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Stichtage

Erste Hilfe in der Wespen-Hochsaison

20.08.2008
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Stichtage

Erste Hilfe in der Wespen-Hochsaison

Von Elke Wolf

 

Der Stich einer Honigbiene, Wespe oder Hornisse ist für die meisten Menschen zwar schmerzhaft, aber harmlos. Mit einfachen Maßnahmen kann der Schaden in Grenzen gehalten werden. Die Devise lautet hier vor allem: schnell handeln. (Lebens-)Gefährlich kann ein Stich jedoch für Allergiker werden. 

 

Im Spätsommer kann es an der Kaffeetafel oder beim Grillfest im Garten ungemütlich werden. Angezogen vom süßen oder würzigem Geruch der Nahrungsmittel gesellen sich ungebetene Gäste an den Tisch: Wespen. Dabei sind es von den etwa 61 Arten weltweit nur zwei, die sich auch über menschliche Nahrung hermachen; die Deutsche und die Gemeine Wespe. Doch selbst Letztere futtert nicht den Kuchen, weil sie schlichtweg gemein wäre. Vielmehr geschieht der Angriff am gedeckten Tisch aus natürlichem Überlebensdrang: Kohlenhydrate aus Obst und Kuchen benötigen die Wespen für ihre Organfunktionen, Proteine aus Steak und Wurst für ihre Larven.

 

Das Herumgesumme ist zwar lästig, doch Wespen sind keineswegs so aggressiv wie ihr Ruf. Vielmehr ist das typische Schwirren um die Nahrungsquelle der Versuch der schlecht sehenden Tiere, ihre Optik auf das Objekt der Begierde scharf zu stellen. Angriffsflüge dagegen werden gerade und zielstrebig ausgeführt. Sie stechen in der Regel nur, wenn sie sich bedroht fühlen. Deshalb ist es ratsam, nicht um sich zu schlagen. Langsame Bewegungen nehmen die Tiere nämlich kaum wahr. Auch Hornissen reagieren entgegen der landläufigen Meinung sehr selten aggressiv. Ihr Gift ist nicht gefährlicher als das von Wespen oder Honigbienen.

 

Beim Stechen drücken die Insekten Gift in die Wunde. Das verursacht ein heftiges Brennen. Die Stelle schmerzt stark und ist mitunter massiv geschwollen. Die Schwellung kann bis zu fünf oder sechs Tage anhalten. Die Ausmaße sind jedoch abhängig von der Einstichstelle und der Menge des Gifts, sodass die Reaktion sehr unterschiedlich ausfallen kann.

 

Meist ist der schmerzhafte Stich nach ein paar Tagen vergessen. Gefährlich wird es jedoch, wenn Wespe und Co. im Mund, auf der Zunge oder im Hals- und Schläfenbereich zugeschlagen haben. Um lebensbedrohliche Schwellungen zu verhindern, ist sofort mit Eiswürfeln zu kühlen (lutschen!) und ein Arzt zu rufen. Auch bei Massenstichen zum Beispiel durch einen Bienenschwarm ist ein Arzt zurate zu ziehen. Gleiches gilt, wenn es Säuglinge oder Kleinkinder getroffen hat, wenn die Haut um den Einstich stark anschwillt oder wenn rote Streifen sichtbar sind, die herzwärts ziehen.

 

Gestochen: Was hilft?

 

Je schneller man nach einem Stich handelt, desto weniger Malheur hat man damit. Ist ein Stachel in der Haut zu sehen, hat eine Biene ihr Unwesen getrieben und den Stich mit dem Leben bezahlt. Wespen behalten dagegen ihren Stachel. Der Stachel ist sofort mit einer Pinzette zu entfernen, ohne dabei die giftgefüllte Blase zu quetschen, die am Stachel hängt. Je schneller, desto besser, weil weniger Gift in die Wunde gelangt. Danach lindern Kühlung und Druck die Schmerzen und verhindern, dass sich die Giftstoffe ausbreiten. Geeignet sind Cold-Packs, die mit einem dünnen Tuch umwickelt werden, Kompressen mit Essigsaurer Tonerde oder verdünntem Isopropylalkohol. Auch 10-prozentiger Ammoniak direkt auf die Wunde getupft nimmt die Schwellung. Per Osmose werden die Giftstoffe aus der Wunde gezogen. Eine frisch angeschnittene Zwiebel oder Honig haben den gleichen Effekt.

Auf einen Blick

Bei Bienenstichen den Stachel möglichst vorsichtig, ohne Druck auf den daran hängenden Giftapparat, mit einer Pinzette entfernen.   

Bei Stichen von Bienen, Wespen oder Hornissen bei Kleinkindern oder Säuglingen sofort zum Arzt!

Die Einstichstelle kühlen (Cold-Packs, Eiswürfel oder verdünnter Alkohol).

Bei Stichen im Mund-Rachen-Raum oder an den Lippen Eiswürfel lutschen und sofort zum Arzt!

Auftragen von juckreizstillenden Salben oder Gelen mit Antihistaminika. Hydrocortison-Zubereitungen nicht bei Kindern unter sechs Jahren

Personen mit bekannter Insektengiftallergie sollten immer ein entsprechendes Notfall-Medikament mit sich führen. Notarzt rufen!

 

Antiallergische Gele oder Cremes mit Bamipin (zum Beispiel Soventol®), Dimetinden (Fenistil®), Clemastin (Tavegil®) oder Chlorphenoxamin (Systral®) wirken abschwellend und sind auch für die sofortige Selbstmedikation eines Insektenstichs geeignet. Gelgrundlagen wirken zusätzlich kühlend. Achtung: Zubereitungen mit Hydrocortison nehmen die Entzündung, sollten aber nicht bei Kindern unter sechs Jahren zum Einsatz kommen.

 

Besonders für Kinder eignen sich homöopathische Zubereitungen. Apis D6 ist die Soforthilfe bei Bienen- und Wespenstichen. Anfangs werden alle 15 Minuten, dann halbstündlich fünf Globuli gegeben. Bei Wespenstichen eignet sich auch Vespa germanica C30. Davon werden sofort nach dem Stich und dann alle 15 Minuten sechs Globuli verabreicht. Bei Stichen in Gesicht und Hals sowie Anzeichen allergischer Reaktionen sofort den Notarzt rufen und Apis beziehungsweise Vespa germanica allenfalls zur Überbrückung bis zu seinem Eintreffen geben. Beide Homöopathika kann man unterstützend auch äußerlich anwenden. Dazu einige Tropfen oder Globuli in Wasser geben und damit die Einstichstelle betupfen.

 

Stich mit tödlicher Gefahr

 

Das Gift von Bienen, Wespen und Hornissen ist selbst bei einer größeren Anzahl von Stichen normalerweise nicht lebensgefährlich. Anders für Allergiker: Bereits ein einziger Stich kann lebensbedrohlich sein. Innerhalb weniger Minuten reagiert der Allergiker mit Schweißausbrüchen, Atemnot, tränenden Augen, Hautausschlägen, Schwindel, Herzrasen, Zittern, Übelkeit oder Erbrechen. Im Extremfall kann es zu einem anaphylaktischen Schock mit Bewusstlosigkeit und Atem- beziehungsweise Kreislaufstillstand kommen. Dann ist umgehend der Notarzt zu rufen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts sterben jährlich 10 bis 40 Menschen an den Folgen eines anaphylaktischen Schocks. Übrigens: Menschen, die ACE-Hemmer, β-Blocker oder Antirheumatika einnehmen, an Asthma oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden, haben ein erhöhtes Risiko, mit einer starken allergischen Reaktion auf Insektenstiche zu reagieren.

 

Wer um seine Insektengiftallergie weiß, sollte im Sommer immer ein Notfallset bei sich tragen, das der Arzt verordnet hat. Es enthält ein trinkbares Antihistaminikum und ein Cortisonpräparat (zum Beispiel Celestamine®) sowie Adrenalin zur Selbstinjektion in den Muskel (bei zu erwartenden respiratorischen Symptomen zusätzlich ein Adrenalinpräparat zum Inhalieren). Dennoch: Das Notfallset ist nur eine Erste-Hilfe-Maßnahme und kein Ersatz für ärztliche Hilfe. Die Notfallmedikamente sind sicherheitshalber auch dann mitzuführen, wenn eine Hyposensibilisierung erfolgreich verlaufen ist.

 

Apropos Hyposensibilisierung: Die spezifische Immuntherapie ist bei Insektengiftallergikern sehr erfolgreich. Zwischen 80 und 100 Prozent der Patienten tolerieren anschließend einen Stich des Insekts ohne systemische Reaktion. Allerdings sind für die Behandlung rund drei bis fünf Jahre einzuplanen. Klassiker ist die subkutane Art der Verabreichung der Mini-Allergendosen. Etwas jünger ist die sublinguale Form der Therapie, wobei das Allergen per Tropfen oder als Tabletten verabreicht wird.

 

Einige der Insektengiftallergiker reagieren besonders heftig auf einen Stich, die nämlich, die neben einer Sensibilisierung auf Insektengift erhöhte Werte der Mastzell-Tryptase im Blut haben. Dieses Enzym ist für die Heftigkeit der Reaktion auf Insektengifte verantwortlich. Etwa 10 Prozent der Insektengiftallergiker haben einen erhöhten Tryptasewert. Mehr als 80 Prozent von ihnen erleiden bei einem Stich einen Schock oder eine nahezu tödliche Reaktion. Anders bei den Betroffenen ohne auffällige Enzymwerte: Von ihnen reagieren lediglich 20 Prozent besonders heftig. Wegen der besonderen Bedrohung sollten sich diese speziellen Insektengiftallergiker unbedingt hyposensibilisieren lassen. Bei ihnen hilft die Behandlung fast immer. Anders als im Normalfall müssen jedoch Patienten mit erhöhten Mastzell-Tryptase-Werten lebenslang die spezifische Immuntherapie in Kauf nehmen.

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