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Bertelsmann-Stiftung

»Generalunternehmer Gesundheit«

04.07.2006
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Bertelsmann-Stiftung

»Generalunternehmer Gesundheit«

PZ/dpa / Nach monatelangem Streit der Koalition über eine Gesundheitsreform hat die Bertelsmann Stiftung spürbare Veränderungen und mehr Gesamtverantwortung im Gesundheitssystem angemahnt.

 

»Es fehlen Akteure, die eine Gesamtverantwortung für die Gesundheitsversorgung der Patienten übernehmen, insbesondere für die schwächsten Patienten wie Kinder, Ältere und chronisch kranke Menschen«, sagte Brigitte Mohn, Vorstandsmitglied der Stiftung, in Gütersloh. »Weil niemand die Fäden für ihre Genesung in der Hand hält, erleben sie und ihre Familienangehörigen eine Odyssee durch das System.«

 

Fehlende Verantwortung und Koordinierung verursachten vermeidbare Strapazen für die Patienten »und darüber hinaus unnötig hohe Kosten«, mahnte Mohn. Entscheidend sei, dass nicht länger jeder einzelne Arzt und jede einzelne Klinik am Patienten verdienten. »Sie müssten auf gemeinsame Ziele hinarbeiten«, erklärte sie. Klarheit müsse zudem darüber herrschen, wie Ärzte und Krankenhäuser mit Versicherten-Geldern umgehen und welche Leistungen sie zu welcher Qualität anbieten. Auch in dem Fall sei ein übergreifendes Management sinnvoll.

 

Die Stiftung sprach sich daher für einen so genannten »Generalunternehmer Gesundheit« aus. »Die Bezeichnung ist ein Synonym für mehr Gesamtverantwortung im Gesundheitswesen«, erklärte Mohn, Tochter des Bertelsmann-Firmenpatriarchen Reinhard Mohn. Es könne ganz unterschiedliche Versorgungsmodelle geben. »Wichtig ist nur, dass jemand für den gesamten Versorgungsprozess verantwortlich zeichnet«, sagte sie. »Damit wäre er für die Versicherten der Ansprechpartner Nummer eins.« Dass dies gelinge, zeige sich etwa in Spanien oder den USA. »Von den Modellen in diesen Ländern können wir noch sehr viel lernen.«

 

Das Modell sei besonders für Patienten mit schwierigen oder kostspieligen Krankheiten attraktiv, betonte Mohn. Bei ihrer Versorgung gebe es das größte Potenzial für bessere Qualität und mehr Effizienz. »Interessanterweise wenden sich viele Generalunternehmer in den USA bereits an gesunde Versicherte, die durch Bluthochdruck, Übergewicht oder Rauchen aber ein erhöhtes Erkrankungsrisiko aufweisen.«

 

Zwar werden die Kosten für die Gesundheit angesichts der alternden Bevölkerung weiter steigen. Bei besseren Versorgungsstrukturen könnten nach Meinung von Mohn die Ausgaben mittelfristig sinken und langfristig langsamer steigen. Es gebe einen hohen Anreiz für Generalunternehmer, auch chronisch Kranke bestmöglich zu unterstützen: »Alle Verzögerungen und zusätzlichen Komplikationen sind für sie zusätzliche Kosten, die ihre Einkommen schmälern.« Zudem führten bessere Qualität und Versorgung nicht zwangsläufig zu höheren Kosten.

 

In Deutschland gebe es einige kuriose Anreize. »Man verdient weder an der Gesunderhaltung der Gesunden noch an einer qualitätsorientierten Versorgung der Kranken, die Kosten spart«, kritisierte sie. Für deutsche Krankenhäuser sei es eine Katastrophe, wenn sie plötzlich weniger Patienten als geplant behandeln könnten.

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