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Psychologie

Mein bester Freund heißt Ärger

27.06.2017
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Von Jennifer Evans, Berlin / Starke Emotionen helfen dabei, die eigenen Grenzen zu erkennen. Das gilt auch für den Ärger. Daher ist er nicht grundsätzlich schlecht, betonte Professor Verena Kast, Psychologin und Präsidentin des C.G. Jung-Instituts Zürich, bei einem Vortrag in der Berliner Urania. Doch wie lebt man mit ihm? Für Kast steht fest: Ärger ist ein unbequemer Zeitgenosse. Kennt man ihn jedoch besser, kann er ganz humorvoll sein.

Überschreitet ein anderer Mensch die persönlichen körperlichen oder emotionalen Grenzen, ist Ärger eine natürliche Reaktion. »Wir sehen dann unsere Selbsterhaltung oder unsere Selbstentfaltung in Gefahr«, sagte Kast bei einem Vortrag in der Berliner Urania. Diese starke Emotion bringe uns dazu, die eigenen Grenzen zu schützen oder sie zu reflektieren. Das Problem dabei sei nur, dass die andere Person auf unseren Ärger meist ebenfalls mit Ärger reagiere. Die Folge sei Angst.

»Ärger stellt immer die Warnung dar: Achtung, es könnte gleich gefährlich werden.« Das führt dazu, dass diese Gemütserregung oft viel zu lange unterdrückt wird. Kast plädiert dafür, den Groll früh zuzulassen, zu formulieren und zu verstehen. Das gelinge allerdings nur, wenn »wir uns unserer eigenen Schattenseiten bewusst sind. Selbst ärgern wir andere nämlich genauso oft absichtlich, wie sie uns absichtlich ärgern. Auch, wenn es sich subjektiv anders anfühlt.« Das liege daran, dass man sein eigenes Ich meist positiver wahrnehme, als es tatsächlich ist, so Kast.

 

Schutz der Harmonie

 

Ein Beleg dafür seien passive Aggressionen, die oft unbewusst ablaufen. Umso wichtiger sei es, diese zu enttarnen. Dazu gehörten Situationen, wie etwa dem Partner absichtlich nicht zuzuhören, weil man lieber die Zeitung lesen möchte, statt ein Gespräch mit ihm zu führen. Oder zu behaupten, man habe vergessen zu putzen oder einzukaufen, obwohl man lediglich keine Lust hatte, sich am Haushalt zu beteiligen. »So wollen wir eigentlich die Harmonie einer Beziehung schützen. Es bewirkt aber genau das Gegenteil«, sagte Kast. Dieser Wirkung müsse man sich bewusst werden. Und auch der Tatsache, dass passiver genauso wie aktiver Ärger etwas mit der Angst vor dem Verlassenwerden zu tun hat. Kast rät dazu, sich auf lange Sicht lieber den Ängsten zu stellen als ständig den Ärger zuzulassen.

 

Das ist leichter gesagt als getan. Das Verführerische am Ärger ist ja, dass er das Selbstwertgefühl steigert. Ärger stimmt angriffslustig und kampfbereit und gibt einem damit einen Augenblick lang das Gefühl, unverletzbar zu sein. Beobachten lässt sich das schon bei Kindern in der sogenannten Trotzphase, wenn sie sich aus Wut einfach auf den Boden werfen. Generell sei es ein gutes Zeichen, den Ärger zuzulassen, so die Expertin. »Dann glaubt man noch daran, die Welt verändern zu können. Resigniert man hingegen, kann es zu Depressionen kommen. Eine Veränderung der Umstände erscheint einem unmöglich.« Seine Emotionen im Erwachsenenalter zu einem gewissen Grad zu kontrollieren, ist natürlich durchaus sinnvoll. »Aber den Gedanken, wenn man wollte, könnte man sich noch genauso wie das kleine Kind auf den Boden werfen, sollte man sich bewahren«, empfiehlt Kast.

 

Gewaltfantasien

 

Je früher sich ein Mensch mit seinem Ärger auseinandersetze, desto eher könne er ihm mit Humor begegnen. Wichtig zu wissen dabei sei, dass »nach großem Ärger oft eine Fantasie entsteht, in der wir uns vorstellen, was wir dem anderen antun könnten«, so Kast. Das seien Gedanken, wie den Partner oder Kollegen auf den Mond schießen zu wollen oder ihm den Hals umzudrehen. Die typischerweise gewalttätigen Ärger-Fantasien seien »Rachegedanken, die den Zweck erfüllen, das durch den Angriff verletzte Selbstwertgefühl für einen Moment lang wieder zu stabilisieren«.

Das Phänomen sei in unserer Psyche angelegt und laufe ungewollt und blitzschnell ab. Gleich danach male sich der Fantasierende aber bereits aus, wie das Gegenüber wohl auf eine solche Rache­aktion reagieren würde – nur um festzustellen, dass die Ärger-Fantasie keine gute Idee ist und die Person nur verletzen würde, so die Psychologin. »Parallel schleicht sich die Angst ein, den anderen dadurch verlieren zu können und dann lässt man es ohnehin bleiben.« Ärger und Angst seien Gegenspieler: »Wenn wir uns ärgern, haben wir Angst. Wenn wir wütend sind, soll der andere Angst bekommen.« Die Heraus­forderung sei es, die beiden antagonistischen Seiten immer wieder in Balance zu bringen. Sich nach einem Krach darüber auszutauschen, was man dem anderen in der Fantasie hätte alles antun wollen, könne sehr befreiend wirken. Allerdings setze das die Bereitschaft beider Parteien voraus, den Ärger in Humor zu verwandeln.

 

Für einen gesunden Umgang mit Ärger ist es nach Kasts Ansicht außerdem wichtig, die Auslöser identifizieren zu können. »Das Erkennen des Problems gibt einem die Macht zu entscheiden, den Ärger auch mal gut sein zu lassen.« Sich darin etwa nachts unendlich zu wälzen, bringe nichts – zumal der Auslöser dessen vermutlich im selben Augen­blick tief und fest schlafe.

 

Kast betonte, dass Ärger zwar immer wieder zu reibungsvollen Auseinandersetzungen herausfordere, »darin aber auch die Möglichkeit steckt, Situationen zu verändern«. Reiche man seinem Ärger also freundschaftlich die Hand, erhalte man mithilfe abgesteckter Grenzen langfristig sich selbst und seine Selbstentfaltung. Um mit der starken Emotion besser und gesünder umzugehen, sollte man danach streben, sich weder als Opfer noch als Angreifer zu fühlen. Kast versprach: »Mit dem Alter wird die Herausforderung leichter.« /

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