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Sexualverhalten

Was Weibchen zu Männchen macht

07.08.2007  16:13 Uhr

Sexualverhalten

Was Weibchen zu Männchen macht

Von Christina Hohmann

 

Ob sich Mäuseweibchen ihrem Geschlecht entsprechend benehmen oder sich wie Mäuseriche verhalten, entscheidet ein Sinnesorgan in der Nase. Diese neue Erkenntnis bringt die bisherige Lehrmeinung zu geschlechtsspezifischem Verhalten ins Wanken.

 

Weibliche Mäuse kümmern sich um ihren Nachwuchs und lassen den Geschlechtsakt duldsam über sich ergehen. Wird ihnen aber ein bestimmtes Sinnesorgan in der Nasenscheidewand ausgeschaltet, ändert sich ihr Verhalten radikal: Sie schnüffeln an den Hinterteilen anderer Mäuse, versuchen diese zu besteigen und zeigen die typisch männlichen Beckenbewegungen.

 

Schon seit Längerem ist bekannt, dass das vomeronasale Organ, eine paarig angelegte Röhrenstruktur in der Nase, eine wichtige Rolle beim Sexualverhalten spielt. Die Sinneszellen im sensorischen Epithel dieses Organs nehmen Pheromone wahr und leiten deren Signale an das Gehirn weiter. Als Rezeptor für Pheromone dient hierbei das Protein TRCP2.

 

Um die Rolle des vomeronasalen Organs genauer zu untersuchen, schalteten Catherine Dulac und ihre Kollegen von der Harvard University in Cambridge bei Mäuseweibchen das Rezeptorprotein TRCP2 gentechnisch aus. Die so veränderten Weibchen waren sexuell aggressiver, bestiegen ihre Artgenossen beiderlei Geschlechts und stießen männliche Lockrufe aus.

 

Wie genau der Ausfall des TRCP2-Gens das Verhalten veränderte, war den Forschern nicht klar. Die Stilllegung des Gens könnte bereits im Mutterleib zu einer abnormen Entwicklung des Gehirns führen. Um dies zu testen, machten Dulac und ihre Kollegen einen weiteren Versuch: Sie entfernten ausgewachsenen Mäuseweibchen, deren Gehirn vollständig entwickelt war, das vomeronasale Organ operativ. Diese Mäuseweibchen zeigten dasselbe aggressive männliche Sexualverhalten.

 

Die Forscher schließen daraus, dass beide Geschlechter über die Gehirnstrukturen verfügen, die typisch männliches Verhalten steuern. Nur bei Mäuseweibchen blockiert das vomeronasale Organ diese Schaltkreise, schreiben die Wissenschaftler im Fachjournal »Nature« (Doi: 10.1038/nature06089). Dies widerspricht der bisherigen Lehrmeinung, der zufolge Sexualhormone bereits im Mutterleib die Entwicklung des Gehirns so beeinflussen, dass sich ein typisch männliches beziehungsweise weibliches Gehirn bildet.

 

Inwieweit die neuen Erkenntnisse auf andere Spezies zu übertragen sind, ist unklar. Die meisten Säuger besitzen ein vomeronasales Organ. Ob dieses beim Menschen funktionstüchtig ist, wird in Fachkreisen noch diskutiert.

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