Pharmazeutische Zeitung online
Perspektivpapier

Ein klares Ja zum Leitbild

23.09.2014  15:49 Uhr

Nach einem Jahr voller Diskussionen hat der Deutsche Apothekertag das Perspektivpapier »Apotheke 2030« angenommen. Nun geht es um Strategien, die gesteckten Ziele zu verwirklichen.

Bei nur fünf Gegenstimmen und zwölf Enthaltungen segneten die Delegierten das Leitbild mit großer Mehrheit ab. ABDA-Vize Mathias Arnold zeigte sich mit dem Ergebnis zufrieden. Das Perspektivpapier beschreibe klare Ziele, sagte er. »Vor uns liegt nun eine Menge Arbeit, um diese Ziele zu erreichen.«

 

Tatsächlich hat das Leitbild bereits einen langen Weg hinter sich. Vor rund einem Jahr war die Debatte beim Apothekertag in Düsseldorf angestoßen worden. Erste Eckpunkte für das Per­spektivpapier legten die Apotheker im Frühjahr vor. An der anschließenden Online-Debatte über die Inhalte nahm nach Angaben der ABDA jede sechste Apotheke in Deutschland teil. Im April wertete dann ein Konvent in Berlin die Kommentare der einzelnen Apotheker aus und erarbeitete einen Leitbild-Entwurf, der abermals online zur Diskussion gestellt wurde. Im Juni verabschiedete als letzte Stufe vor dem Apothekertag schließlich die ABDA-Mitgliederversammlung das Papier.

 

Das Leitbild soll Antworten auch die Frage liefern, wie die Apotheker auf sich verändernde Strukturen reagieren sollen. So stelle die demografische Entwicklung das deutsche Gesundheitswesen vor neue Herausforderungen, heißt es in dem Papier. »Auch die öffentlichen Apotheken müssen sich diesem Wandel anpassen.« Thematisiert wird neben Aufgaben und Leistungen der Apotheker auch die Zusammen­arbeit mit anderen Heilberufen.

 

Das Perspektivpapier stehe auf sehr breiten Schultern, sagte Arnold mit Blick auf die große Beteiligung an der Entstehung. Dass es über die Aus­richtung der Apothekerschaft durch- aus Meinungsverschiedenheiten gibt, machte Peter Froese vom Apothekerverband Schleswig-Holstein deutlich. »Wir haben uns auch mal gestritten«, sagte er. In dem Ergebnis stecke daher »besonders viel Herzblut«.

Kritik am Leitbild kam von Hessens Verbandsvize Hans-Rudolf Diefenbach. Er vermisse das Thema Wirtschaftlichkeit in dem Papier, sagte er. »Dabei brauchen wir eine wirtschaftliche Basis, um die Ziele des Perspektivpapiers erfüllen zu können.« Diese Kritik wollte der Chef des Deutschen Apothekerverbands, Fritz Becker, nicht gelten lassen. Das Leitbild berücksichtige sehr wohl ökonomische Aspekte. »Die zentrale Forderung nach einer leistungsgerechten und fairen Honorierung ist im Perspektivpapier verankert«, so Becker. Auch ABDA-Vorstandsmitglied Hans-Peter Hubmann wies die Kritik zurück. Die heil­berufliche Ausrichtung sei schließlich die Grundlage für den wirtschaftlichen Betrieb einer Apotheke. »Und genau darum geht es in dem Papier.«

 

Nach der Abstimmung über das Leitbild debattierte die Hauptversammlung über Strategien, die darin gesteckten Vorgaben zu erreichen. Im Mittelpunkt standen dabei die ­Themenblöcke Medikationsmanagement, Versorgungsstruktur und Qualifikation.

 

Für mehr Sicherheit in der Arzneimitteltherapie sollen die Apotheker ihren Patienten künftig ein Medikationsmanagement anbieten. Der thüringische Verbandsvorsitzende Stefan Fink geht fest davon aus, dass diese Aufgabe des Apothekers weiter an Bedeutung gewinnen wird. »Der Bedarf für ein Medikationsmanagement ist da.«

 

Das sieht der Apotheker und Bremer Gesundheitsökonom Professor Gerd Glaeske ganz ähnlich. Mindestens 5 Prozent der Krankenhauseinweisungen gingen auf Arzneimittel-Interak­tionen zurück. »Das muss nicht sein«, so Glaeske. Mit dem Perspektivpapier definierten die Apotheker das Medikationsmanagement als ihre Aufgabe. Damit schafften sie langfristig die nötige Akzeptanz dieser Leistung – auch bei den Ärzten.

 

Vergütung nach Kompetenz

Glaeske verwies in diesem Zusammenhang auf das Vorbild Australien. Dort überprüfen Apotheker auf Veranlassung des Arztes Hausapotheke und Medikation des Patienten und erhalten dafür ein Honorar. Wer diese Leistung anbieten möchte, muss sich zunächst akkreditieren und entsprechende Kenntnisse vorweisen. Glaseske kann sich ein solches Modell auch in Deutschland vorstellen. Damit sei theo­retisch auch eine differenzierte Vergütung der Apotheker möglich. Nur spezialisierte Apotheken erhielten dann ein Extrahonorar für das Medikationsmanagement. »Die Vergütung würde nach Kompetenz erfolgen«, so Glaeske.

 

Fink hält eine solche Differenzierung für keine gute Idee. Grundsätzlich sollte jede Apotheke das Medika­tionsmanagement anbieten können, sagte er. Dieser Gedanke stehe auch hinter dem Modellprojekt ARMIN, das zurzeit in Sachsen und Thüringen erprobt wird.

 

Mit Blick auf die Versorgungstruktur braucht es eine engere Kooperation von Ärzten und Apothekern und vor allem gegenseitiges Vertrauen ohne Kompetenzgerangel. Der ehemalige Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Köhler, kritisierte das Perspektivpapier als zu einseitig. »Das Wort Arzt kommt kein einziges Mal darin vor«, stellte er fest. Das Bild einer gleichberechtigten Kooperation der beiden Heilberufe, wie die Apotheker es aktuell diskutierten, vermittle das Papier nicht. Er warnte zudem davor, die Ärzte als hilfsbedürftig zu beschreiben, die mit dem Thema Arzneimitteltherapiesicherheit überfordert seien.

 

Grundsätzlich begrüße er aber die Zielsetzung der Apotheker, die Beratung stärker in den Mittelpunkt der Vergütung zu stellen, so Köhler. Mit Blick auf den demografischen Wandel und den Rückgang der Zahl der Arztpraxen sei es gut, dass Apotheker sich in Teile der ärztlichen Arbeit einbringen wollten. »Aber nehmen Sie den Ärzten die Sorge, dass Sie ihnen etwas wegnehmen wollen«, warnte er.

Die Mittel in der Gesetzlichen Krankenversicherung seien begrenzt. Erhielten die Apotheker mehr Geld für eine Leistung, die in die ambulante medizinische Versorgung eingreift, könnten die Kassen unter Umständen versuchen, bei der Honorierung der Mediziner entsprechend zu sparen. Es dürfe nicht darum gehen, sich gegenseitig finanziell zu behindern. Wichtig sei vielmehr, den Kassen und der Politik gemeinsam die Einsparungen zu kommunizieren, die eine koordinierte Zusammenarbeit von Ärzten und Apothekern mit sich bringen wird. Insgesamt sieht Köhler den Beginn eines Prozesses, der ein »gemeinschaftlicher Aufbruch zu einem neuen partnerschaftlichen Verhältnis von Arzt und Apotheker sein muss«.

 

Als schwierigsten, risikoreichsten aber auch wichtigsten Punkt der ­strategischen Diskussion bezeichnete ­ABDA-Präsident Friedemann Schmidt das letzte Thema auf der Agenda an diesem Vormittag: die Frage nach der Qualifikation. Wie genau muss die Qualifikation aussehen, die Apotheker zukünftig zum Medikationsmanagement befähigt? Und wie kann sie erreicht werden? Die Beiträge verdeutlichten die damit verbundenen Probleme. Während die jüngeren Kollegen bereits aufgrund der 2001 geänderten Approbationsordnung in Klinischer Pharmazie ausgebildet wurden, fehlt den älteren Apothekern hier womöglich das nötige Fachwissen. Manche sind der Ansicht, dies könne durch Fort- und Weiterbildung erreicht werden. Als ­Experte zum Thema Qualifikation saß unter anderem Hartmut Derendorf auf dem Podium, Professor für Pharmazie an der University of Florida.

 

Schwerpunkte im Studium

 

Er gratulierte den Apothekern zum Perspektivpapier und dem Mut, nicht nur die alte Approbationsordnung etwas aufzuwerten, sondern konkret aufzulisten, was ein Apotheker können muss, um in Zukunft für die sich wandelnden Anforderungen gewappnet zu sein. Dies sei ein logischer und sinnvoller Ansatz. In den USA beinhalte der Abschluss des Doctor of Pharmacy bereits mehr patientenorientierte Fähigkeiten. Genau diese Kompetenzvermittlung fehle aber in Deutschland bislang in der Ausbildung zum Pharmazeuten, kritisierte der Präsident des Bundesverbands der Pharmaziestudierenden in Deutschland, David Reiner. Auch über eine Schwerpunktsetzung im zweiten Teil des Studiums gelte es nachzudenken, so eine weitere Forderung, die Niedersachsens Kammerpräsidentin Magdalene Linz einbrachte.

 

Über die Strategien zur Umsetzung des Perspektivpapiers müssen die Apotheker nun weiter intensiv diskutieren. Die Weichen für die künftige Arbeit in der Apotheke wurden mit der Abstimmung über das Perspektivpapier bereits gestellt. /

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