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Raub-Journals

Geschäftemacherei statt Wissenschaft

25.07.2018
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Von Christina Hohmann-Jeddi / Unseriöse Fachverlage drucken Publikationen gegen Bezahlung – fast ohne Prüfung der Inhalte. Forscher weltweit, auch in Deutschland, wählen immer öfter diesen Weg der Veröffentlichung, wie eine aktuelle Recherche ergab. Das gefährdet die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft an sich.

Mit dem Begriff Raubjournal konnte bis vor Kurzem kaum jemand etwas anfangen. Das hat sich durch eine Recherche, an der Journalisten von NDR, WDR und »Süddeutsche Zeitung Magazin« beteiligt waren, nun geändert. Dem Bericht zufolge sollen mehr als 5000 deutsche Forscher Studien in unseriösen Fachzeitschriften, in sogenannten Raubzeitschriften (predatory journals), veröffentlicht haben. Weltweit sind es demnach etwa 400 000 Forscher.

Diese Raubjournale halten die gängigen Qualitätssicherungs­maßnahmen nicht ein. Normalerweise wird eine bei einem Fachjournal eingereichte Arbeit vor der Publikation von unabhängigen Experten desselben Forschungsgebiets begutachtet.

 

Dieser Prozess, das sogenannte Peer Reviewing, kostet Zeit und kann damit enden, dass die Gutachter Nachbesserungen fordern oder die Arbeit sogar ablehnen. Bei angesehen Journals ist die Ablehnungsquote ausgesprochen hoch; »Science« zum Beispiel akzeptiert nach eigenen Angaben weniger als 7 Prozent der eingereichten Arbeiten.

 

Publikation ohne Prüfung

 

Bei unseriösen Verlagen entfällt diese Begutachtung, obwohl sie vorgeben, peer-reviewed zu sein. Vielmehr schreiben die Verlage Mitarbeiter von Forschungseinrichtungen gezielt an, um ihnen gegen Geld eine Publikationsmöglichkeit anzubieten. Wie seriös die Zeitschriften sind, ist mitunter selbst für Experten schwer zu erkennen. Für die Verlage ist das ein lohnendes Modell. Manche von ihnen haben Hunderte verschiedene Zeitschriften im Angebot. Im Fokus des aktuellen Skandals stehen die zwei Verlage Waset aus der Türkei und OMICS aus Indien.

 

Die Verlage nutzen das eigentlich sinnvolle Prinzip von Open-Access-Journalen aus. Diese sind für alle Menschen kostenlos verfügbar. Da Abonnementeinnahmen wegfallen, finanzieren sich diese Zeitschriften über Gebühren, die die Autoren zu bezahlen haben. Seriöse Open-Access-Zeitschriften wie die »Public Library Of Science« (PLOS) und »BioMed Central« (BMC) arbeiten aber nach den gleichen Regeln der Qualitätssicherung wie Printjournals und sind ähnlich hoch angesehen wie beispielsweise »Nature« oder »Science«.

 

Die Raubverlage haben erkannt, dass sich mit Publikationen gegen Bezahlung viel Geld verdienen lässt. Für eine Veröffentlichung müssen Autoren je nach Journal mehrere Hundert bis mehrere Tausend Euro bezahlen. Diese Praktiken sind schon seit Längerem bekannt. Der ehemalige Bibliothekar der University of Colorado in Denver, Jeffrey Beall, weist bereits seit 2009 regelmäßig auf solche Zeitschriften hin. Ihm zufolge arbeiten etwa 10 Prozent aller Open-Access-Journals ohne Begutachtungssystem. Er erstellte eine entsprechende Liste von mutmaßlich unseriösen Journals und Verlagen, die aber nicht unumstritten war. Im Januar 2017 musste er seinen Blog mit der genannten Blacklist wegen Androhungen von Klagen schließen. Seine Liste ist jedoch weiterhin im Netz zu finden und auch das texanische Unternehmen Cabell’s International veröffentlicht eine eigene Liste, die allerdings kostenpflichtig ist.

 

Neu ist also nicht das Problem selbst, sondern dessen Ausmaß: Dem Rechercheteam zufolge hat sich die Zahl solcher Publikationen bei fünf der wichtigsten unseriösen Verlage seit 2013 weltweit verdreifacht, in Deutschland sogar verfünffacht. Mehr als 5000 deutsche Forscher sollen mindestens einmal in einer solchen Zeitschrift publiziert haben. Das beträfe etwa 1,3 Prozent des wissenschaftlichen Personals an deutschen Hochschulen. Darunter befinden sich auch Professoren und Lehrstuhlinhaber, Wissenschaftler von Forschungseinrichtungen etwa der Helmholtz-Gesellschaft oder der Fraunhofer-Gesellschaft sowie Wissenschaftler von Unternehmen wie Bayer, BMW oder Siemens.

 

Hoher Publikationsdruck

 

Wie kommen Forscher dazu, in solchen Journalen zu veröffentlichen? Ein gewisser Teil tut dies vermutlich aus Unwissenheit, weil er die Seriosität des Verlags nicht geprüft hat. »Als Forscher bekommt man jeden Tag Anfragen von solchen Journals zugeschickt, ob man als Experte nicht Publikationen einreichen möchte«, sagt Professor Dr. Theo Dingermann von der Goethe-Universität in Frankfurt am Main der PZ. Einige könnten sich geschmeichelt fühlen und das Angebot annehmen.

 

Ein Teil der Forscher hat vermutlich dem Publikationsdruck nachgegeben, der auf ihnen lastet. »Wissenschaftler stehen unter enormem Leistungsdruck«, so Dingermann. Auf jede freie Stelle in der Forschung kämen unzählige Bewerber. Bei der Beurteilung der Forschungsarbeit des Bewerbers werde diese ein Stück weit trivialisiert, denn es zählten letztlich nur die Summe der eingeworbenen Mittel und die Zahl der Publikationen. Entsprechend gilt in der Wissenschaft der Grundsatz »publish or perish« (publiziere oder stirb). Da die Ablehnungsquote renommierter Journale so hoch ist, müssen die meisten Arbeiten nacheinander bei verschiedenen Zeitschriften eingereicht werden und jeweils den langwierigen Begutachtungsprozess durchlaufen, bis sie veröffentlicht werden. Manche Forscher könnten dann nach einem Ausweg suchen, der den Prozess abkürzt, so Dingermann.

 

Glaubwürdigkeit beschädigt

 

Die Folgen dieser Praxis seien enorm. Der Skandal habe das Bild der Wissenschaft in der Öffentlichkeit beschädigt. Die in einigen Teilen der Gesellschaft ohnehin schon bestehende Fundamentalkritik an der Forschung erhalte durch die Berichte über Pseudowissenschaftsverlage neues Futter. »Die wissenschaftliche Gemeinschaft ist mit der Thematik bislang inadäquat umgegangen, indem sie das Problem nicht rechtzeitig erkannt oder ignoriert beziehungsweise auch unbewusst akzeptiert hat«, sagt Dingermann. Das deutsche Hochschulsystem und die Forschungsgemeinschaft insgesamt seien für dieses Thema nicht ausreichend sensibilisiert gewesen.

 

Das wird sich jetzt ändern. »Die erste Aufgabe aller Gruppen, die etwas zu entscheiden haben, wird es sein, bei der Beurteilung Veröffentlichungen in unseriösen Zeitschriften von den Publikationslisten zu entfernen.« Daher sei es gut, dass die Thematik jetzt in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Allerdings sei es deutlich schwieriger, den Inhalt und Neuigkeitswert einer Forschungsarbeit zu beurteilen, als die Publikationen zu zählen. Und ganz ausschließen lässt sich Pfusch damit auch nicht: In einem so kompetitiven Feld wie der Wissenschaft werde immer auch mal betrogen – auch in Publika­tionen in Printmedien. /

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