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Wissenschaftssystem

Forschung und Förderung trennen

13.08.2013  17:30 Uhr

Von Manfred Schubert-Zsilavecz / Wie soll Forschung an deutschen Universitäten künftig gestaltet werden? Drei wissenschaftliche Gremien haben sich nun zu dieser Frage geäußert. Sie fordern unter anderem, Forschung und Forschungsförderung institutionell zu trennen.

Das deutsche Wissenschaftssystem hat sich in den letzten zehn Jahren erheblich verändert. Zahlreiche von Bund und Ländern zusätzlich finanzierte Programme und Initiativen, wie die Exzellenzinitiative und der Pakt für Forschung und Innovation, aber auch der Qualitätspakt Lehre, haben gravierende Veränderungsprozesse mit nachhaltigen Folgen vor allem für die Universitäten in Gang gesetzt. Dieses Maßnahmenpaket hat messbar zur Verbesserung der Leistungsfähigkeit des deutschen Wissenschaftssystems und zu dessen internationaler Sichtbarkeit beigetragen.

Allerdings laufen die maßgeblichen Vereinbarungen zwischen Bund und Ländern in Kürze aus beziehungsweise müssen neu verhandelt werden. Vor diesem Hintergrund haben sich die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), der Wissenschaftsrat (WR) und die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) mit jeweils eigenen Positionspapieren zur Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems zu Wort gemeldet. Diese Stellungnahmen sind auch für die deutsche Hochschulpharmazie von Relevanz.

 

Das Positionspapier der DFG würdigt in besonderer Weise die Rolle der Universitäten, die konstitutiv für das Wissenschaftssystem und seine Selbstreproduktion sind. Nur in den Universitäten wird das gesamte Spektrum wissenschaftlicher Fächer abdeckt. Im Zentrum der Förderungen durch die DFG bleiben Einzelforschung und Forschung in Verbünden weiterhin komplementäre und gleichermaßen wichtige Typen der erkenntnisgeleiteten Grundlagenforschung.

 

Keine »Verhelmholtzung«

 

Aus Sicht der DFG ist an der systematischen Unterscheidung von Forschung und Forschungsförderung und daher auch an der institutionellen Grenze zwischen Forschungsorganisationen und Forschungsförderorganisationen festzuhalten. Hinter dieser Aussage verbirgt sich die Kritik an der sogenannten »Verhelmholtzung« des deutschen Wissenschaftssystems. Die Helmholtz-Gemeinschaft steht aktuell in der Kritik, weil sie nach Ansicht vieler Kritiker eine nicht belastbare Führungsrolle im deutschen Wissenschaftssystem für sich reklamiert und gleichzeitig auch Förderorganisation sein möchte.

 

Die DFG hält in ihrem Papier weiter fest, dass für Leistungskraft und Konkurrenzfähigkeit des gesamten deutschen Wissenschaftssystems ein ausgewogenes Verhältnis von einerseits erkenntnisgeleiteter Grundlagenforschung (für die insbesondere die Universitäten, die MPG und die DFG stehen) und andererseits programm­orientierter Forschung (wie sie etwa in der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren oder bei der Förderung durch das Bundesmini­sterium für Bildung und Forschung im Vordergrund steht) von entscheidender Bedeutung ist.

 

Als zentrale Maßnahme zur zukünftigen Wissenschaftsfinanzierung schlägt die DFG eine Weiterentwicklung des Pakets der Pakte (Exzellenzinitiative, Hochschulpakt und Pakt für Forschung und Innovation) in Form einer »Rahmenvereinbarung kooperative Wissenschaftsfinanzierung von Bund und Ländern« vor. Darin sollte auch eine Budget­entwicklung vorgesehen sein, die eine mittelfristige Planungssicherheit für die über die DFG finanzierte Forschung gewährleistet.

Die Institutionen

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft ist die zentrale Selbstverwaltungsorganisation der Wissenschaft in Deutschland. Der gemeinnützige Verein soll Wissenschaft und Forschung in Deutschland fördern und wird fast vollständig von Bund und Ländern finanziert. Ihm gehört neben Hochschulen und anderen Forschungseinrichtungen auch die Akademie der Wissenschaften an.

 

Der Wissenschaftsrat berät Bund und Länder in wissenschaftlichen Fragen und wird auch durch sie finanziert. Er setzt sich aus Wissenschaftlern und Repräsentanten des öffentlichen Lebens zusammen. Regelmäßig gibt der Rat Empfehlungen und Stellungnahmen etwa zur Entwicklung der Universitäten und zur Wissenschaftspolitik heraus.

 

Die Max-Planck-Gesellschaft ist eine außeruniversitäre deutsche Forschungsorganisation und gehört weltweit zu den führenden Einrichtungen dieser Art. Sie unterhält mehr als 80 Institute, in denen Wissenschaftler verschiedener Disziplinen Grundlagenforschung betreiben. Die Max-Planck-Gesellschaft wird zum Großteil aus öffentlichen Mitteln finanziert, hat aber auch private Förderer.

Erkenntnisse übertragen

 

Ein umfassendes und besonders lesenswertes Positionspapier hat der Wissenschaftsrat vorgelegt. Vor dem Hintergrund der anstehenden Entscheidungen hat er sich darauf konzentriert, Handlungsbedarf und mögliche Handlungsoptionen zu reflektieren und Wege aufzuzeigen, um das Wissenschaftssystem nachhaltig weiterzuentwickeln und dabei auch die bestehenden Defizite – insbesondere in der Lehre – zu überwinden.

 

Besondere Anerkennung – insbesondere im Kontext der Weiterentwicklung des Faches Pharmazie an deutschen Universitäten – verdient die Forderung des WR nach Förderung aller Leistungsdimensionen der Wissenschaft. Neben Forschung und Lehre, die traditionell zu den Kernaufgaben der Universität gehören, treten die Leistungsdimensionen Transfer und wissenschaftliche Strukturleistungen immer deutlicher in den Vordergrund. Dabei bezieht die Leistungsdimension Transfer in einem breiteren Sinne die dialogische Vermittlung und Übertragung wissenschaftlicher Erkenntnis aus allen Wissenschaftsbereichen in Gesellschaft, Kultur, Wirtschaft und Politik ein – von der Translation in der Medizin und Pharmazie über den technologischen Transfer, die Anregung von öffentlichen Debatten und gezielte Politikberatung oder vergleichbare Beratungsaktivitäten bis hin zur öffentlichen Vermittlung von Erkenntnisprozessen.

 

Zu den zentralen Forderungen des Positionspapiers der Max-Planck-Gesellschaft, welches vor allem die eigene Bedeutung und Leistungen würdigt, zählt neben der berechtigten Forderung nach Stärkung der Grundfinanzierung der Hochschulen die Fortsetzung des Pakts für Forschung und Innovation mit der bisherigen Dotierung von fünf Prozent jährlichem Aufwuchs. Mit Max-Planck-Professuren soll die Zusammenarbeit zwischen Max-Planck-Instituten und Universitäten eine neue Qualitätsstufe erreichen und Strukturbildung ermöglichen. /

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