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Gesundheitsversorgung

Ein langer Marsch

01.08.2008
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Gesundheitsversorgung

Ein langer Marsch

Von Daniel Rücker

 

Auf den ersten Blick erscheinen die Zahlen gewaltig: In der Volksrepublik China arbeiten rund 2 Millionen Ärzte, es gibt rund 120.000 öffentliche Apotheken und mehr als 3 Millionen Krankenhausbetten. Vergegenwärtigt man sich jedoch die Einwohnerzahl von rund 1,3 Milliarden, dann offenbart sich, dass es um die Gesundheitsversorgung im bevölkerungsreichsten Land der Erde nicht allzu gut bestellt ist.

 

Tatsächlich ist das Gesundheitssystem in China keinesfalls mit dem einer Industrienation vergleichbar. Wie sollte dies auch möglich sein. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) gab im Jahr 2006 ein Chinese 315\ Euro für Gesundheit aus. In Deutschland lagen damals die Gesundheitsausgaben pro Kopf bei 3250 Euro, also mehr als zehnmal so hoch. Der Unterschied ist übrigens nicht allein mit dem größeren Wohlstand in Deutschland zu erklären. Auch gemessen am Bruttosozialprodukt geben die Chinesen im Vergleich zu Deutschland weniger als die Hälfte für Gesundheit aus. Da verwundert es kaum, dass sich diese Sparsamkeit auch in der Lebenserwartung niederschlägt, sie liegt bei chinesischen Männern fünf und bei Frauen sieben Jahre niedriger als in Deutschland. Und die Zahl der Kinder, die vor dem fünften Geburtstag sterben liegt mit 2,5 Prozent sogar fünfmal höher.

 

Die schlechte Situation der chinesischen Gesundheitsversorgung überrascht, denn schon kurz nach der Revolution schrieb sich die Kommunistische Partei die soziale Sicherung auf die Fahnen. Bereits 1953 gab es für die städtische Bevölkerung eine kostenlose Krankenversicherung, die die Behandlung in eigens dafür aufgebauten Gesundheitseinrichtungen gewährleistete. Die Versicherung übernahm auch die Kosten für Medikamente und zahlte bei Krankheit 100 Tage lang den Lohn weiter. Auf dem Land wurde analog dazu eine kooperative Gesundheitsversorgung für die Bauern aufgebaut. Allerdings musste das Geld dafür von den Brigaden selbst verdient werden, was in der Praxis nicht ausreichend funktionierte. Immerhin sorgten die in Traditioneller Chinesischer Medizin ausgebildeten Barfußärzte, die von Dorf zu Dorf zogen, für eine medizinische Grundversorgung.

 

Doch der für ein Entwicklungsland frühe Einstieg in eine umfassende Sozialversicherung hatte keinen Bestand. Mit dem Umbau der Wirtschaft in den Siebziger- und Achtzigerjahren verlor ein Großteil der Werktätigen, in der Stadt wie auf dem Land, seine gesundheitliche Absicherung wieder.

 

In der Folgezeit gelang es China leidlich, die Gesundheitsversorgung in den Städten neu zu organisieren. Im Dezember 1998 erließ der Staatsrat der Volksrepublik China einen »Beschluss zur Errichtung eines Grundkrankenversicherungssystems für Beschäftigte in Städten und Gemeinden«. So wurde wenigstens eine neue Basisversicherung aufgebaut. Damit konnte in den Städten eine halbwegs funktionierende Versorgung aufrechterhalten werden.

 

Abseits der Städte war es dagegen lange Zeit privaten medizinischen Einrichtungen zu verdanken, dass die dort lebenden Menschen überhaupt Zugang zu medizinischer Versorgung hatten. Erst in den letzten Jahren hat die Regierung begonnen, die alten kooperativen Gesundheitseinrichtungen wieder aufzubauen. Die große Kluft zwischen ländlicher und städtischer Gesundheitsversorgung konnte damit bislang jedoch nicht geschlossen werden.

 

Trotz der Bemühungen der vergangenen Jahre stellt die WHO China aber immer noch kein gutes Zeugnis aus. Das schnelle wirtschaftliche Wachstum spiegele sich nicht in zusätzlichen öffentlichen Investitionen in das Gesundheitswesen wider, heißt es im Länderdossier China auf der WHO-Website. Inklusive städtischer Basisversicherung und ländlicher Kooperativen waren im Jahr 2005 nur rund 40 Prozent der Chinesen krankenversichert, rund 20 Prozent der Landbevölkerung und 50 Prozent der Städter. Und auch die haben in der Regel keinen umfassenden Gesundheitsschutz, sondern nach europäischen Maßstäben eher eine Grundversorgung..

 

Wer krank wird, der wird deshalb heute auch schnell arm, weil er den größten teil der Kosten privat tragen muss. Die Preise für die medizinische Versorgung und Arzneimittel sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Schließlich müssen Ärzte, Apotheken und Krankenhäuser Gewinne erwirtschaften, um existieren zu können. Oft kostet auch nicht nur die medizinische Behandlung Geld. Viele Ärzte und Krankenhäuser erwarten Extrazuwendungen, damit sie überhaupt mit der Arbeit anfangen.

 

Zwar sollte eine weitere Reform im Jahr 2007 die Situation weiter verbessern und den Versicherungsschutz ausweiten, doch die WHO sieht China noch auf einem langen Marsch bis zu einer Gesundheitsversorgung, wie sie die Vereinten Nationen in ihren Milleniumszielen festgeschrieben haben. Weder bei der Reduktion der Kindersterblichkeit, der Verbesserung der Frauengesundheit oder dem Kampf gegen Infektionskrankheiten, allen voran HIV/Aids, sei die Regierung am Ziel. Die in den vergangenen Jahren registrierte Verbesserung der Volksgesundheit sei auch nicht das Resultat von Gesundheitsreformen, sondern einer besseren Ernährungssituation.

 

Arzneimittel und Kosmetika

 

Die Rolle der Apotheken in China ist auf den ersten Blick mit der in Deutschland durchaus vergleichbar. Die rund 120.000 öffentlichen Apotheken in der Volksrepublik haben die Aufgabe, die Bevölkerung mit verschreibungspflichtigen und OTC-Arzneimitteln zu versorgen. Darüber hinaus bieten sie gesundheitsfördernde Arzneimittel und Kosmetika an.

 

In vielen Apotheken spielen die Produkte der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) eine große Rolle. Daraus resultiert auch ein erheblicher Unterschied zwischen deutschen und chinesischen Apotheken. In der TCM geben die Apotheker nicht nur die Medikamente ab, sie fungieren hier auch als Arzt. Im Gegenzug ist es den Ärzten gestattet, Arzneimittel abzugeben.

 

Neben den öffentlichen Apotheken gibt es in China auch Krankenhausapotheken. Hier werden im Gegensatz zu den öffentlichen Apotheken noch zahlreiche Medikamente selbst hergestellt. Anders als in deutschen Krankenhäusern sind in chinesischen Klinikapotheken pflanzliche Arzneimittel, Heilkräuter und TCM gang und gebe. Nach einem staatlichen Beschluss sind die Krankenhausapotheken verpflichtet, Forschung zu betreiben. Auch der Forschungsinhalt ist dabei vorgegeben: Sie sollen sich um die Zusammenführung von westlicher und Traditioneller Chinesischer Medizin verdient machen.

 

Den deutschen Apothekern nicht fremd dürfte die Diskussion sein, inwieweit Krankenhausapotheken auch ambulante Patienten versorgen dürfen. In China hat die Frage noch größere Relevanz, weil in vielen Regionen die Patienten bei allen Erkrankungen grundsätzlich in die Klinik gehen. Bislang erhielten diese Patienten dann auch ihre Arzneimittel direkt im Krankenhaus. Nun wird aber diskutiert, die ambulante Versorgung durch Krankenhäuser einzuschränken.

 

Seit 2003 sind Apotheken in China nicht mehr zwingend in Staatsbesitz. Das haben allerdings nicht nur Apotheker genutzt, sondern auch Kapitalgesellschaften. In kurzer Zeit haben Drogerie-Konzerne große Apothekenketten aufgebaut. Dem Unternehmen China Nepstar gehörten 2007 rund 1800 Apotheken. In einigen Jahren sollen es bis zu 10.000 werden. In ähnliche Dimensionen will die Sanjiu Enterprise Group vorstoßen.

 

Auch in China findet die Ausbildung zum Apotheker an der Universität statt. Vier Jahre dauert es, bis der Bachelor of Science erworben ist. Zu den Studieninhalten gehören wie in Deutschland Physik, Chemie, Biologie, Medizin und verschiedene pharmazeutische Disziplinen wie Klinische Pharmazie, Pharmakologie oder Pharmaceutical Care.

 

Beim Kauf von Medikamenten in chinesischen Apotheken ist allerdings Vorsicht geboten. Das Land gehört zu den Hochburgen der Arzneimittelfälschen. Ein guter Teil der Plagiate wird in die Industriestaaten geschafft. Manches wandert aber auch auf den heimischen Markt. Nach Angaben des German Pharma Health Fund starben im Jahr 2001 rund 200.000 Chinesen nach der Einnahme gefälschter Medikamente.

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