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Farbpsychologie

Bunt heilt schneller

24.07.2017  14:10 Uhr

Von Jennifer Evans / Heilen und Pflegen sollte so angenehm wie möglich sein. Farben können dabei für Patienten positive Impulse setzen. Der Farbforscher Professor Axel Venn erklärt, wie das deutsche Gesundheitswesen vom gezielten Einsatz von Farbe profitieren würde.

Das Farbensehen wirkt sich stark auf das Bewusstsein und das Unterbewusstsein aus. Davon ist die zeitgenössische Psychologie überzeugt. Farben lösen Venn zufolge Empfindungen wie etwa schwer und leicht oder warm und kalt aus. Aus unserer qualitativen Bewertung dieser Empfindungen entstehen dann Gefühle wie angenehm und unangenehm oder freundlich und unfreundlich. Auf die Gefühle folgen – durch den Abgleich mit bereits Erlebtem im Gehirn – automatisch intuitive Vorstellungen. »Das Nachdenken steht erst an letzter Stelle«, betont der Ber­liner Farbforscher.

Wohlfühl-Barometer steigt

 

Diesen Effekt sollten nach Venns ­Ansicht besonders Gesundheitsein­richtungen wie Krankenhäuser, Pflege­einrichtungen, Arztpraxen und Reha- Zentren nutzen. »Farben können ein begleitendes Therapieprodukt sein«, sagt er. Angesichts der demografischen Entwicklung steige die Sehnsucht der Menschen, sich ihr Wohlbefinden bis ins hohe Alter zu bewahren. Aber die Einflüsse reichten noch weiter: Nicht nur das Wohlfühl-Barometer der Patienten steige, und sie benötigten vielleicht sogar weniger Medikamente. Nein, auch eine Praxis kann mithilfe der richtigen Farbgestaltung kompetenter wirken. Und das Pflegepersonal arbeite, umgeben von einem angenehmen Farbklima, sogar besser.

 

Um sein Plädoyer für mehr Farbe in Gesundheitseinrichtungen wissen­schaft­lich zu fundieren, führte Venn eine Untersuchung unter rund 70 Personen im Alter zwischen 18 und 83 Jahren durch. Dafür sollten die Teilnehmer ihre Farbneigungen zu 120 für die Gesundheitsbranche relevanten Begriffen in Bildern ausdrücken. Mit identischen Farbkästen und Pinseln ausgestattet, gestalteten diese dann kleine Gemälde zu Adjektiven wie beispielsweise schmerzfrei, beschützt, giftig, stimulierend, depressiv oder lindernd. Jedes der entstandenen Werke wurde im Anschluss gescannt, Ton für Ton analysiert und dessen Farbigkeit exakt kodiert. Dafür zog Venn das RAL-Design-System heran, eine international genutzte wissenschaftliche Farbmesstechnik, die 1625 normierte Farbtöne über Zahlen präzise definiert. Etwa 340 Einzeltöne hat der Farbforscher über diese Vorgehensweise für den Gesundheits­bereich herausgefiltert. Die 120 von den Probanden am häufigsten verwendeten und relevantesten Farben hat er dann in einem Farbfächer zusammengestellt. Eine Palette, die als Gestaltungshilfe für Gesundheitseinrichtungen dienen soll.

 

Farbe als Metasprache

 

Ziel der Untersuchung des emeritierten Professors für Farbgestaltung und Trendscouting war es, Farbwelten zu definieren, die Gesunden, Kranken und Rekonvaleszenten helfen. Seine Beobachtungen beweisen: Farben, die mit Heilung assoziiert werden, sind unabhängig von Mode, Geschlecht und kulturellen Sehgewohnheiten. Farbe ist demnach eine Metasprache. Venn hat seine Ergebnisse schon vor einiger Zeit in einem Buch (»Farben der Gesundheit«, Callwey) zusammengefasst, in dem er die Farbwirkungen im Gesundheitsbereich sowohl anhand des farbtheoretisch-künstlerischen als auch über den analytisch-wissenschaftlichen Ansatz erklärt. Doch bislang hat das Farbwissen nach Ansicht des Experten die Entscheider im Gesundheitswesen noch nicht erreicht, geschweige denn zum Umdenken bewegt. Das bedauert er sehr. Im Gespräch mit der PZ erklärt Venn, der auch Kurator des Deutschen Farbenzentrums in Wuppertal ist, woran »diese Ignoranz« liegen könnte. /

 

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