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E-Health

Nahtlose Versorgung

24.09.2013
Datenschutz bei der PZ

Von Christina Hohmann-Jeddi, Dublin / e-Health soll die nahtlose Versorgung von Patienten verbessern. Während einige Länder weltweit bei der Etablierung auf einem guten Weg sind, stehen andernorts diesem Ziel noch Hindernisse im Weg. Dazu gehören der Datenschutz und technische Barrieren

Schnittstellen in der Versorgung wie eine Krankenhauseinweisung oder -entlassung stellen sensible Phasen dar, in der gehäuft Medikationsfehler auftreten. Meist sind dabei Informationslücken durch mangelnde Kommunikation zwischen den einzelnen Leistungserbringern die Ursache. »Allein in den USA ließen sich jedes Jahr etwa 1,5 Millionen unerwünschte Arzneimittelwirkungen verhindern, wenn den Angehörigen der Gesundheitsberufe vollständige Informationen zur Medikation ihrer Patienten vorlägen«, berichtete Paul Fahey, ehemaliger Präsident der Pharmazeutischen Gesellschaft Irlands, auf dem diesjährigen FIP-Kongress in Dublin. Ein Problem hierbei sei, dass es in Irland und auch in vielen anderen Ländern noch keinen zentralen Speicher für Gesundheitsdaten gebe. Durch solche elektronischen Patientenakten ließe sich eine nahtlose medizinische Versorgung der Patienten erreichen.

»Was wir im Gesundheitsbereich machen, ist nicht mehr up to date«, sagte Fahey. Bankgeschäfte ließen sich online abwickeln, aber Patientenakten müssten immer noch von den Angehörigen in Papierform ins Krankenhaus gebracht werden. Derzeit hätten sowohl Apotheker als auch Ärzte und Krankenhäuser jeweils exzellente Software. »Doch diese Systeme können nicht miteinander sprechen«, so der Apotheker. »Wenn Informationen benötigt werden, muss man diese ausdrucken.«

 

Eine mögliche Lösung für das Problem sind elektronische Patientenakten, auf die alle im Gesundheitswesen Tätigen zugreifen könnten. Die EU-Kommission befürwortet solche Konzepte; in einigen Ländern wurden sie bereits etabliert. Eine solche Akte sollte dem Patienten gehören, nur mit dessen Zustimmung angelegt werden und alle wichtigen medizinischen Informationen zu Erkrankungen, Medikation, möglichen Kontraindikationen und Allergien enthalten, sagte Fahey. Die Daten sollten zentral vorgehalten werden, zum Beispiel in einer Cloud, und der Zugang zu ihnen für die verschiedenen Berufsgruppen beschränkt sein.

 

Selten kompatibel

 

Dafür wäre es aber nötig, dass die Software der einzelnen Beteiligten im Gesundheitswesen kompatibel ist. Für eine solche Kompatibilität braucht man eine gemeinsame, von allen zu verstehende »Sprache«. Diese gibt es bereits in Form der Systematisierten Nomenklatur der Medizin (SNOMED), einer Klassifikation von medizinischen Informationen. Für Erkrankungen existiert die international anerkannte Klassifikation ICD-10 und für klinische Beobachtungen und Laborwerte die Klassifikation Loinc. Die Informationen müssten dann auch standardisiert übermittelt werden, so Fahey, wofür ebenfalls Systeme (sogenannten Standards) existieren, zum Beispiel DICOM und HL7 v2.x.

 

In Frankreich hätte man bereits eine elektronische Patientenakte eingerichtet, das »Dossier Pharmaceutique«, in Schottland sei ein »Emergency Care Summary« implementiert worden und in den Niederlanden sei man dabei, eine elektronische Medikations-Akte (EMD) einzuführen, berichtete der Referent. Um solche Systeme zu etablieren, bräuchte man zum einen das Vertrauen der Bevölkerung und zum anderen die nötigen gesetzlichen Rahmenbedingungen. Zudem sei eine hohe Anfangsinvestition im Gesundheitsbereich nötig, sagte Fahey. Auf lange Sicht würde sich ein solches System aber rechnen.

 

Technische Barrieren einreißen

 

Die EU-Kommission forderte schon 2004, dass bis Ende 2005 alle Mitgliedsstaaten einen nationalen Plan fertigstellen, wie ein e-Health-System zu etablieren ist. In diesem Plan sollten Ziele für die Interoperabilität verschiedener Systeme gesetzt und auch Themen wie die Vergütung entsprechender Dienste geregelt sein. Das berichtete Jacqueline Surugue, Präsidentin der European Association of Hospital Pharmacists (EAHP). Einige EU-Staaten hätten Initiativen gestartet, darunter auch Deutschland mit der elektronischen Gesundheitskarte (EGK, siehe Kasten).

Elektronische Gesundheitskarte

Die elektronische Gesundheitskarte (EGK) wurde in Deutschland bereits eingeführt und löst nach und nach die Krankenversichertenkarte ab. Bislang hat sie aber keine zusätzlichen Funktionen außer einem Lichtbild, das vor Missbrauch schützen soll. Die EGK sei technisch darauf vorbereitet, medizinische Informationen wie Notfalldaten aufzunehmen, heißt es auf der Internetseite des Bundesgesundheitsministeriums. Die sichere Kommunikation, etwa zur Übermittlung von Arztbriefen und Befunden zwischen Ärzten, soll durch die Telematikinfrastruktur ermöglicht werden, ein eigens eingerichtetes Netz, das vom Internet getrennt ist. In Zukunft soll es auf freiwilliger Basis außerdem möglich sein, eine Arzneimitteldokumentation, Organspendeerklärung oder elektronische Patientenakte über die EGK bereitzustellen und zu verwalten.

 

Wann die neuen Funktionen eingerichtet werden, ist noch unklar. Bislang ist dies am Widerstand der Ärzteschaft und vor allem auch an datenschutzrechtlichen Bedenken gescheitert. 2014 solle die IT-Autobahn, die Telematikinfrastruktur, fertiggestellt sein, hieß es kürzlich vom Betreiber, der Gematik GmbH. Ab Herbst kommenden Jahres soll dann die Erprobung der Online-Funktionen im Echtbetrieb erfolgen.

»Eine nahtlose Versorgung von Patienten ist nur möglich, wenn Klinikpersonal, niedergelassene Ärzte und Apotheker Informationen untereinander austauschen können«, betonte auch Surugue. Viele Systeme könnten aber nicht miteinander kommunizieren. Diese technischen Barrieren einzureißen und die Kompatibilität im Gesundheitssystem zu erhöhen, ist das Ziel der weltweiten Non-Profit-Initiative Integrating the Healthcare Enterprise (IHE). »Was wir brauchen ist eine Plug-and-play-Software«, sagte Surugue. »Das ist die Zukunft.«

 

In der IHE arbeiten Anwender und Anbieter von IT-Systemen zusammen, um für spezielle klinische Anforderungen Standards zu entwickeln, die eine Kompatibilität erlauben. Zuerst beschreiben die Anwender einen typischen klinischen Ablauf mitsamt den Anforderungen an die IT in Form eines Anwendungsfalls. Anschließend definieren die IT-Anbieter technische Spezifizierungen hierfür und entwickeln ein sogenanntes Integrationsprofil. Zuletzt wird die Interoperabilität der Systeme auf dem jährlich stattfindenden sogenannten Connectathon getestet. Hierfür treffen sich Hunderte IT-Anbieter und versuchen, ihre Systeme untereinander zu vernetzen.

 

»Ziel ist, dass ein System mit mindestens drei anderen interoperieren kann«, sagte Surugue. Wer erfolgreich ist, erhält eine IHE-Zulassung. Um Fehlentwicklungen vorzubeugen, sollte man bei der Anschaffung von IT-Systemen auf diese Auszeichnung achten, riet die Referentin.

 

Wie verheerend sich Fehlentscheidungen bei der Software-Auswahl auswirken können, berichtete eine Kongressteilnehmerin aus Neuseeland. Dort wurde vor Kurzem ein System für die Medikationsanamnese (Medication Reconciliation) eingeführt und ein weiteres für eine Verschreibungs-Datenbank. Die beiden Systeme seien aber nicht kompatibel – ein Austausch der Daten untereinander sei nicht möglich. /

FIP-Kongresse

Der Kongress des International Pharmaceutical Federation (FIP) bietet eine gute Gelegenheit, sich über die weltweite Entwicklung der Pharmazie und der öffentlichen Apotheke zu informieren und sich mit Kollegen aus anderen Ländern auszutauschen. Der nächste wissenschaftliche FIP-Kongress, der »FIP Pharmaceutical Sciences World Congress« wird vom 13. bis 16. April 2014 in Melbourne, Australien, stattfinden. Später im Jahr wird in Bangkok, Thailand, der nächste FIP-Weltkongress ausgetragen. Unter dem Motto »Access to medicines, care and information- The pharmacist is at the heart of it all« werden sich vom 30. August bis zum 4. September mehrere Tausend Pharmazeuten treffen. Eine gute Gelegenheit für deutsche Pharmazeuten, an dem internationalen Kongress teilzunehmen, wird sich 2015 bieten: da kommt er nach Düsseldorf.

 

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