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Selbstmedikation

Apotheker als Lotsen stärken

29.09.2015
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Von Ev Tebroke, Berlin / Der Selbstmedikation muss künftig eine größere Rolle in der Gesundheitsversorgung zukommen. Das unterstreicht eine Studie des Gesundheitsökonomen Professor Uwe May, die er vergangene Woche bei der Mitglieder­versammlung des Bundesverbands der Arzneimittelhersteller (BAH) in Berlin präsentierte. Auch Apotheker sollen sich demnach noch stärker einbringen.

Insbesondere der Nutzen für den Patienten und die enormen Einsparpotenziale für das Gesundheitssystem waren Gegenstand der BAH-Auftragsstudie »Selbstbehandlung und Apotheke«. Die Selbstmedikation hat nach Angaben von May mit jährlich rund 504 Millionen abgesetzten OTC-Packungen in der Bevölkerung bereits eine hohe Akzeptanz. Schließlich spare der Patient Zeit, die er sonst für Arztbesuche aufbringen muss. Jedoch müssten noch mehr Anreize geschaffen werden, um Selbstbehandlung bei leichten Gesundheitsstörungen wie Erkältung oder Magenverstimmung zu fördern, so May. Die gesundheitswirtschaftliche Bedeutung der Selbstmedikation werde von der Politik bislang zu wenig gewürdigt.

 

Überzeugungsarbeit

Das kritisierte auch der Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbands (DAV), Fritz Becker, in der anschließenden Podiumsdiskussion. »Wir müssen mehr Bewusstsein schaffen, sowohl bei der Politik als auch bei der Gesetzlichen Krankenversicherung«, betonte er. Für die Apotheker sei der Bereich Selbstmedikation ein »sehr wichtiges Gebiet«. Hier sei aber auch noch Überzeugungsarbeit zu leisten, da einige Apotheker die Selbstmedikation betriebswirtschaftlich weniger rentabel einstuften als den Rx-Bereich. Die Bedeutung von OTC-Produkten müsse daher mehr in die einzelnen Verbände getragen werden, so Becker.

 

Grundsätzlich kritisierte der DAV-Vorsitzende die »Vollkasko-Mentalität« der Patienten. Diese wollten in der Regel Medikamente aufgrund ihrer monatlichen Kassenbeiträge auch erstattet bekommen. Hier müssten Apotheker mehr aufklären. Becker zufolge haben sie aber bereits durch die Rabattvertragsregelungen einen enormen Beratungsaufwand, sodass kaum Zeit für eine ausführlichere OTC-Beratung bleibt.

 

Mehr Eigenverantwortung

 

Das Gesundheitssystem profitiert enorm von einer gestärkten Eigenverantwortung der Patienten. Die Kassen sparen nach Angaben von May schon heute 21 Milliarden Euro im Jahr, also rund 10 Prozent der gesamten GKV-Ausgaben 2014. Dem Experten zufolge bringt 1 Euro, der in die Selbstmedikation investiert wird, dem Gesundheitssystem insgesamt rund 18 Euro Einsparungen, die sonst an Arzneimittel- und Arztkosten sowie an volkswirtschaftlichen Kosten aufgrund von Arbeitsausfall anfallen würden.

 

Insbesondere könne ein mehr an Selbstmedikation bei leichten Erkrankungen auch ärztliche Ressourcen freisetzen, sodass diese mehr Zeit für andere Patienten haben. Laut May behandelt ein Hausarzt hierzulande im Schnitt täglich 52 Patienten. Wenn davon allein fünf Patienten sich selbst behandeln könnten, hätte der Arzt schon eine Stunde mehr Zeit für andere.

 

Damit Patienten sich dem Thema Selbstmedikation weiter öffnen, müssen sie über die Möglichkeiten besser informiert werden, forderte May. Dabei komme auch dem Grünen Rezept als Förderinstrument eine wichtige Rolle zu. Grundsätzlich habe aber die Apotheke beim Thema Selbstmedikation die Schlüsselrolle. Die Aufrechterhaltung der Apothekenpflicht sei dabei maßgeblich für die Sicherheit und Qualität der Selbstbehandlung, betonte May. »Das Gesundheitssystem muss Apotheken für ihre Lotsen- und Beratungsleistung im Bereich OTC jedoch auch honorieren«, forderte er. Grundsätzlich ist May sicher: Mit Blick auf den sozio- und gesundheitsökonomischen Nutzen »führt kein Weg an der Selbstmedikation vorbei«. /

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