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Libanon

Mit Heilpflanzen gegen Haschisch

03.08.2015
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Von Michael Keusgen / Mittel- und Südostasien sind traditionelle Anbaugebiete für pflanzliche Rauschgifte wie Schlafmohn und Hanf. Leider haben die Kriegswirren der vergangenen Jahre zu einer verstärkten Kultivierung derartiger Pflanzen in dieser Region geführt. Das ist auch im Libanon der Fall. Ein im Zuge einer Studienreise diskutiertes Heilpflanzen-Projekt soll als Alternative zum illegalen Cannabis-Anbau etabliert werden.

Im Libanon kommen auf etwa sechs Millionen Einwohner rund 1,5 Millionen Flüchtlinge, die vornehmlich aus Syrien stammen. In dem zu Syrien grenznahen Bekaa-Tal wurden am Rande der dörflichen Siedlungen aus wenigen Zelten und umso mehr Plastikplanen »wilde« Flüchtlingscamps ohne jegliche geordnete Infrastruktur errichtet. Auch wenn das Bekaa-Tal fruchtbar ist, ist die Bevölkerung überwiegend arm und muss sich nun um eine große Anzahl Flüchtlinge kümmern. 

 

Wegen der allgemeinen Not in diesem Gebiet kam es leider zu der unheilvollen Entwicklung, neben Getreide, Gurken und Tabak auch zunehmend den »Roten Libanesen« (Cannabis sativa) anzubauen, da sich hiermit höhere Profite erzielen lassen als mit Getreideanbau. So gibt es inzwischen viele kleine Feldparzellen, auf denen Cannabis unter primitiven Umständen kultiviert wird. Damit ist das Statement der UN von 1994, dass es im Bekaa-Tal keinen Drogenanbau mehr gebe, nicht länger haltbar.

 

In dieser recht chaotischen Situation stechen die wenigen christlichen Siedlungen deutlich hervor. Die Orte machen trotz einer ebenfalls hohen Zahl an Flüchtlingen einen relativ gepflegten Eindruck. Ein gutes Bespiel hierfür ist die Ortschaft Deir el Ahmar, wo das neu errichtete Kloster »Monastère de jésus abondonné« steht. In gemeinsamen Diskussionen mit der Klosterleitung wurde die Idee geboren, in Deir el Ahmar mit einem nachhaltigen Heilpflanzenanbau zu starten, um der lokalen Bevölkerung eine lukrative Einnahmequelle als Alternative zum Cannabis-Anbau zu eröffnen.

 

Syrischer Rhabarber

 

Beispielsweise wachsen im Libanon zahlreiche Ätherisch-Öl-Pflanzen von guter Qualität, zum Beispiel Salbei (Salvia officinalis). Für den Anbau interessant ist aber auch der sogenannte »Syrische Rhabarber« (Rheum ribes), der erst oberhalb von 1000 Metern wächst und von den Libanesen intensiv genutzt wird. 

Es wird das in der Sonne getrocknete und geschälte Rhizom verwendet, von dem ein unzerkleinertes Bruchstück (5 bis 10 Millimeter groß) über Nacht in kaltes Wasser eingelegt und dieses am nächsten Morgen vor dem Frühstück getrunken wird. Das hellgelbe Kaltmazerat schmeckt extrem bitter und soll die Leberfunktion unterstützen sowie den Gallenfluss anregen. Offenbar kommt es bei dieser Art der Anwendung nicht zu einer spürbaren abführenden Wirkung, auch wenn diese den Einheimischen durchaus für Rhabarberrhizom bekannt ist.

 

Da das Rhizom extensiv genutzt wird, erscheinen die natürlichen Bestände von Rheum ribes im Libanon stark gefährdet. Der Plan ist nun, die Rhizome von wild gesammelten Pflanzen zu teilen und diese dann zur Regeneration in Klosternähe einzupflanzen, um dort mittelfristig einen nachhaltigen Anbau zu ermöglichen. Bis auf Weiteres wurde den Ortsbewohnern der Rat gegeben, bei Wildsammlungen nicht das gesamte Rhizom einer Pflanze auszugraben, sondern einen ausreichend großen Teil für die Regeneration des Rhabarbers im Boden zu belassen.

 

Test auf kleinen Parzellen

 

In dem diskutierten Projekt sollen ausgewählte Arzneipflanzen auf kleinen Parzellen eingepflanzt werden, um deren Eignung für eine spätere, großflächigere Kultivierung zu testen. Im Oktober soll das Projekt dem Patriarchen der Maronitisch-katholischen Kirche vorgestellt werden und weitere unterstützende Maßnahmen diskutiert werden. 

Ebenfalls müssen die Parzellen vorbereitet werden und ein Konzept zur Bewässerung entwickelt werden. Da die Region sehr schneereich ist, bietet sich der Bau von Wasserauffangbecken an, wie sie auch schon jüngst für die Bewässerung von Obstgärten angelegt wurden. Bisher wurde das Projekt von der Maronitischen Kirche sehr positiv aufgenommen und kann dazu beitragen, die schwierige Situation im Bekaa-Tal zu verbessern. Allen Beteiligten ist klar, dass sich der Erfolg nicht von heute auf morgen einstellt, sondern viel Arbeit erfordert. Trotzdem wird das Vorhaben als eine vielversprechende Alternative im Kampf gegen den illegalen, aber offensichtlich geduldeten Cannabis- Anbau gesehen. /

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