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Künstliche Intelligenz

Chancen für die Pharmabranche

07.08.2018
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Von Jennifer Evans / Die Pharmabranche kann durch die neuen Möglichkeiten künstlicher Intelligenz (KI) in vielen Bereichen profitieren. Skeptiker warnen allerdings vor neuen Problemen.

Fast jeder zweite Deutsche (43 Prozent) hofft, dass KI zur Entwicklung innovativer Medikamente beitragen wird. Das geht aus einer Umfrage des Beratungsunternehmens PwC hervor. Zudem versprechen sich die Befragten bessere Therapien zum Schutz vor Krankheiten wie etwa Krebs.

Nach Angaben des biopharmazeutischen Dienstleisters Parexel lassen sich mithilfe von KI vor allem die Kosten im Pharmamarkt erheblich senken sowie die Entwicklungszeit neuer Arzneimittel verkürzen. Das liege daran, dass KI und Robotic Process Automation viele Prozesse automatisierten und auch Prognosen präziser träfen. Ein weiterer Vorteil für Pharmaunternehmen ist demnach, mithilfe von Cloud- und Big-Data-Technologien Zugriff auf immer mehr Daten zu haben, die die Arzneimittelentwicklung optimieren können. Diese Daten ermöglichen nämlich maschinelles Lernen. So können Zusammenhänge schneller erkannt, Muster definiert und Prognosen aufgestellt werden, um da­raus effektivere und intelligentere Entscheidungen abzuleiten.

 

Risiken minimieren

 

Isabelle de Zegher, Vize-Präsidentin im Bereich Engineering bei Parexel, hebt Felder hervor, in denen die Pharmaindustrie von der digitalen Transformation profitiert. Das betrifft etwa die schnelle Identifikation einer geeigneten Wirkstoffdosis nach pharmakokinetischen und pharmakodynamischen Kriterien. Forscher könnten humanbasierte Studien durch computerbasierte Tests ersetzen und so das potenzielle Risiko für Freiwillige mit Blick auf die Arzneimitteldosierung während einer Phase-1-Studien erheblich minimieren, sagte sie. Außerdem werde das Risiko vorhersagbar, wie treu Probanden ihrer Therapie bleiben und wie wahrscheinlich es ist, dass sie die Studie abbrechen. Steigern ließen sich Patientenzufriedenheit und die Therapietreue künftig mit Sprachassistenten, die den Studienteilnehmern jederzeit Fragen beantworten.

 

Nach de Zeghers Angaben können die neuen Möglichkeiten ebenfalls dabei helfen, ein optimales Studiendesign auszuwählen, weil im Vorfeld verschiedene klinische Studien simuliert werden. Entsprechende KI-basierte Simulationsmechanismen könnten zudem das Versorgungsmanagement an Forschungsstandorten effizienter gestalten, indem sie etwa den Arzneimittelbedarf bei besonders kostspieligen Präparaten optimierten, so de Zegher. Auch werde es möglich, Daten aus verschiedenartigen Quellen schneller zu erfassen und zu standardisieren. Das bedeutet, unstrukturierte Texte mithilfe der sogenannten Natural-Language-Processing-Technik in analysefähige Datensätze umzuwandeln. Das ist laut Parexel besonders für Hybridstudien relevant, bei denen die Integration realer Daten etwa aus der elektronischen Patientenakte eine Rolle spielt.

 

Auf künstliche Intelligenz setzt auch die Bundesregierung. Beim Digitalgipfel 2018 im Dezember will sie eine entsprechende Strategie vorstellen. Ziel dieser ist es, Deutschland in Entwicklung, Forschung und Anwendung in diesem Bereich auf ein weltweit führendes Niveau zu bringen. Das teilte die Bundesregierung kürzlich mit. »Artificial Intelligence made in Germany« soll zum internationalen Gütesiegel werden. Gleichwohl sieht sich die Bundesregierung in der Pflicht, »eine verantwortungsbewusste und gemeinwohlorientierte Nutzung von KI in Zusammenarbeit mit Wissenschaft, Wirtschaft, Staat und Zivilgesellschaft« anzustreben.

 

Folgen für das Patentrecht

 

Die Entwicklung bewertet jedoch nicht jeder positiv. Das Fachblatt »Nature« veröffentlichte vor Kurzem einen Beitrag (DOI: 10.1038/d41586-018-05555-6), der ein mögliches Problem in den Fokus rückt. Autor Lutz Heuer warnt vor den Folgen der KI für das Patentrecht. Bislang greift dies, wenn etwas sowohl neu als auch von einer Person selbst erfundenen wurde. Heuer fürchtet nun, KI-Algorithmen oder deren Programmierer könnten beanspruchen, technisch ausgewertete Muster entdeckt zu haben und damit selbst die Erfinder zu sein. Stelle ein Programm Zusammenhänge her und sage diese sogar voraus, handele es sich aber womöglich nicht mehr um geistiges Eigentum und demzufolge auch nicht um eine Erfindung im eigentlichen Sinne. /

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