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HIV

Vor allem ein Problem der Armen

26.07.2016
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Von Annette Mende / 2,5 Millionen Menschen auf der Erde haben sich 2015 mit HIV infiziert, drei Viertel davon leben in Afrika südlich der Sahara. Die Epidemie wäre mit einer Ausweitung von Tests und Therapie beherrschbar, doch dazu müssten die vorhandenen Gelder massiv aufgestockt werden, wie bei der internationalen Aids-Konferenz im südafrikanischen Durban deutlich wurde.

90-90-90: Was für Modebewusste nicht gerade nach Traummarke klingt, ist für Aids-Forscher und Epidemio­logen ein extrem attraktives Ziel. Hinter dieser Formel verbirgt sich eine Strategie des HIV/Aids-Projekts der Vereinten Nationen (UNAIDS): 90 Prozent der HIV-Infizierten sollen sich ihrer Infektion bewusst sein, von diesen sollen 90 Prozent eine antiretrovirale Therapie (ART) erhalten, die bei wiederum 90 Prozent zu einem Rückgang der Virus­last führen soll. Damit, so der Konsens unter Experten, ließe sich die HIV-Epidemie bis zum Jahr 2030 besiegen.

 

Trotz großer Fortschritte in vielen Ländern ist man vom Erreichen dieses Ziels jedoch noch weit entfernt. Das zeigt eine umfassende Analyse der weltweiten Inzidenzen, Prävalenzen und Mortalitätsraten, die in Durban vorgestellt und gleichzeitig im Fachjournal »The Lancet HIV« veröffentlicht wurde (DOI: 10.1016/S2352-3018(16)30087-X). Die Autoren um Dr. Haidong Wang von der University of Washington in Seattle gehören der Global-Burden-of-Disease-Gruppe an, die alle zwei Jahre eine solche Analyse veröffentlicht.

 

Infektionsrate stagniert

 

Die neuesten Zahlen zeigen, dass die Neuinfektionsrate in den vergangenen zehn Jahren nahezu unverändert geblieben ist. Da HIV-Infizierte dank ART mittlerweile eine nahezu normale Lebenserwartung haben können, stieg die Anzahl der Infizierten auf zuletzt 38,8 Millionen. HIV/Aids-bedingte Todesfälle gingen nach einem Gipfel im Jahr 2005 stetig zurück auf 1,2 Millionen im Jahr 2015. Im gleichen Zeitraum stieg der Prozentsatz der HIV-Infizierten, die eine ART erhalten, von 6,4 Prozent auf 38,6 Prozent bei Männern und 42,4 Prozent bei Frauen. Um das 90-90-90-Ziel von UNAIDS zu erreichen, müssten es bis zum Jahr 2020 allerdings noch deutlich mehr werden, nämlich 81 Prozent.

 

Es bestehen große regionale Unterschiede sowohl hinsichtlich der Neu­infektionsrate als auch bezüglich der Versorgung mit ART. In Afrika südlich der Sahara infizierten sich im vergangenen Jahr 1,8 Millionen Menschen neu mit HIV, was etwa drei Viertel der weltweiten Fälle entspricht. Gleichzeitig konnte aber dort durch eine massive Ausweitung der ART und von Maßnahmen zur Infektionsprophylaxe bei Kindern HIV-positiver Mütter die Sterblichkeit seit 2005 drastisch gesenkt werden. Entsprechende Fortschritte blieben in vielen Staaten Nordafrikas und des mittleren Ostens, aber auch in Ost­europa und Asien, dagegen aus.

 

Unter den europäischen Ländern führt Russland mit großem Abstand die Statistik der Neuinfektionen an. Hier steckten sich 2015 57 340 Menschen neu mit HIV an. Das ist jedoch nur eine Schätzung, da Russland neben Indien laut den Autoren zu den Staaten gehört, die ihre HIV-Inzidenz und -Prävalenz aus politischen Gründen geheim halten. Hinter Russland folgen in Europa die Ukraine mit 13 490 Neuinfektionen, Spanien (2350), Portugal (2220), Großbritannien (2060), Italien (1960) und Deutschland (1760).

 

Die Unsicherheit bezüglich der Aussagekraft dieser Studie betrifft allerdings nicht nur Russland und Indien, wie Dr. Virginie Supervie und Dr. Dominique Costagliola von der Sorbonne in Paris in einem begleitenden Kommentar zu bedenken geben (DOI: 10.1016/S2352-3018(16)30089-3). Wo qualitativ hochwertige Registerdaten fehlten, schätzten die Autoren nämlich die Prävalenzen und Inzidenzen auf Basis der Daten von Geburtskliniken und populationsbasierten Untersuchungen. Diese Schätzungen seien ungenau; in den meisten Ländern lägen sie um das Zwei- bis Zehnfache unter den tatsächlichen Werten, so die Kommentatoren.

 

Unterfinanzierte Entwicklungshilfe

 

Vor diesem Hintergrund ist es umso wichtiger, dass genügend Mittel für die Bekämpfung der HIV-Epidemie bereitgestellt werden. Doch es klafft eine Finanzierungslücke von mehreren Milliarden US-Dollar, wie Wang und Kollegen vorrechnen: 2015 seien zur Aids-Bekämpfung Entwicklungshilfegelder in Höhe von 10,8 Milliarden US-Dollar (9,8 Milliarden Euro) zur Verfügung gestellt worden, eine jährliche Summe, die seit 2010 etwa unverändert sei. Um das 90-90-90-Ziel zu erreichen, würden aber jedes Jahr 36 Milliarden Dollar (32,7 Milliarden Euro) benötigt – angesichts der ART-bedingt steigenden Lebenserwartung ebenfalls mit zunehmender Tendenz. Schwellenländer könnten diese Unterfinanzierung möglicherweise durch höhere Gesundheitsausgaben im Staatshaushalt ausgleichen, nicht jedoch die ärmsten Länder. Insbesondere sie bräuchten daher die Unterstützung der Industrienationen.

 

Dass Deutschland seinen Teil dazu beitragen soll, forderte zum Abschluss der Aids-Konferenz die Deutsche Aids-Hilfe. Die Bundesregierung solle die Beiträge zum globalen Fonds gegen Aids, Tuberkulose und Malaria auf 400 Millionen Euro pro Jahr verdoppeln und auch UNAIDS mehr unterstützen. Die bisherigen Beiträge entsprächen nicht der wirtschaft­lichen Stärke Deutschlands. »Die Welt kann weiter große Erfolge erringen, wenn alle dazu beitragen. Die historische Chance, HIV und Aids in den Griff zu bekommen, dürfen wir nicht verpassen«, sagte Silke Klumb, die Geschäftsführerin der Deutschen Aids-Hilfe.

 

Medikamente müssen billiger werden

 

Um HIV zurückzudrängen, müssen antiretrovirale Medikamente auch für die Ärmsten bezahlbar sein, wie die Hilfs­organisation Ärzte ohne Grenzen (ÄoG) betont. Laut einem Bericht von ÄoG, der in Durban vorgestellt wurde, sind aber insbesondere die Arzneimittel der dritten Therapielinie zu teuer. Diese wird benötigt, wenn Erst- und Zweitlinienmedikamente nicht mehr wirken oder ein Patient sie nicht verträgt. Die Jahrestherapiekosten für eine Drittlinien-ART betragen in Entwicklungsländern laut ÄoG 1800 US-Dollar (1633 Euro). Das sei zwar weniger als in Ländern mit mittlerem oder höherem Einkommen, aber dennoch für viele nicht bezahlbar. Erst- und Zweitlinien-ART sind in Entwicklungsländern dagegen deutlich billiger. Sie kosten aufgrund preisgünstiger Generika vor allem aus Indien nur 100 beziehungsweise 286 US-Dollar (90 beziehungsweise 260 Euro) im Jahr. /

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