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Buruli-Ulcus

Mykobakterien zerfressen Haut und Knochen

04.09.2006
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Buruli-Ulcus

Mykobakterien zerfressen Haut und Knochen

Von Brigitte M. Gensthaler, Lomé

 

Eine rätselhafte Krankheit breitet sich seit einigen Jahren in tropischen und subtropischen Feuchtgebieten aus. Vor allem in Afrika erkranken immer mehr Menschen an einem Buruli-Ulcus. Unbehandelt zerstört die Infektion Haut, Weichteilgewebe und Knochen der Patienten.

 

Im Vergleich zu klassischen Tropenkrankheiten wie Malaria, Typhus und Diarrhö tritt das Buruli-Ulcus nur selten auf. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt es sogar zu den »vernachlässigten Tropenkrankheiten«. Weltweit werden jährlich etwa 20.000 Menschen davon befallen. Doch erschreckend sind nicht die Fallzahlen, sondern die furchtbaren Folgen für die Patienten. Mehr als die Hälfte ist bei der Erstdiagnose bereits verstümmelt. Etwa 70 Prozent der Erkrankten sind jünger als 15 Jahre.

 

Benannt ist die Infektionskrankheit nach einem Distrikt in Uganda, in dem sie um 1960 vermehrt auftrat. Schon 1948 beschrieb Professor Dr. Peter MacCallum in Australien die Erkrankung als »Bairnsdale-Ulcus« und entdeckte den Verursacherkeim Mycobacterium ulcerans, ein Bakterium aus der Familie der Lepra- und Tuberkulose-Erreger. Doch es war vermutlich der britische Arzt Sir Albert Cook, der die Hautgeschwüre bereits 1897 in Kampala, Uganda, erstmals korrekt beschrieb.

 

Erst mit Zunahme der Zahl an Buruli-Erkrankungen in Westafrika, wie sie seit etwa zwei bis drei Jahrzehnten zu beobachten ist, wurden Ärzte und Gesundheitsbehörden wieder auf die folgenschwere Infektion aufmerksam. 1998 startete die WHO die Global Buruli Ulcer Initiative (GBUI) und organisiert seitdem jährlich Expertentreffen, um die weltweite Aufmerksamkeit für die Krankheit zu schärfen (www.who.int/buruli/en). Im letzten Jahr einigte sich die GBUI auf eine einheitliche Strategie, die die Staaten im Kampf gegen Buruli umsetzen sollen.

 

Fälle von Buruli-Ulcus wurden bislang aus mehr als 30 Ländern in Subsahara-Afrika, Amerika, Asien und im Westpazifik gemeldet. Nach Tuberkulose und Lepra stellt Buruli die dritthäufigste mykobakterielle Erkrankung dar. Experten gehen jedoch von einer hohen Dunkelziffer in Entwicklungsländern aus, da viele Betroffene in ländlichen Regionen leben und keinen Zugang zum Gesundheitssystem haben.

 

Viele verstecken ihre Geschwüre, um nicht aus der traditionellen Dorfgemeinschaft ausgestoßen zu werden, erklärt die Ärztin Dr. Akpedze Adzoa Nomenyo, die in dem westafrikanischen Togo das staatliche Buruli-Programm leitet. Noch immer werde die Krankheit als Zeichen für Hexerei, Verwünschung oder Strafe Gottes angesehen. Angst vor Ansteckung und fehlendes Wissen über die Behandelbarkeit drängten die Betroffenen weiter ins soziale Abseits. Wesentliche Elemente der staatlichen Kampagnen seien daher die Schulung von Ärzten, Krankenschwestern und Gesundheitshelfern sowie die Aufklärung der Bevölkerung. Dazu gehört auch das Wissen um die ersten Anzeichen der Infektion.

 

Gefahrenzeichen erkennen

 

Buruli beginnt fast immer schmerzlos mit Schwellungen, Verhärtungen oder Knoten unter der Haut. Unbehandelt schreitet die Erkrankung ohne Schmerzen und Fieber voran, führt zu Plaques und Ödemen und schließlich zu ausgedehnten Ulzerationen. Haut, Weichteilgewebe und Knochen werden regelrecht zerfressen.

 

Mycobacterium ulcerans produziert das Toxin Mycolacton, das die Gewebeschäden auslöst und zudem die Immunantwort unterdrückt. Häufig siedeln sich Superinfektionen in den Wunden an und können zu Sepsis und Tod führen, berichtet Nomenyo. Bei den meisten Patienten stoppe die Erkrankung auch ohne Behandlung irgendwann von selbst. Jedoch müssten viele Patienten bleibende Schäden erdulden: massive Narbenbildung, Verkrüppelung und Verlust von Gliedmaßen oder Organen wie Augen und Geschlechtsorgane.

 

Rätselhafter Infektionsweg

 

Buruli-Geschwüre werden oft bei Menschen beobachtet, die in der Nähe von langsam fließenden oder stehenden Gewässern, an Seen und in Sumpfgebieten leben und arbeiten. Neun von zehn Patienten erkranken an den Beinen, jeder Körperteil kann aber betroffen sein. Manche Betroffene berichten von vorangehenden Hautwunden. Der exakte Übertragungsweg ist unklar, ebenso der Grund für den Anstieg der Erkrankungszahlen.

 

Nach neuen Erkenntnissen lebt Mycobacterium ulcerans nicht frei in der Umwelt, sondern besetzt eine Nische in wasserreicher Umgebung, zum Beispiel kleine Wasserinsekten oder Biofilme. In Afrika und Australien wurden die Erreger in bestimmten Mücken- und Moskito-Arten nachgewiesen.

 

Nahezu sicher ist, dass Buruli nicht von Mensch zu Mensch weitergegeben wird, betont die togoische Ärztin. Anders als bei Tuberkulose gebe es bislang keine Hinweise, dass HIV-positive Menschen für eine Buruli-Infektion prädisponiert sind.

 

Wie die Erreger von Lepra und Tuberkulose kann Mycobacterium ulcerans im Wundsekret mikroskopisch nachwiesen werden. Diese Diagnosemethode ist preiswert und auch in armen Ländern und Regionen etabliert. Ein neuer innovativer PCR-Test mit Trockenreagentien könnte die Diagnose in ländlichen Regionen erleichtern, hofft die WHO. Die Produktion von Mycolacton-Antikörpern und die Entdeckung von spezifischen Proteinen sollen die Entwicklung einfacher, schneller Tests vorantreiben. Anlass zur Hoffnung gibt auch die Entschlüsselung der Genomsequenz des Bakteriums, die Ende des letzten Jahres veröffentlicht wurde.

 

Antibiotika und Chirurgie

 

Die therapeutischen Möglichkeiten sind bescheiden, jedoch wesentlich erfolgreicher in Frühstadien. Dann kann der Erreger operativ aus Haut und Gewebe entfernt werden und es bleibt nur eine kleine Narbe. Eine acht- bis zwölfwöchige Behandlung mit Rifampicin und Streptomycin/Amikacin ist ebenfalls möglich, kann meist ambulant erfolgen und erspart mitunter die Operation.

 

In späteren Stadien müssen Ulcera und nekrotisches Gewebe großflächig chirurgisch abgetragen und Hautdefekte mit Transplantaten geschlossen werden - eine Arbeit, die in Entwicklungsländern nur in wenigen spezialisierten Krankenhäusern möglich ist. Zudem müssen die Patienten monatelang in der Klinik bleiben und versäumen Arbeit und Schule. Mitunter bleibt nur die Amputation der Gliedmaße. Antibiotika sind in Spätstadien wirkungslos, werden aber zur Behandlung von bakteriellen Superinfektionen gebraucht. Bis zu 30 Prozent der Patienten erleiden Rückfälle.

 

Vorbeugen kann man der Infektion bislang nicht. Nach Angaben der WHO bietet die Mycobacterium bovis enthaltende Bacillus-Calmette-Guérin-Impfung (BCG) einen kurzzeitigen Schutz. Eine Durchimpfung der Bevölkerung in betroffenen ländlichen Regionen könnte daher sinnvoll sein. Langzeiterfolge seien aber nur von neuen Vakzinen zu erwarten. Verbesserte BCG-ähnliche Impfstoffe, Lebendimpfstoffe mit attenuierten Mycobacterium-ulcerans-Isolaten oder Subunit-Impfstoffe, die auf Oberflächenproteinen oder dem Toxin selbst basieren, stehen ganz oben auf der Agenda der Forscher.

Spendenaktion für Buruli-Opfer

Mit einer Arzneimittelspende im Wert von rund 5000 Euro unterstützt das Hilfswerk der Bayerischen Apotheker das togoische Gesundheitsministerium im Kampf gegen das Buruli-Ulcus. Bei einem Gespräch mit Gesundheitsministerin Suzanne Aho in Lomé überreichte Hilfswerk-Geschäftsführer Dr. Gerhard Gensthaler 14 Pakete mit Medikamenten. Die gespendeten Basisarzneimittel nach WHO-Standard entsprechen einer Bedarfsliste des Ministeriums, die dem Hilfswerk von der Alfons-Goppel-Stiftung übermittelt wurde. Ziel der bayerischen Apotheker sei es, erkrankten Menschen in Togo eine gute medikamentöse Versorgung zu ermöglichen, betonte Gensthaler. Daher habe man besonderen Wert auf Antibiotika, Analgetika und Desinfizientien gelegt. Erfreut war die Ministerin über die gesicherte Qualität und die lange Laufzeit der Medikamente.

 

In Togo sind derzeit etwa 2000 Menschen vom Buruli-Ulcus betroffen. Vor allem in Meeresnähe und auf dem Plateau häuften sich die Fälle, sagte Aho. Gemäß der WHO-Kampagne werde die Infektion derzeit in das nationale Gesundheitsüberwachungsprogramm integriert. Schwerpunkt hat dabei die Aufklärung. Die ländliche Bevölkerung werde mit Plakaten, bebilderten Heften und Kampagnen über die Krankheit und die Chancen der frühen Therapie informiert. Ärzte, Krankenschwestern und medizinisches Assistenzpersonal, aber auch Lehrer und Dorfhelfer würden geschult. In den beiden Buruli-Schwerpunktkliniken in Togo könnten Ärzte spezielle Operationstechniken erlernen. Hier werden auch die Medikamente des Hilfswerks (www.hilfswerk-bayern.de) zum Einsatz kommen, sagte Aho.

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