen Preispolitik der Hersteller treibe diese Entwicklung die Gesetzliche Krankenversicherung langfristig an ihre finanziellen Grenzen.

 

Immerhin sehen die AVR-Autoren auch wirksame Kostenbremsen im Arzneimittelmarkt. So sparten die Kassen 2014 laut Report insgesamt 3,2 Milliarden Euro über Rabattverträge. Das sind 200  Millionen Euro mehr als 2013. Das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG) bescherte der GKV zudem Einsparungen von 443 Millionen Euro.

 

Schwabe zufolge reicht das aber nicht aus. Er drängte erneut darauf, dass auch Arzneimittel aus dem sogenannten Bestandsmarkt ihren Zusatznutzen unter Beweis stellen müssen. Ursprünglich sollten Präparate, die bereits vor Inkrafttreten des AMNOG im Jahr 2011 auf dem Markt gewesen waren, ebenfalls eine Nutzenbewertung durchlaufen. Dieses Verfahren hatte die Große Koalition im April 2014 jedoch aufgrund rechtlicher Bedenken und unter Verweis auf den hohen administrativen Aufwand gestoppt. Schwabe hält diese Argumente für vorgeschoben. Das Einsparpotenzial im Bestandsmarkt sei enorm, sagte er. »Die Rückkehr zur Bestandsmarktbewertung wäre ein erster Schritt, um die derzeitigen Kostenpro­bleme der GKV zu lösen.«

 

Steigende Beiträge

 

Martin Litsch, kommissarischer Vorstand des AOK-Bundesverbands, wurde noch deutlicher. Die gestiegenen Arzneimittelkosten könnten zu Beitragssteigerungen von 0,2 Prozentpunkten führen, sagte er. Die Pharmaindustrie nutze die Möglichkeiten des AMNOG zu ihren Gunsten. So könnten Hersteller für Arzneimittel mit Zusatznutzen in den ersten zwölf Monaten nach Marktzugang geradezu Mondpreise verlangen. Litsch sprach sich daher für eine rückwirkende Geltung der verhandelten Erstattungsbeträge aus. Damit könnten die Kassen 250 Millionen Euro jährlich sparen.

 

Dass zumindest Teile der Großen Koalition solchen Vorschlägen durchaus offen gegenüberstehen, machte SPD-Gesundheitsexperte Professor Karl Lauterbach deutlich. »Wir haben uns vom AMNOG mehr versprochen«, sagte er. Ursprünglich wollte die Politik jährlich 2 Milliarden Euro über das Gesetz sparen. Doch davon ist man derzeit weit entfernt. Lauterbach kann sich daher eine Weiterentwicklung des AMNOG vorstellen. Zu Beginn des kommenden Jahres könnte das Thema auf der Agenda der Koalition stehen, sagte er.

 

Der Bundesverband der Arzneimittelhersteller (BAH) lehnt eine rückwirkende Geltung der Erstattungsbeträge erwartungsgemäß ab. Ein solcher Schritt sei schon aus verfassungsrechtlichen Gründen unzulässig, sagte BAH-Vize-Hauptgeschäftsführer Hermann Kortland. »Zudem stellt sich die Frage, welchen Wert dann noch Patent- und Unterlagenschutz haben.

 

Gespensterdebatte

 

Der Verband der forschenden Pharmaunternehmen warf den Autoren des Reports vor, eine Gespensterdebatte zu führen. Die Politik habe die Bestandsmarktprüfung aus guten Gründen gestoppt, den Herstellern im Gegenzug aber das verlängerte Preismoratorium und einen 7- statt 6-prozentigen Herstellerabschlag auferlegt. Auf diese Weise hätten die Kassen allein 2014 rund 2 Milliarden Euro gespart. Der Bundesverband der pharmazeutischen Industrie verwies auf den therapeutischen Fortschritt neuer Arzneimittel insbesondere im Bereich Hepa­titis C. Einsparungen durch vermiedene Folgebehandlungen wie Lebertransplantationen und die eingesparte bisherige Therapie rechne der Report nicht gegen, hieß es dort.

 

Der Arzneiverordnungsreport stellt seit mehr als 30 Jahren regelmäßig Zahlen zu den vertragsärztlichen Verordnungen vor und ermittelt Einsparpotenziale im Arzneimittelbereich. Herausgeben wird er von Schwabe und Dieter Paffrath in Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftlichen Institut der AOK. /

Mit Generika sparen

Auch in diesem Jahr hat der Arzneiverordnungsreport (AVR) Einsparpotenziale für die Krankenkassen ermittelt. Dafür zogen die Autoren niederländische Arzneimittelpreise heran und verglichen diese mit den Preisen auf dem deutschen Markt. Ihr Fazit: Allein mit Patentarzneimitteln könnten die Kassen jährlich 1,9 Milliarden Euro sparen, wenn die Präparate hierzulande genauso viel kosten würden wie bei unseren Nachbarn. Noch größer ist das Sparpotenzial im Generikamarkt mit stolzen 2,5 Milliarden Euro.

 

In ihren Berechnungen legten die Autoren die Apothekenverkaufspreise zugrunde und zogen Mehrwertsteuer sowie gesetzliche Abschläge ab, nicht jedoch die Vergütung für Apotheke und Großhandel. Zudem berücksichtigten sie die Einsparungen der Kassen durch Rabattvereinbarungen. Die deutschen Rabattverträge seien sicher ein großer Erfolg, sagte AVR-Mitherausgeber Professor Ulrich Schwabe. Mit Blick auf die Ergebnisse stelle sich jedoch die Frage, »ob ein transparentes Preissystem wie in den Niederlanden noch erfolgreicher sein könnte«. Auch SPD-Gesundheitsexperte Professor Karl Lauterbach kann sich vorstellen, das System der Rabattverträge auf den Prüfstand zu stellen. In den Niederlanden werden die Preise für Generika offiziell in Listen veröffentlicht, während Rabattverhandlungen zwischen Krankenkassen und Herstellern in Deutschland hinter verschlossenen Türen stattfinden. Die ausgehandelten Preise bleiben anschließend geheim.

 

Der Branchenverband Pro Generika hält den Vorschlag der AVR-Autoren für eine Farce. Der Report ignoriere die tatsächlichen Umsätze der Generikaunternehmen, hieß es dort. Diese seien seit Jahren rückläufig und hätten 2014 auf Basis der Werkspreise und nach Abzug aller Rabatte an die Kassen bei rund 2 Milliarden Euro gelegen. »Wer angesichts dieser harten Fakten nicht skeptisch wird und seine eigenen Studienergebnisse nicht kritisch hinterfragt, scheitert an dem Anspruch, die Situation in Deutschland real und seriös abzubilden«, sagte der Geschäftsführer von Pro Generika, Bork Bretthauer.

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