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Virophagen

Kannibalismus unter Viren

12.08.2008  09:40 Uhr

Virophagen

Kannibalismus unter Viren

Von Daniela Biermann

 

Erstmals haben Forscher ein Virus entdeckt, das andere Viren befällt. Dieses ließe sich eventuell als Waffe gegen Pathogene einsetzen.

 

Forscher der Universität Marseille klassifizierten das Virus »Sputnik« als ersten bekannten Virophagen, wie das Fachjournal »Nature« berichtet (Doi: 10.1038/nature07218). Seinen Namen gaben ihm die Wissenschaftler um Bernard La Scola und Didier Raoult, da er sich wie ein Satellit in der Nähe seines Wirts aufhält. Dabei wirkt das etwa 50 Nanometer kleine Virus mit 21 Genen wie ein Zwerg neben seinem Opfer, einem Riesenvirus mit mehr als 900 Genen. Riesenviren selbst identifizierten die französischen Forscher erst vor fünf Jahren als solche. Zuvor wurden sie für kleine Bakterien gehalten und daher, als der Irrtum erkannt wurde, als Mimiviren (kurz für Mimikry-Viren oder »täuschende Viren«) bezeichnet.

 

Das neu entdeckte Riesenvirus fanden die Wissenschaftler in einem Pariser Kühlturm. Sein Wirt sind Amöben. Wenn es beginnt, sich in diesen zu vermehren, schaltet sich Sputnik in die Produktion der Virenpartikel ein. Es koinfiziert die Amöben, und lässt das Riesenvirus seine eigene DNA replizieren. Das Riesenvirus selbst bildet dabei nur deformierte Viruspartikel von sich selbst.

 

Sputnik enthält drei Gene aus Mimiviren. Die Forscher vermuten, dass analog zu den Bakteriophagen ein Gentransfer möglich ist. »Es ist zu früh, um zu sagen, ob wir Sputnik als eine Waffe gegen große Viren nutzen oder diese modifizieren können«, sagt La Scola. Er schließt diese Möglichkeit jedoch nicht aus.

 

Virophagen und Riesenviren könnten auch einen großen Einfluss auf das Meeresklima haben. In Meerwasserproben fanden die Entdecker der Riesenviren DNA-Sequenzen, die denen der Riesenviren und von Sputnik ähneln. Die Virologen vermuten, dass es noch mehr Vertreter dieser Virenfamilien gibt. Dabei könnten Riesenviren das Wachstum und Absterben von Plankton regulieren, was einen großen Effekt auf die Zusammensetzung der Nährstoffe in den Ozeanen und letztlich auch auf das Klima haben könnte. Satellitenviren wie Sputnik wiederum regulieren die Riesenviren. »Diese Viren könnten große Spieler in globalen Systemen sein«, schätzt Curtis Suttle, Experte für marine Viren an der Universität British-Columbia in Vancouver, Kanada. »Ich denke wir werden letztlich eine riesige Menge neuer Viren im Ozean und an anderen Orten finden.«

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