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Appetitlosigkeit

Keine Lust auf Essen

03.08.2007
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Appetitlosigkeit

Keine Lust auf Essen

Von Annette Immel-Sehr

 

Viele haben gesundheitliche Probleme, weil ihnen das Essen einfach zu gut schmeckt. Aber auch das Gegenteil, die Appetitlosigkeit, ist ungesund. Sie kann aufs Gemüt schlagen und zu einer unzureichenden Versorgung mit essenziellen Nährstoffen führen.

 

Unter Appetit versteht man das lustvolle Verlangen, etwas Bestimmtes zu essen oder zu trinken. Anders als bei Hunger besteht nicht unbedingt ein unmittelbarer Nahrungsbedarf des Körpers. Appetit wird durch psychische Faktoren wie Stress, Gefühle und Gewohnheiten beeinflusst. Auch Sinneseindrücke wie Aussehen, Geruch, Geschmack, Temperatur und Konsistenz einer Speise wirken stark auf den Appetit. Die Lust aufs Essen wird durch ein kompliziertes System im ZNS geregelt, das bis heute noch nicht ganz entschlüsselt ist. Es ist im limbischen System lokalisiert und steht mit der Hunger-Sättigung-Regulation im Hypothalamus in Kontakt.

 

Verschiedene Neurotransmitter sind an der Appetitregulation beteiligt: Insbesondere Serotonin spielt eine große Rolle, daneben sind eine Vielzahl von Neuropeptiden, endogenen Opioiden und Cannabinoiden involviert. Auch einzelne Nahrungskomponenten wie Glucose, Fettsäuren und einige Aminosäuren haben spezifische Wirkungen auf die zentrale Appetitregulation. Umgekehrt scheinen verschiedene Neurotransmittersysteme die Vorliebe für einzelne Nährstoffe und Geschmacksrichtungen zu steuern.

 

Der sogenannte »gute Appetit« trägt bei vielen Menschen dazu bei, dass sie wesentlich mehr essen, als zur Sättigung notwendig wäre. Umgekehrt führt dauerhafte Appetitlosigkeit dazu, dass Menschen zu wenig essen und ihren Nährstoffbedarf nicht mehr decken. Schwäche, Infektanfälligkeit und verzögerte Rekonvaleszenz können die Folge sein. Davon abgesehen, geht auch ein Stück Lebensqualität verloren, wenn Essen und Trinken kein Genuss und Wohlbefinden mehr schenken.

 

Appetitlosigkeit ärztlich abklären

 

Kurz dauernde Appetitlosigkeit, zum Beispiel während eines grippalen Infektes, erfordert keine Intervention. Nach der Genesung stellt sich der Appetit wieder ein und ein leichter Gewichtsverlust ist schnell von selbst ausgeglichen. Dauerhafte Appetitlosigkeit aber ist ernst zu nehmen. Geht sie mit auffälligem Gewichtsverlust einher, ist unbedingt eine ärztliche Diagnose erforderlich. Denn dahinter kann sich eine schwere konsumierende Erkrankung oder auch eine larvierte Depression verbergen. Auch bei leichter Appetitlosigkeit sollte eine Arzt konsultiert werden, wenn die Selbstmedikation nach zwei bis drei Wochen keine Besserung bringt.

 

Schwindender Appetit ist leider eine häufige Folge des natürlichen Alterungsprozesses. Geschmacks- und Geruchssinn sowie Sehkraft nehmen im höheren Lebensalter ab und damit fehlen die Reize, die »das Wasser im Munde zusammenlaufen« lassen. Appetitlosigkeit und Völlegefühl können auch die Folge einer ungenügenden Magensaftsekretion sein. Häufig sind die Symptome in den Komplex »Oberbauchbeschwerden« eingebettet und gehen mit Übelkeit, Druckgefühl und Aufstoßen einher. Auch Arzneistoffe wie Chinolone, Metronidazol oder L-Dopa können das Geschmacksempfinden beeinträchtigen.

 

Von der allgemeinen Appetitlosigkeit sind Veränderungen der Geschmacksvorlieben zu unterscheiden. Typisches Beispiel sind die mitunter merkwürdigen Bedürfnisse von Schwangeren. Problematisch ist die Situation bei Krebskranken. Hier kommt es aufgrund der Erkrankung und/oder der Therapie häufig zu erheblichen Veränderungen in der Geschmackswahrnehmung. Statt Appetit stellt sich dann oft Ekel ein, wenn das Essen aufgetragen wird.

 

Auch bei einer Demenzerkrankung treten häufig bereits im frühen Stadium Wahrnehmungsstörungen beim Geruch und Geschmack auf. Sie können dazu führen, dass der Kranke seine Vorlieben ändert und mitunter äußerst unübliche Lebensmittelkombinationen wünscht. Werden sie nicht umgesetzt, verliert er das Interesse am Essen.

 

Sowohl bei Krebs als auch bei Demenz gilt es, die Bedürfnisse des Kranken herauszufinden und ihm eine Wunschkost anzubieten. Andernfalls kann es zu Mangelernährung kommen, die das Fortschreiten der Erkrankung fördert. Da sich die Vorlieben immer wieder ändern können, müssen Angehörige und Pflegekräfte flexibel bleiben.

Was den Appetit anregt

im Freien bewegen, zum Beispiel ein kleiner Spaziergang vor dem Mittagessen

Esszimmer beziehungsweise Wohnung täglich gut zu lüften, damit »alte« Essensgerüche verschwinden

viele kleine Mahlzeiten statt einer großen Mahlzeit anbieten

Speisen appetitlich anrichten

kräftig würzen, um die Sinne anzuregen

einen Aperitif vor dem Essen trinken (alkoholisch oder säuerlich-bitter wie Grapefruitsaft)

 

Bitter macht hungrig

 

Appetitlosigkeit ist vor allem eine gut etablierte Indikation für Phytopharmaka. Zum Einsatz kommen in erster Linie Bitterstoffdrogen, aber auch solche mit ätherischem Öl oder Scharfstoffen. Die Bitterstoffe stimulieren die Bitterrezeptoren der am Zungengrund lokalisierten Geschmacksknospen. Reflektorisch wird dann Speichel, Gastrin und Magensäure ausgeschüttet (kephalische Sekretionsphase). Die Gastrin- und nachfolgende Magensaftausschüttung wird auch durch direkten Kontakt mit der Magenschleimhaut ausgelöst (gastrische Sekretionsphase). Diese Wirkung wurde zum Beispiel für Alkohol, Coffein, Bitterstoffe und Calciumionen gezeigt.

 

Für die Erregung ist eine bestimmte Mindestkonzentration (Schwellenkonzentration) erforderlich. Dagegen können zu hohe Konzentrationen an Bitterstoffen einen gegenteiligen Effekt auslösen, das heißt den Appetit hemmen.

 

Zubereitungen aus bitterstoffhaltigen Drogen entfalten ihre Wirkung am besten, wenn sie eine halbe Stunde vor der Mahlzeit eingenommen werden. Um nicht nur eine direkte Stimulation im Magen zu bewirken, sondern bereits die Rezeptoren im Zungengrund anzuregen, sind flüssige Zubereitungen wie Tinkturen, Säfte und Teeaufgüsse festen Darreichungsformen vorzuziehen. Die nachfolgenden Bitterstoff-Drogen gehören zu den Klassikern bei der Behandlung von Appetitlosigkeit: Enzianwurzel, Tausendgüldenkraut, Angelikawurzel, Benediktenkraut, Pomeranzenschale, Condurango-Rinde, Chinarinde, Schafgarbenkraut und Wermutkraut.

 

Auch ätherische Öle können auf direktem und reflektorischem Weg die Ausschüttung von Verdauungssäften anregen. Dies ist der Grund, warum auch Zubereitungen aus Fenchel- und Anisfrüchten den Appetit stimulieren können. Scharfstoffe steigern ebenfalls die Speichelsekretion und fördern auf reflektorischem Weg die Magensaftsekretion und die Peristaltik des Darmes. Diese Wirkung wird durch eine Erregung von Schmerz- und Thermo-Rezeptoren ausgelöst. Neben Senfsamen und Knoblauchzwiebeln zählen Kalmus-, Galgant- und Ingwerwurzel zu den Scharfstoffdrogen, die bei Oberbauchbeschwerden eingesetzt werden.

 

Cyproheptadin bei schweren Fällen

 

Mitunter ist auch eine chronisch-atrophierende Magenschleimhautentzündung die Ursache der mangelnden Säureproduktion. Die Belegzellen sind dann häufig nicht mehr ausreichend stimulierbar, sodass die genannten Arzneidrogen wirkungslos bleiben. In diesem Fall kann man versuchen, die Beschwerden mit Salzsäure, Citronensäure oder Glutaminsäure (Pepsaletten®) zu bessern. Dazu werden 30 bis 60 Tropfen Acidum hydrochloricum dilutum auf ein Glas Wasser beziehungsweise 0,25 bis 1 Gramm Citronensäure oder 250 bis 750 mg Glutaminsäure vor der Mahlzeit empfohlen. Zwar bleibt man mit dieser Menge erheblich unter der normalerweise aus den Belegzellen ausgeschütteten Säuremenge, trotzdem scheint die Säuregabe vielen Betroffenen zu helfen. Eine Substitution von Pepsin bei Völlegefühl, Übelkeit und Appetitlosigkeit wird dagegen heute nicht mehr als sinnvoll erachtet.

 

Zur Behandlung schwerer Appetitlosigkeit bei auszehrenden Erkrankungen wie Krebs oder Aids steht das verschreibungspflichtige Cyproheptadin (Peritol®) zur Verfügung. Es wirkt als Serotonin- und Histaminrezeptorantagonist. Das Indikationsspektrum dieses Arzneistoffs ist breit: Außer zur Appetitsteigerung wird er auch bei Urticaria und anderen allergischen Symptomen sowie bei vaskulär bedingten Kopfschmerzen eingesetzt. Zur Behandlung von Appetitlosigkeit nehmen Erwachsene zwei- bis dreimal täglich 4 mg ein.

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