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Oxymetazolin und Xylometazolin

Gefahr für Säuglinge und Kleinkinder

20.08.2013
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Von Antje Neubert / Nasale Vasokonstriktoren können bei Säuglingen und Kleinkindern schwerwiegende Nebenwirkungen hervorrufen. Dies macht ein kürzlich publizierter Fallbericht erneut deutlich. Apotheker sollten bei Abgabe dieser Medikamentengruppe intensiv beraten und auf mögliche Nebenwirkungen und Gefahren einer Überdosierung hinweisen.

In der »Monatsschrift für Kinderheilkunde« wurde kürzlich über einen Fall berichtet, in dem ein 30 Tage altes Mädchen dreimal täglich 0,1 ml 0,05-prozentige Xylometazolin-Schnupfenlösung erhalten hatte und anschließend wegen Erbrechen, Apnoe und Bewusst­losigkeit auf die Intensivstation der Kinderklinik aufgenommen werden musste. Das Mädchen hatte zwei Tage vor der Aufnahme ein schnarchendes Geräusch über die Nase entwickelt. Die Hebamme diagnostizierte aufgrund dieses, auch physiologisch bei Neugeborenen vorkommenden Atemmusters, einen »Säuglingsschnupfen« und empfahl eine Behandlung mit abschwellenden Nasentropfen.

 

Keine Indikation unter zwei Jahren

 

Der Säugling wurde mit Xylometazolin 0,05 Prozent Schnupfenlösung behandelt, obwohl dieses Präparat laut Fachinformation für Kinder unter zwei Jahren nicht zugelassen ist. Auf Anraten der Hebamme erfolgte die Applikation mittels einer Feindosierungsspritze, jeweils 0,1 ml in jedes Nasenloch dreimal über den Tag verteilt. Die kumulative Dosis betrug somit 300 µg Xylometazolin. In der Nacht entwickelte das Neugeborene schließlich Erbrechen und zeigte eine auffällige Atmung. Kurzfristig aufgetretene Apnoephasen ließen sich durch Stimulation durch die Eltern verbessern. Aufgrund der Persistenz der Symptome erfolgte eine Vorstellung in der Notaufnahme der Klinik, wo es auf der Intensivstation versorgt wurde.

 

Aufgrund der anamnestischen Xylometazolin-Gabe erfolgte eine Bestimmung der Substanz im Urin mittels Gaschromatografie/Massenspektrometrie. Dabei fand sich eine stark erhöhte Ausscheidung von Xylometazolin. Das Kind erholte sich spontan nach 26 Stunden, die Atmung war unauffällig, und es fanden sich keine weiteren Symptome, sodass die Symptomatik durch eine Xylometazolin-Intoxikation erklärt werden konnte. Dieser Fallbericht zeigt erneut, dass lokal applizierte Sympathomimetika zur Abschwellung der Nasenschleimhaut bei Neugeborenen schwerwiegende, unerwünschte Wirkungen hervorrufen können und damit gefährlich sind.

 

Cochrane Review: Erst ab zwölf Jahren

 

Die Gefährlichkeit von Sympatho­mimetika enthaltenden Nasentropfen bei Neugeborenen und Kleinkindern ist bekannt. Im »Deutschen Ärzteblatt« wurde schon 2006 über drei Neugeborene berichtet, die nach Dosierungen in der zugelassenen Indikation ins Koma gefallen waren. Das schlechte Nutzen-Risiko-Verhältnis nasal verabreichter Sympathomime­tika wird dadurch verdeutlicht, dass auch bei bestimmungsmäßigem Gebrauch Vergiftungserscheinungen auftreten können. Insbesondere sind Apnoen und Koma bis hin zur Intuba­tionspflicht beschrieben. Ein systematischer Review der »Cochrane Library« kommt zu dem Schluss, dass die Daten zur Anwendung von nasal angewendeten, abschwellenden Medikamenten unzureichend sind und diese daher bei Kindern jünger als zwölf Jahre nicht angewendet werden sollten.

 

Pharmakologisch sind abschwellende Nasentropfen direkte oder indirekte α-adrenerge Rezeptoragonisten (Adrenozeptor-Agonisten, Sympathomimetika). Während bestimmte α1- und α2-Adrenozeptor-Agonisten in der Peripherie Sympathikus-Wirkungen wie Blutdruckanstieg bewirken, können andere, vor allem lipophile Substanzen insbesondere mit Imidazolstruktur durch die überwiegende Aktivierung zentraler α2-Rezeptoren zu einer Abnahme der Feuerfrequenz und damit zu einer antisympathotonen Wirkung mit Blutdrucksenkung und Bradykardie führen. Der bekannteste Vertreter in dieser Gruppe ist Clonidin, der, zunächst als nasaler Vasokonstriktor entwickelt, eine gute antihypertensive Wirkung aufweist. Gleichzeitig verfügt Clonidin aber auch über sedierende und analgetische Effekte, weshalb es auf Intensivstationen zur Sedierung und zur Behandlung von Entzugssyndromen eingesetzt wird.

 

Oxymetazolin und Xylometazolin sind Imidazolderivate, die primär über eine Stimulation peripherer α2-adrenerger Rezeptoren vasokonstriktorisch wirken und somit die Schleimhautschwellung vermindern. Aufgrund Ihrer Struktur muss man davon ausgehen, dass diese Substanzen gut in das Nervensystem penetrieren, wo sie an zentralen α2-adrenergen Rezeptoren die Herzfrequenz senken und sedierend wirken, was bis zur Atemdepression führen kann. Bei Neugeborenen und Kleinkindern ist die Pharmakologie dieser Substanzen nicht hinreichend untersucht, aber es ist offensichtlich, dass sie schnell ins Gehirn penetrieren und einen Koma-ähnlichen Zustand verursachen können.

 

In England darf frei verkäufliches Xylometazolin oder Oxymetazolin nur bei Kindern ab sechs Jahren eingesetzt werden. Im Gegensatz dazu stehen in Deutschland niedrig dosierte Darreichungsformen zur Verfügung, die bereits für Säuglinge zugelassen sind.

 

In den letzten Jahren warnten ausländische Behörden immer wieder vor der Anwendung von sympathomimetischen Schnupfen- und Erkältungsmitteln bei Kindern. Diese Warnungen wurden bedauerlicherweise jedoch nicht in Deutschland ausgesprochen. Während α-adrenerge Nasentropfen mittlerweile auf dem britischen und italienischen Markt so gut wie keine Rolle spielen, gehören sie in Deutschland zu den beliebtesten nicht verschreibungspflichtigen Arzneimitteln – auch für Kinder.

 

Ein Lichtblick, dass vielleicht auch die deutschen Behörden die Gefährlichkeit dieser Medikamente für Säuglinge und Kleinkinder erkannt haben, ist die Tatsache, dass kürzlich das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte die Nachzulassung des Präparats Otriven® Baby abgelehnt hat mit der Begründung, dass die vorliegenden Daten weder die Wirksamkeit noch die Unbedenklichkeit des Arzneimittels ausreichend zeigen. Es wurde allerdings darauf hingewiesen, dass sich Präparate mit Xylometazolin, einem Wirkstoff mit vergleichbarer Wirksamkeit, auf dem Markt befinden.

 

Tatsache ist, dass die Wirksamkeit und Unbedenklichkeit von nasalen Vasokonstriktoren bei Neugeborenen und Säuglingen nicht gezeigt ist und diese Arzneimittel in dieser Altersgruppe durchaus gefährlich sein können. Die Abgabe dieser Medikamente in der Apotheke sollte auf keinen Fall un­kritisch erfolgen. Nach Möglichkeit sollten therapeutische Alternativen wie physiologische Kochsalzlösung empfohlen werden. /

 

Literatur bei der Verfasserin

 

Säuglinge und Kleinkinder sollten nach Möglichkeit keine α-Adrenergika, sondern thera­peutische Alternativen wie physiologische Kochsalzlösung bekommen.

Anschrift der Verfasserin

Privatdozentin Dr. Antje Neubert,

Kinder-und Jugendklinik Universitäts­klinikum Erlangen/Nürnberg,

Loschgestraße 15,

91054 Erlangen,

Telefon 09131 85-41237,

E-Mail: antje.neubert(at)uk-erlangen.de

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